36.Kapitel

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Mehrere Wochen verstrichen und meine Erinnerungen an Derek, Sandor und an seine Tochter Loreen verblassten langsam. Natürlich wünschte ich ihnen, bis auf Derek, nur das Beste, aber ich brauchte nun die Zeit, um mich auf mich selbst zu fokussieren. Und ich war nun auch mit Theo zusammen. Ich war stolz darauf, ihn meinen festen Freund nennen zu können, genauso wie May stolz war, dass wir endlich zueinander gefunden hatten. Wenn Derek das wüsste, würde er Theo und mich ziemlich sicher eigenhändig umbringen. May hingegen schlug wortwörtlich Purzelbäume, als sie davon erfuhr und auch für meine Mutter war die Nachricht eine mehr als angenehme Überraschung. Sie liebte Theo, als wäre er ihr eigener Sohn. Und ich liebte Theo auch. Er unterstützte mich bei jeder Tätigkeit, damit es mir wieder besser ging.

Er begleitete mich zu jeder Theraphiestunde, in welchen die Psychologin mich übrigens - ganz zur Verwunderung meinerseits - nicht mit dem Stockholmsyndrom diagnostizieren konnte. Durch die Therapie wurden meine Ängste zudem besser und ich litt weniger unter Panikattacken.

Theo half mir aber auch dabei, wieder zuzunehmen. Ich erreichte schließlich wieder mein Normalgewicht, doch merkte, dass ich trotzalldem immernoch nicht meine Periode bekam. Also entschied ich mich, dem Gynäkologen einen Besuch abzustatten.

Wenige Wochen später saß ich vor dem Arzt im Stuhl und ließ mich von ihm befragen. »Ich war vor kurzer Zeit untergewichtig und bekam deshalb meine Tage nicht, jetzt habe ich aber wieder zugenommen und bekomme sie immernoch nicht. Und irgendwie höre ich jetzt garnicht mehr auf zuzunehmen.« schilderte ich grob die Situation. Der Arzt räusperte sich und auf seinem Gesicht erschien ein wissender Blick. »Ich mache mal einen Ultraschall von ihnen. Bitte legen Sie sich dort auf die Liege, ich bin gleich bei Ihnen.«

Er verschwand kurz aus dem Raum, um die Utensilien aus dem Nebenraum zu holen. Währenddessen versuchte ich mich auf der Liege zu entspannen und zog schoneinmal mein T-Shirt hoch. Es war draußen mittlerweile wärmer geworden. Die Sonne strahlte durch das große Fenster des Zimmers direkt auf mich und löste ein wohliges, angenehmes Gefühl in mir aus. Dieses erstarb jedoch, als der Arzt zurückkam und mit seiner Untersuchung begann. Aufeinmal machte sich Nervosität in mir breit. »Was ist denn? Was sehen Sie?« fragte ich hektisch, als er einfach stumm blieb, während er das Gerät über meinen Bauch und Unterleib gleiten ließ. Schließlich drehte er den Bildschirm zu mir um und ich konnte etwas kleines in meiner Gebärmutter erkennen. »Herzlichen Glückwunsch Frau Brown, Sie sind schwanger.« Perplex starrte ich ihn an, dann wieder zum Bildschirm. Mir kam das vor wie ein schlechter Scherz, nur dass sich direkt vor mir der Beweis gegen einen solchen befand.
»Sie sind bereits in der dreizehnten Woche tatsächlich. Abtreibung ist nun keine Option mehr, also hoffe ich, dass dies ein Wunschkind war. Das Ausbleiben der Periode könnte übrigens nicht nur an Untergewicht, oder einer Schwangerschaft, sondern auch an Stress gelegen haben.«

»J-Ja.«, stotterte ich geschockt und erhob mich wie in Trance. »Ich weiß, es ist erstmal ein komisches Gefühl, aber ich denke, Sie werden eine tolle Mutter sein.« Ich nickte nur.
Und als er mich entließ, lief ich so schnell wie es nur ging zu Theo, welcher vor dem Eingang der Praxis auf mich wartete. »Hey Schatz«, begrüßte er mich mit einem Kuss auf die Stirn, »Ist alles okay? Du siehst total blass aus.« In seiner Mimik spiegelte sich seine Sorge wieder.

Kennt ihr diesen Moment, in welchem ihr nicht wisst, was ihr fühlen sollt? Oder solltet?
Diesen hatte ich gerade. Ich entschloss mich, aber ehrlich zu Theo zu sein.

»Ichbinschwanger.«, nuschelte ich leise. »Was hast du gesagt?« Theos Augen weiteten sich. »Ich bin schwanger«, sagte ich nun deutlicher. Seine Augen glichen nun Untertassen. »Aber wie kann das sein? Wir haben doch immer mit Kondom verhütet und dabei ist nichts schief gelaufen, soweit ich weiß.« Theo hatte recht, wir hatten oft Sex in letzter Zeit, sogar mehrmals am Tag, jedoch hatten wir immer verhütet. Ihm fehlte jedoch das letzte Detail. »Ich bin bereits seit dreizehn Wochen schwanger... und das heißt, es könnte sein, dass ich an Weihnachten schwanger wurde. Da, wo wir das erste mal Sex miteinander hatten. Wir waren beide betrunken und haben da anscheinend das Kondom vergessen. Das ist das einzige, was in Frage kommt.« »Ohhh, stimmt!«, sein Blick wurde für einen Moment nachdenklich. Dann richtete er diesen wieder auf mich und er zog mich in eine Umarmung. »Wie schön! Ich werde Vater...«, seine Stimme zitterte, als wäre er kurz vorm Weinen, er klang aber glücklich. »Wirklich? Du bist okay damit?«, nuschelte ich in seine Schulter. »Wobei, selbst wenn nicht, ich könnte es sowieso nicht mehr abtreiben...« »Nein!!! Ich wäre gegen eine Abtreibung! Ich will dieses Kind mit dir.«

Erleichterung machte sich in mir breit. Ich war froh, in Theo meinen größten Unterstützer gefunden zu haben.

*

Sieben Monate später lag ich schreiend und weinend im Krankenhausbett. Meine Mutter hielt meine Rechte und Theo meine linke Hand. Mariella und Mrs. Hill waren auch gekommen, standen mit May aber etwas abseits. »Versuchen Sie gleichmäßig zu atmen! Auf mein Kommando pressen Sie!«, rief mir ein Arzt zu, welcher sich zwischen meine Beine positioniert hatte und den Geburtsvorgang kontrollierte. »Drei, zwei, eins... JETZT!!« Ich presste und hatte das Gefühl als würden mehrere Knochen in mir aufeinmal brechen. In meinem Unterleib spürte ich ein reißendes Gefühl. Theo presste angespannt meine Hand.

Zwei Stunden später hielt ich meinen Sohn im Arm. Er war ganz ruhig. So ein kleines, süßes Wesen, das aus mir herauskam? Ich konnte es garnicht richtig fassen. So ein kleines, süßes Wesen, welches den Namen »Hunter« trug.
Theo blickte auf mich und seinen Sohn hinunter und fing an zu weinen. Auch meinen Freunden und meiner Mutter liefen die Tränen aus den Augen und ich spürte, wie mich die Glücksgefühle übermannten und mich schließlich auch zum Weinen brachten.

This Person Does Not ExistWo Geschichten leben. Entdecke jetzt