24.Kapitel

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»Hör zu Rachel. Bitte reg dich jetzt nicht auf, das hat alles seine Gründe. Du hattest nach dem Unfall ein Trauma und warst psychisch so sehr belastet, dass wir gemeinsam mit deiner Mutter entschieden haben dir zu erzählen, es sei Fahrerflucht gewesen. Wir wollten dich damit schützen und vor allem auch den Scheiß mit Derek beenden.« »Hat ja toll geklappt.«, fauchte ich May an. Augenblicklich tat mir das gesagte leid, als sie betroffen den Blick abwendete. Nun mischte sich auch Theo ein: »Sie hat recht Rachel, dass haben wir nur gemacht, um dich zu schützen. Vielleicht verstehst du das eines Tages. Deswegen hat Derek auch erst so eine lange Strafe bekommen. Wegen Stalking bekommt man ja normalerweise nicht so viel. Irgendjemand hat ihn aber freigekauft. Deswegen war er schon viel früher draußen als gedacht. Wir dachten, du wärst noch sicher. Da haben wir aber offensichtlich falsch mit gelegen.« Seine tiefe, ruhige Stimme, beruhigte mich direkt.  »Ja... das macht Sinn.« Sagte ich leise und mit fast schon schlechtem Gewissen entgegnete ich: »Aber ich bin enttäuscht von meiner Mom, wenigstens sie hätte mir die Wahrheit sagen müssen. Ich habe ein Recht darauf«, nach einer kurzen Pause entschied ich mich, dass es das beste wäre, das Thema zu wechseln, um nicht sauer zu werden.

»Wie lange bin ich eigentlich schon hier?« Sichtlich verwundert von dem plötzlichen Themenwechsel wechselten die Geschwister einen kurzen Blick. »Seit einem Tag.« Verwundert blinzelte ich. Das heißt, dass Derek nur wenige Stunden nach meinem Verschwinden gefasst wurde. Es kam mir so absurd vor, ich fühlte mich, als wären seitdem schon zehn Jahre vergangen aber dann wiederum irgendwie auch nicht.
Ich denke, ihr kennt das Gefühl.

Unser Gespräch wurde unterbrochen, als eine Krankenschwester ins Zimmer kam und nach meinem Befinden fragte. Ich teilte ihr mit, dass alles okay bei mir sei und ehe sie wieder verschwand, fragte ich sie, wann ich denn wieder nach Hause könne. »Wir würden dich gerne mindestens noch zwei Nächte hierbehalten um sicherzugehen, dass du keine Inneren Verletzungen, oder sonstige Probleme hast«, lächelte sie freundlich, »Wenn du noch etwas brauchst, melde dich«, sagte sie noch, ehe sie wieder aus der Tür verschwand.

Ich wollte so schnell wie möglich hier weg. Ich schwörte mir, dass wenn ich endlich wieder ins normale Leben zurückkehren kann, ich meinen Computer weggeben würde. Und vor allem würde ich nie wieder ins Darknet gehen. Ich hoffte, dass May und Theo mir dies gleich taten. Nie wieder illegale Geschäfte. Es war viel zu gefährlich, das war mir jetzt klar. Ich wollte endlich damit abschließen. Dazu gehörte jedoch auch, noch einmal mit Sandor zu reden. Ich musste einfach nochmal mit ihm reden. Was er wohl gerade tat? War er in Sicherheit? Plötzlich riss ich meine Augen weit auf. Scheiße. Er wollte, dass ich mich um seine Tochter kümmere. Nun musste ich wirklich so schnell wie möglich hier raus. Unbewusst versuchte ich, an meinen rechten Arm zu fassen, als wollte ich testen, ob der Chip auf dem Sandors Adresse drauf war noch da war. Ich hatte es versprochen. Mir wurde mit einem Mal heiß und kalt und ich fing an zu schwitzen. Ich hatte es ihm versprochen. Plötzlich spürte ich wieder eine Hand auf meinem Arm. Nicht meine eigene; es war die von Theo. »Alles gut Rachel? Du siehst auf einmal so blass aus.« »Ich muss so schnell wie möglich hier raus. Bitte, ich muss hier raus. Helft mir.« Richtig, ich würde meinen Freunden erstmal nichts von Sandor und seiner Tochter erzählen. Je weniger sie darüber wussten, desto besser. Sie würden versuchen mich aufzuhalten. Sie versuchen immer das Beste für mich zu tun. Manchmal ist jedoch das Beste nicht gleichzeitig das Richtige. Stattdessen nannte ich einfach keinen Grund wieso, versuchte es aber so aussehen zu lassen, als hätte ich Angst alleine im Krankenhaus zu bleiben. Und wie es aussah, schien mein Plan aufzugehen. Mays Hautfarbe ließ sich im Moment kaum von der weißen Krankenhauswand unterscheiden. Dann entgegnete sie jedoch: »Aber Rachel... du kannst doch eine Krankenschwester rufen wenn was ist, dass hat sie doch gerade selbst gesagt. Und wenn nicht... können wir sicher fragen, ob wir heute Nacht auch mal ausnahmsweise hierbleiben dürfen. Da hätten sie sicher nichts dagegen.« So war May immer schon gewesen. Zuvorkommend, hilfsbereit. Dieses mal ging das jedoch in die falsche Richtung. »May bitte«, flehend blickte ich sie an. Nach einer langen Pause nickte sie schließlich ergeben. »Okay, ich werde nachfragen.« Dann war sie auch schon aus der Tür verschwunden und ließ mich mit Theo alleine.

Als ich meinen Kopf zu ihm drehte, griff er wieder nach meiner Hand. Er schaute mich direkt an. Das Blau in seinen Augen erinnerte mich an den Himmel, es versprach mir Freiheit. Nach einer Weile, in der wir beide nichts sagten, legte er seinen Kopf vorsichtig auf meinem Bauch ab. »Du glaubst gar nicht, wieviel Angst ich um dich hatte Rachel. Diese Ungewissheit die ganze Zeit... ich dachte ich würde dich nie wieder sehen.« Ich nahm wahr, wie sehr seine Stimme zitterte. »Oh glaub mir, so ging es mir auch bei dir. Ich wusste die ganze Zeit nicht, ob du noch im Koma liegst oder nicht. Ob du vielleicht sogar schon Tod bist...« Er drückte meine Hand, als er bemerkte wie nah mir das ebenfalls ging. »Wann bist du überhaupt aufgewacht?« Der Blonde überlegte kurz, wobei sich seine Stirn für den Bruchteil einer Sekunde in eine steile Falte legte. »May sagte mir, dass es drei Wochen nach deinem Verschwinden gewesen waren.« Sie mussten soviel Schmerz durchgestanden haben. »Tut mir leid.« »Rachel, dir muss das nicht leid tun, du konntest schließlich nichts dafür, dass du entführt wurdest.« Aber konnte ich denn wirklich nichts dafür? Ich hatte den Fehler gemacht ein Bild von mir auf meiner Darknet Seite thispersondoesnotexist.onion hochzuladen. Nein, allein dass ich ins Darknet gegangen war, war ein Fehler gewesen. Noch dazu war ich zu unvorsichtig. Habe mich von Sandors gutem Aussehen blenden lassen. Da war er wieder... Sandor. Konnte ich nicht einfach mal aufhören an ihn zu denken? An seine grünen Augen... seine perfekten Gesichtszüge. So perfekt, dass ich ihn für einen Gott gehalten hatte. Nun wusste ich, dass er eher Lucifer gewesen sein musste. Dazu passte sein rabenschwarzes Haar sowieso viel besser. Wieso konnte ich nicht meine Augen auf so jemanden wie Theo legen? Jemand, der sanft war, jemand der immer das beste für mich wollte und jemand, der mich niemals verletzen würde. Ich erkannte nun... Sandor war nie perfekt gewesen. Aber Theo war es. Er war das genaue Gegenteil von Sandor. Durch seine hellblonden, gelockten Haare und die positive, leuchtende Ausstrahlung, war eigentlich auch er es, der einem himmlischen Wesen am Nächsten kam.

Ich schaute ihn erneut an, versuchte all das was er war, was ihn ausmachte, in mich aufzunehmen. Er bemerkte meinen Blick, sagte aber nichts. Stattdessen fing der an sanft zu lächeln, sodass seine Grübchen zum Vorschein kamen. Er war wirklich süß. Es kam mir so vor, als würde ich ihn auf einmal mit anderen Augen sehen, im Vergleich zu unserem letzten Treffen. Aber er war nicht Sandor. Verzweifelt versuchte ich ihn mir aus dem Kopf zu schlagen. Dann traf ich einen Beschluss. Ich würde ihn einmal besuchen, nach seiner Tochter sehen. Falls er Derek wirklich lebend entkommen konnte, hoffentlich auch mal mit ihm selbst sprechen. Und dann... würde ich in Therapie gehen. Ich war mir ziemlich sicher, dass meine Zuneigung nur auf einer Sache basierte. Dem Stockholm-Syndrom. Andernfalls konnte ich mir nicht erklären, warum ich diese Gefühle für Sandor hegte, selbst nach dem er mich misshandelte. Das war keine Liebe. Das konnte keine Liebe sein. Oder war es, weil ich wusste, dass er mir das eigentlich nicht antun wollte? Wie dem auch sei, ich musste es herausfinden. Eins wusste ich jedoch. Ich würde ihm niemals, niemals verzeihen.

Der Druck auf meinem Bauch verschwand mit einem mal. Theo hatte sich aufgerichtet und musterte mich nun aufmerksam. »Über was denkst du nach?« »Ach nichts... es ist nur... ich bin noch etwas durch den Wind.« Er drückte meine Hand noch einmal, ehe er sie los ließ. »Das... verstehe ich.« Der blauäugige senkte seinen Kopf und ich bemerkte, wie er nervös an dem Saum seines T-Shirts herummachte. Ich bekam das Gefühl nicht los, dass ihm etwas auf dem Herzen lag. Dass er mir vielleicht etwas mitteilen wollte. Anscheinend lag ich gar nicht so falsch, denn keine Sekunde später kam er wieder näher an mich heran, und strich mir behutsam eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht. Meine Augen weiteten sich, als er zögerlich anfing zu reden; »Rachel... als du weg warst da habe ich etwas bemerkt. Vielleicht ist das gerade der komplett falsche Zeitpunkt dir das zu sagen, aber als ich dachte, ich würde dich nie wieder sehen, wurde mir klar, dass du-« Er konnte nicht fertig sprechen, er wurde von der auffliegenden Tür unterbrochen, in welcher May stand.

»Pack deine Sachen, wir gehen nach Hause. Und mit nach Hause meine ich, dass du erstmal mit zu uns kommst.« Ich grinste als ich ihre erfreute Stimme hörte, jedoch fragte ich mich, was Theo mir hatte sagen wollen. Aber als ich Mays entschlossenes Gesicht ansah, war der Gedanke direkt wieder verflogen. Ihre Mimik sagte mir, dass es an diesem Punkt unmöglich gewesen wäre, sie umzustimmen. Noch dazu wollte ich das gar nicht. Ich freute mich sogar darauf mit Theo und May für eine Weile zusammenzuleben.... wenn da nicht Sandors Tochter wäre. Direkt verschwand mein Grinsen wieder. Das hatte Priorität. Damit niemand meine Verstimmung bemerkte, fing ich wieder an zu lächeln, bevor ich ihr antwortete: »Okay, aber ich würde gerne noch etwas Zeit von euch bekommen nach Hause zu gehen und dort noch ein paar Dinge zu holen.« »Geht klar.«

This Person Does Not ExistWo Geschichten leben. Entdecke jetzt