30.Kapitel

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Die nächsten zwei Tage vergingen schneller als mir lieb war. Gerade saß ich mit Loreen am Esstisch, ich hatte ihr Nudeln gekocht und mir auch selbst etwas genommen. Jedoch bekam ich keine einzige Nudel herunter. Aus Nervosität vor dem Gerichtstermin am nächsten Morgen fühlte es sich so an, als wollte sich mein gesamter Mageninhalt augenblicklich entleeren, doch ich hielt mich zurück. Um mich abzulenken, schrieb ich May eine kurze Nachricht, dass ich heute Nacht bei meiner Mom schlafen würde, so wie ich es die letzten Tage auch getan hatte. Bisher hatte mich noch keiner darauf angesprochen, also nahm ich an, dass meine Lüge noch nicht aufgeflogen war. Und das war auch gut so. In den letzten Nächten blieb ich nämlich immer bei Loreen und ging schließlich wieder vor Sonnenaufgang zu May und Theo zurück. Ich fühlte mich immernoch verantwortlich für Loreen und hatte in den wenigen Tagen, welche ich mit ihr verbracht hatte tatsächlich sowas wie einen Mutter-, oder aber Große-Schwester-Instinkt entwickelt. Und tatsächlich freute ich mich auch, mit ihr Zeit verbringen zu können, wobei es mich immer wieder aufs neue schmerzte, in ihre großen, grünen Augen zu blicken. Ich sah sie an und Sandor schaute zurück. Das tat mehr weh, als ich es mir eingestehen wollte. So musste sich wohl meine Mutter bei mir und Dad fühlen.

Um das Gefühl zu vermeiden, schaute ich sie nun auch nicht direkt an, sondern auf ihren Teller, welcher von Minute zu Minute leerer wurde. »Schmeckts?« Als Antwort nickte Loreen nur und schlürfte dann genüsslich ihre Nudeln, welche ich mit Tomatensoße angerichtet hatte, weiter. Sie schien meine angespannte Stimmung nicht zu bemerken, so beschäftigt war sie mit ihrem Essen. Aber mir war das nur recht.

Als die Sonne untergegangen war, legte ich mich mit Loreen ins Bett und gab ihr einen Kuss auf die Wange, nachdem sie endlich ihre Schlafposition gefunden hatte. »Schlaf gut, Kleine.« Sie seufzte wohlig und antwortete mit einem leisen: »Du auch, Gute Nacht.«, und nur wenige Minuten später nahm ich bereits ihr gleichmäßiges Atmen wahr. Ihr Vater war nun seit knapp einer Woche verschwunden. Ich bewunderte, wie ruhig sie damit umging. Als würde sie fest davon ausgehen, dass Sandor zurückkommen würde. Vielleicht war sie aber auch einfach nur so ruhig weil ich da war?

Als ich mich ebenfalls zur Ruhe legen wollte, schossen mir dauerhaft Bilder der letzten Monate durch den Kopf, welche mich wieder aufschrecken ließen. Krampfhaft versuchte ich diese zu vertreiben und mich zu entspannen. Nach einer Stunde gab ich auf. Loreens Uhr zeigte nun zwangzig vor ein Uhr und ich bemerkte, dass es für diese Uhrzeit noch ziemlich hell war. Ich schlich leise ans Fenster, um Loreen nicht aufzuwecken. Als ich die Vorhänge beiseite schob und hinauf in den Himmel sah, bestätigte sich meine Vorahnung: es war Vollmond. Für einen Moment verharrte ich in meiner Position, unschlüssig darüber, was ich nun tun sollte. Einschlafen konnte ich sowieso nicht, also legte ich meine Arme auf dem Fensterbrett ab und begutachtete die helle Scheibe. Wow, er war wunderschön. Ich liebte den Mond. Er hatte bisher immer eine beruhigende Wirkung auf mich gehabt und ich hoffte, dass er es auch jetzt tat. Nach einiger Zeit merkte ich, wie meine Augen schwer wurden und ich immer heftiger blinzeln musste, um sie überhaupt offen zu halten. Gerade als die Müdigkeit doch drohte Überhand zu nehmen, nahm ich eine Bewegung im Augenwinkel war. Sofort war ich wieder hellwach. Mit weit aufgerissenen Augen scannte ich die Umgebung ab, während Adrenalin wie ein Zug durch meinen Körper rauschte. Doch ich sah nur Tannen vor mir, welche sich sanft im Wind bewegten. Durch die gleichmäßigen Bewegungen wirkte es fast wie ein Tanz. Erleichtert atmete ich aus. Wow, ich war früher schon paranoid gewesen, aber es erreichte immer wieder neue Level.

Augenblicklich wünschte ich mich zurück in Theos Arme, wie an dem Tag, wo er nach meiner Panikattacke noch bei mir blieb und mich festhielt, bis ich eingeschlafen war. Ich hatte mich selten irgendwo oder bei irgendwen so sicher wie bei ihm gefühlt. In den letzten Tagen hatten wir leider nicht mehr soviel miteinander geredet, weil er selbst noch ärztliche Termine regeln musste, um zu schauen, dass er von dem Koma und den Verletzungen, welche er durch Derek erfuhr, keine Folgeschäden erlitten hatte. Aber wenn wir redeten, ging in mir immer eine Sonne auf, welche mich von innen wärmte, mir aber jetzt im Moment fehlte. Mir fiel schlagartig wieder ein, dass er mir am Krankenbett, als ich aufgewacht war, etwas sagen wollte. Nur wurde er unterbrochen und ich hatte es bis jetzt aus meinem Gedächtnis verbannt. Was das wohl war? Ich entschied mich, ihn demnächst mal darauf anzusprechen. Doch nun schlang ich meine Arme um mich selbst, als ich aufeinmal anfing zu frösteln. Gerade als ich wieder unter die warme Decke und ins Bett huschen wollte, nahm ich an der Haustür ein Geräusch wahr. Auch dieses wollte ich wieder als Geräusch abtun, welches aufgrund meiner Paranoia entstanden war. Es hörte jedoch nicht auf. Im Gegenteil, es intensivierte sich sogar und nach alldem, was ich in meinem bisherigen Leben gesehen und gehört hatte, war ich mir ziemlich sicher, dass das das Geräusch war, wenn jemand versuchte ein Schloss zu knacken.

Entsprechend hoch stieg mein Panik-Barometer und ich trat leise ins Wohnzimmer, während ich gleichzeitig die Tür zu Loreens Zimmer zuzog. Ihr würde nichts passieren. Das würde ich nicht zulassen. Beruhigt darüber, dass es nicht Derek sein konnte, da dieser sich gerade in Untersuchungshaft befand, konnte ich jedoch nicht sein. Wer weiß, wieviele Hintermänner er besaß.

Langsam setzte ich in der Dunkelheit einen Schritt vor den anderen, in Richtung Flur und Haustür. Nur das Licht des Mondes konnte mich davon abhalten, dass ich nicht über meine eigenen Füße stolperte. Ich zuckte zusammen, als ich ein weiteres Geräusch von der Haustür wahrnahm, welches nun aber eher einem Poltern glich. Instinktiv schoss meine rechte Hand vor und griff sich das erstbeste, was sie als Verteidigung nutzen konnte. Im fahlen Licht nahm ich war, dass die Wahl auf einen Besen gefallen war. Ich hielt das Ende des Stabs wie ein Schutzschild vor mich, als ich mich immer weiter der Tür näherte. Angstschweiß bildete sich auf meiner Haut und ich spürte jeden einzelnen Tropfen meinen Rücken herunterrinnen. War das mein Schicksal? Für immer verfolgt werden?

Plötzlich krachte es und ich erstarrte. Es war nicht laut genug um Loreen zu wecken, aber laut genug, um in mir Todesangst auszulösen. Ich hörte die Tür auffliegen und nahm Schemenhaft eine Gestalt im Türrahmen, welcher sich im Schatten des Mondes befand wahr. Nein. Es reicht. Ich würde niewieder weglaufen. Nicht schon wieder. Loreen ist noch im Haus. Also überbrückte ich die wenigen Meter zwischen mir und dem Unbekannten, welcher mich anscheinend noch nicht wahrgenommen hatte, und ließ den Stiel des Besens auf ihn heruntersausen. Nach dem Aufprall folgte ein schmerzhaftes Stöhnen. Ich wusste nicht, wo genau ich den Eindringling getroffen hatte, aber anscheinend hatte der Treffer ordentlich gesessen. Das Überraschungsmoment war auf meiner Seite. Gerade als ich zum nächsten Schlag ansetzen wollte, hörte ich ein leises: »Stop, Stop!«.

Die Stimme bereitete mir eine Gänsehaut, nicht aber aus Angst, sondern eine wohlige. Die Stimme war nämlich tief und rau und mir durchaus bekannt. »S-Sandor?«, flüsterte ich ungläubig.

Mindestens genauso verwundert wurde meine Frage mit einem, »Rachel? Bist das wirklich du?«, erwiedert.

Träumte ich gerade?
Ich ließ den Besen fallen und streckte meine Hände aus, um zu fühlen, ob er wirklich real war. Meine Hände trafen auf eine harte Brust, an welcher ich - immernoch perplex - über den Stoff seines Oberteils herunterstrich und Bekanntschaft mit einem Sixpack machte. Ja... das fühlte sich an wie Sandor. Dieser seufzte als Reaktion auf meine Berührung wohlig auf und ich zog augenblicklich meine Finger wieder zurück, als hätte ich mich gerade verbrannt. Gerade als ich Abstand zwischen uns gewinnen wollte, griff er mich am Arm und zog mich in eine Umarmung. Ich spürte seinen Mund direkt an meinem rechten Ohr, als er raunte, »Ich hätte nicht gedacht, dass du dein Versprechen tatsächlich einlöst, Rachel. Aber danke, dass du es getan hast. Danke, dass du hier bist. Danke, dass du dich um Loreen gekümmert hast. Du hast wirklich ein Herz aus Gold. Ich wüsste nicht, was ich und sie ohne deine Unterstützung getan hätten.« Er drückte mich nocheinmal kurz fester an sich, dann ließ er mich los.

Ich stolperte zurück. Wusste nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte. Er trat einen Schritt auf mich zu- und somit ins Licht des Mondes. Auch in der Dunkelheit schienen seine Augen grün zu leuchten und strahlten pure Wärme aus. Ja, es war unverkennbar Sandor.

This Person Does Not ExistWo Geschichten leben. Entdecke jetzt