15.Kapitel

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»Guten Morrrgen. Aufwachen.«, donnerte es unsanft durch den Kellerraum.

Ich schlug meine Augen auf, der Albtraum hing noch schwer in der Luft und für einen kurzen Moment wusste ich nicht mehr wo ich war. Dies war der einzige Zeitpunkt in den letzten paar Wochen, in dem ich kurz einen Moment des Friedens spürte. Einen Moment des Nichtswissens. Einen Moment der Ruhe.

Der Moment war jedoch nicht von langer Dauer, was Momente leider an sich haben, da sich Sandors kantiges Gesicht in mein Sichtfeld schob. Benommen blinzelte ich ihn an. Ich erkannte ihn nur an den verwuschelten schwarzen Haaren, den Lippen und an den unverkennbar stechend grünen Augen, da er eine Maske im Gesicht trug, welche dieses zu achtzig Prozent verdeckte. Eine Clownsmaske. Normalerweise hätte ich vielleicht gelacht, da diese unglaublich bescheuert aussah, jedoch glitt mein Blick an ihm vorbei, als ich etwas auffällig schwarzes im Hintergrund ausmachte. Dort stand eine neue Kamera.
Eine wahnsinnig große sogar, mitten im Raum. Die Linse war perfekt auf mich gerichtet.
Auch sie blinkte rot. Sie schien also an zu sein.
Mit einem Schlag war ich hellwach.
Angst erfasste mich wie eine Woge kaltes Wasser. Das war neu.
Was hatte er heute mit mir vor?
Mein Blick richtete sich wieder auf den Schwarzhaarigen, welcher mich bereits angriffslustig musterte. Dann seufzte er aber nur schwermütig und drehte sich zu der Kamera um. Verwirrt folgte ihm mein Blick.

»Willkommen, willkommen, liebe Zuschauer. Heute dürft ihr bestimmen, was mit der schönen Rachel passiert. Ich weiß, wie lange Sie darauf gewartet haben. Aber nun ist es endlich soweit! Rachel, sag doch mal den lieben Zuschauern Hallo!«

Ich blinzelte ungläubig. Ich fühlte mich wie im falschen Film. Gleichzeitig kam mir diese Situation seltsam bekannt vor.

»Ernsthaft Rachel? Nicht mal ein kleines Hallo war drin für unsere Zuschauer?«, Sandors dunkles Lachen ertönte, welches hinter seiner Maske gedämpft klang, »Sie ist so frech wie eh und je.«

Ich nahm seine Stimme nur wie durch Watte wahr. Er musste gerade Livestreamen, anders konnte ich mir die Situation hier gerade nicht erklären. Und leider hatte ich schon eine Ahnung worauf das hinauslief. Sandor hatte nie geleugnet, etwas im Darknet zu schaffen zu haben. Und diese Situation war mir schonmal an diesem Ort begegnet. Mit mir jedoch als Zuschauer. Sogenannte »Redrooms«; dort streamten die unterschiedlichsten Kriminellen, wie sie auf Wunsch der Zuschauer ein meist entführtes Opfer entsprechend folterten, gegen Geld. Beziehungsweise gegen Bitcoin, da dies die Währung im Darknet darstellte.

Eigentlich waren diese »Redrooms« nur eine Legende hieß es. Ich wusste es jedoch besser. Ich hatte bereits einen gesehen. Und da ich jetzt wohl offensichtlich selbst das Opfer in einem Redroom darstellte, bestätigte dies nur das Gesehene. Ich versuchte die aufkommenden Bilder zu verdrängen.
Bilder davon, wie sie einem Mann zwei Finger abschnitten. Wie sie mit einem Hammer auf ihn einschlugen. Wie mein damals dreizehn Jahre altes ich, starr vor Schreck ihren Blick nicht abwenden konnte. Die Männer mit den Masken, welche hysterisch auflachten.

Fast so wie Sandor in diesem Moment.
Ich bemühte mich, mich nicht zu übergeben, so schlecht wurde mir von den Bildern, den Erinnerungen in meinem Kopf. Erinnerungen, die ich eigentlich vollständig aus meinem Gedächtnis gelöscht hatte. Allein dafür fing ich an Sandor noch mehr, als sowieso schon zu hassen.

Ich wurde aus meinem Gedankengang herauskatapultiert, als Sandor aufeinmal mit einem Glas Wasser vor mir stand.
»Trink.«, raunte er nur.

Ich schüttelte den Kopf.
Das war bestimmt ein Auftrag der Zuschauer. In diesem Glas Wasser war zu hundert Prozent etwas beigemischt. Vielleicht wollte er mich vergiften. Und wenn nicht, irgendetwas anderes schreckliches. Ich fing schon an mich zu fragen, wieviel der Zuschauer Sandor wohl geboten haben musste, als er mit dem Glas unsanft gegen meine Lippen stieß.
»Du trinkst das jetzt.«, knurrte er nun.

Ich presste meine Lippen fest zusammen und schüttelte erneut den Kopf. Genervt hob er zwei Finger der Hand, welche nicht das Glas hielt, und presste diese gegen jeweils eine meiner Wangen, um so zu bezwecken, meinen Mund gewaltvoll zu öffnen. Fast schaffte er dies sogar, es tat schließlich verdammt weh - ich blieb jedoch standhaft. Wütend blies er die angestaute Luft, die er wohl die ganze Zeit über angehalten haben musste, aus.
»Nagut. Dann halt anders.«

Er setzte kurz das Glas hinter sich, auf den Metalltisch, ab. Dann packte er mich fast schon zu sanft in meinem Nacken und fing an mich fordernd zu küssen. Seine weichen Lippen erkundeten meine rauen, teilweise von Wunden, die er mir hinzugefügt hatte, aufgeplatzten Lippen. Perplex riss ich meine Augen auf und mein Mund öffnete sich im Staunen. Irgendwas löste dieser Kuss in mir aus. Es war ein schöner Kuss. Komisch das zu sagen, aber er war es tatsächlich. Er gab mir die Zärtlichkeit, die mir in den letzten Wochen fehlte.
Diese Sanftheit in Kontrast zu Sandors sonst brutalen Gemüt vermisste ich und mir wurde erst klar, dass der Kuss nur eine List war, als er blitzschnell erneut nach dem Wasserglas hinter sich griff, nachdem er sich von mir löste, und es mir den Rachen hinunterkippte.
Erschrocken fing ich an zu husten, um das mir Eingeflöste wieder auszuspucken. Es war jedoch zu spät, ich hatte es bereits heruntergeschluckt.

Schon wieder zogen etliche Gedanken durch meinen Kopf, in denen ich mich fragte, wie lange es wohl dauern würde, bis die Flüssigkeit ihre Wirkung entfalten würde.
Eine Berührung katapultierte mich wieder ins Jetzt. Sandors große Hand ruhte immernoch in meinem Nacken. Mein Blick wanderte vorsichtig von seiner muskulösen Brust hinauf in sein Gesicht. Beziehungsweise nur zu seinen grünen Augen, da sonst fast alles von seinem Gesicht von dieser komischen Maske verdeckt war.

Man sagt Augen sind das Tor zur Seele.
Und zum ersten Mal wusste ich genau, was mit diesem Spruch gemeint war. Obwohl ich nur Sandors Augen sah, konnte ich etliche Emotionen darin erkennen, welche ich jedoch nicht ganz fassen konnte. Das grün in seinen Augen schien zu glühen, als er mich ja... fast schon erschrocken ansah. So als wäre ich nicht die einzige gewesen, die bei dem Kuss etwas gefühlt hatte. Seine Augen zogen mich in den Bann. So wunderschön. So grün wie der Wald.

Wie konnten so schöne Augen einer so schrecklichen Person gehören?

An diesen Gedanken klammerte ich mich und blinzelte verwundert. Dann flüsterte ich,
»Na los Sandor. Tu was du tun musst.
Du willst unsere lieben Zuschauer doch nicht warten lassen.«, mit einem so bitteren Unterton, dass ich selbst wahnsinnig Mitleid mit mir bekam.
Nun schien sich auch Sandor aus seiner Trance zu lösen. In seinen Augen konnte ich sehen, wie er innerlich gegen sich selbst kämpfen musste.
Dann aber verschwand dieser komische Ausdruck aus seinen Augen. Er nickte mir kaum merklich zu und wandte sich schließlich wieder zur Kamera.

Von dem gerade Geschehenen ließ er sich nichts anmerken, als er wieder seine Teleshow-Stimme aufsetzte und gegen die Kamera gerichtet fragte: »Soo... womit fangen wir denn an...?«

This Person Does Not ExistWo Geschichten leben. Entdecke jetzt