32.Kapitel

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»Hey...« ich griff vorsichtig nach Sandors Hand und zog sie langsam von seinen Augen weg. Er protestierte nicht, doch schluchzte einmal auf. Das grün in seinen Augen war immernoch seltsam stumpf und seine Augen so rot, als hätte er drei Stunden an ihnen gerieben. Demnach, wie er versuchte mich nicht anzuschauen verstand ich, dass es ihm wohl unglaublich unangenehm war, vor mir zu weinen.

Der Anblick brach mir das Herz und löste in mir das dringende Bedürfnis aus, ihn umarmen zu wollen. Keine Sekunde später zog ich ihn auch schon in meine Arme und legte meinen Kopf auf seiner Brust ab. Ich nahm sein schnelles Herzklopfen und das Beben seines Körpers wahr, wenn dieser von weiteren Schluchzern geschüttelt wurde. Zuerst reagierte er garnicht, aber nach ein paar Minuten spürte ich auch seine Arme an meinem Rücken. Vorsichtig strich ich über seine Lederjacke, was ihn zu beruhigen schien. Die Schluchzer wurden weniger. »Sandor.. ich bringe dich nach Hause. Ich glaube, du bist total übermüdet und brauchst Schlaf.«

Der Schwarzhaarige reagierte nicht, also löste ich mich von ihm und sah ihn an. Er sah jedoch an mir vorbei und als ich seinem Blick folgte, bemerkte ich, dass dieser ins Leere ging. Erst als ich seinen Arm griff und ihn hinter mir her zog, löste er sich aus seiner Starre und trottete mir widerwillig hinterher. Er erinnerte mich in diesem Zustand an das, was ich mir unter einem Zombie vorstellte. Immerhin wehrte er sich nicht, oder versuchte mein Gehirn zu fressen. Würde ich die Situation nicht so Ernst finden, hätte ich jetzt über meinen eigenen Gedanken gelacht. Die eigenen Witze sind immer die besten.

Mir war garnicht bewusst gewesen, wie lange wir tatsächlich gelaufen waren, als wir fünfzehn Minuten später wieder an Sandors kleinen Haus ankamen. Dieser wich immernoch meinen Blicken aus, als wir zum Stehen kamen. Ich seufzte, langsam sichtlich genervt. Als mein Blick schließlich doch seinen traf, erstarb dieses Gefühl sofort wieder. Sandor sah mich mit gemischten Emotionen an, doch schien er nicht die richtigen Worte zu finden. »Was beschäftigt dich, Sandor?« Er nahm tief Luft, »Morgen ist dein Gerichtstermin.« Ich runzelte die Stirn »Woher weißt du das?« »Rachel, sonst wäre ich nicht hier. Klar, ich hab versucht so schnell wie es geht nach Hause zu kommen, aber ich hätte sonst mindestens noch zwei Wochen wegbleiben müssen, bis die Luft einigermaßen rein gewesen wäre.« »Was meinst du?«, fragte ich irritiert. »Die Polizei hat nach mir gesucht. Ich habe mich ihnen gestern freiwillig gestellt. Ich habe es satt Rachel. Ich will nicht mehr weglaufen, ich will mich nicht mehr verstecken. Und vorallem will ich, dass Derek seine gerechte Strafe bekommt. Ich mache morgen eine Zeugenaussage. Die Polizei hat mich noch einmal nach Hause gelassen, da ich mich so kooperativ verhalten habe. »Aber... Aber das kannst du nicht tun! Du wirst ins Gefängnis kommen!« Er zuckte emotionslos mit den Schultern, »Na und? Das habe ich verdient. Rachel, sag ihnen bitte einfach die Wahrheit über mich.« Ich krallte mich in seine Jacke, »Und was ist mit deiner Tochter?! Was ist mit Loreen?! Das Jugendamt wird sie dir wegnehmen!«, Tränen sammelten sich in meinen Augen, als ginge es um meine eigene Tochter. »Rachel...«, fing der Grünäugige nun sanft an, »Es bricht mir zwar das Herz, weil sie alles für mich ist, aber ich habe viel nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass sie es im Jugendheim besser als bei mir haben wird. Und vorallem ist sie dort sicherer. Sie hat einen kriminellen Dad. Das kann nicht gut für ihre Entwicklung sein. Ich bin mir sicher, andere Eltern könnten viel besser für sie sorgen. Oder vielleicht wird es mir gestattet, sie wieder zu mir zu nehmen, wenn ich aus dem Gefängnis draußen bin. Ich bin schließlich ihre einzige Familie. Ich will, dass sie zu einer tollen, klugen und selbstbewussten Frau heranwächst. Und das schafft sie nicht mit mir.« Er ließ meine Hand wieder los, welche er während seiner Rede wie ein Priester in seine genommen hatte. Fassungslos starrte ich erst auf seine Hände, dann wieder auf ihn. »Aber...«, mir fielen keine Argumente ein, weil ich tief im Inneren wusste, dass er recht hatte. Ich empfand es als sehr erwachsen und vorallem mutig, wie er mit der Situation umging. Gleichzeitig tat es weh. Es tat weh, dass er sein Schicksal einfach so hin nahm. Ich sah ihn nicht als Verbrecher. Ich sah ihn als einen Mann, welcher an die falschen Personen geraten war. Und irgendwie konnte ich den Gedanken nicht ertragen, ihn nicht mehr zu sehen. Beziehungsweise eben nurnoch hinter Gittern zu sehen.
Dennoch... »Ich denke du hast recht. Ich denke das wäre das beste, so schwer es mir auch fällt das zuzugeben.«

This Person Does Not ExistWo Geschichten leben. Entdecke jetzt