Kapitel 28 - Summer

6.7K 399 85
                                        


Mein Plan, mit Landen zu reden, scheitert kläglich.

Denn er ist ein Meister darin, uns allen aus dem Weg zu gehen. Er wird zum Maulwurf, verschanzt sich seit Tagen in seinem Zimmer. Selbst Rachel ist aufgefallen, wie selten er es verlässt.

Als sie sich schließlich aufmacht, um über Weihnachten zu ihrer Familie zu fahren, wirft sie einen weiteren besorgten Blick in Richtung seiner Zimmertür, was die Übelkeit, die sich seit Tagen in meinem Magen eingenistet hat, verstärkt.

Wenn sich schon Rachel beginnt Gedanken zu machen, wird es so langsam ernst. Sie ist sonst nicht der Mensch, der sich für die Probleme anderer interessiert.

Nachdem Rachel weg ist, klopfe ich zum wahrscheinlich zwanzigsten Mal in dieser Woche an Landens Zimmertür. Doch wie auch schon die Male zuvor, erhalte ich keine Antwort.

Wenn ich es in den vergangenen Tagen nicht schon ab und an hätte rumpeln hören, hätte ich wahrscheinlich schon längst vermutet, dass Landen nicht mehr hier ist. Doch das ist er.

Ziemlich eindeutig sogar.

„Landen?", frage ich mit zitternder Stimme.

Wieder bleibt es auf der anderen Seite der Tür still. Niedergeschlagen lasse ich meine Stirn gegen die Holztür sinken, strenge mich an, irgendetwas hören zu können. Vergeblich.

„Ich mache mir doch Sorgen."

Meine Worte sind kaum mehr als ein Wispern.

Und dann steht schließlich Weihnachten vor der Tür. Obwohl ich mich darauf habe vorbereiten können, trifft es mich wie ein Schlag, als es schließlich so weit ist. Denn dieses Jahr werde ich nicht wie sonst meine Koffer packen, ich bin nicht wie sonst damit beschäftigt noch schnell meine Ferientage durchzuplanen, um auch wirklich gleich viel Zeit mit meinen Eltern zu verbringen.

Stattdessen ist mein Kalender vollkommen leer. Erdrückend leer.

In meiner Brust hat sich in den vergangenen Wochen stetig ein Druck aufgebaut, der mich mittlerweile droht zu zerquetschen.

Weihnachten ohne meine Eltern. Das hat es in meinem Leben noch nie gegeben.

Ich versuche nicht zu analysieren, weshalb ich Heiligabend nach dem enganliegenden dunkelroten Samtkleid greife, dass mir meine Mutter schon während meines Besuchs im Sommer in die Hand gedrückt hat.

Ein solches Outfit würde ich in State College eigentlich niemals tragen, denn es entspricht absolut nicht meinem Kleidungsstil. Es klingt in meinen eigenen Ohren idiotisch, aber ich fühle mich meiner Familie näher, als ich fertig zurechtgemacht auf unserer Couch sitze und unseren kleinen Weihnachtsbaum betrachte. Rachel hat nicht zugelassen, dass ich bunte Kugeln kaufe, die einzigen Farben, die sie erlaubt hat, sind Weiß und Silber gewesen. Trotzdem sorgt der Anblick des Baumes schnell dafür, dass ich wenigstens etwas leichter atmen kann.

Denn ich stelle mir vor, wie Landen den Baum vor wenigen Tagen geschmückt haben muss. So lethargisch und emotionslos, wie er in letzter Zeit ist, lässt sich das in meinem Kopf kaum vereinbaren. Doch in Gedanken habe ich den alten Landen vor mir, den Mann, der zu Linkin Parks Weihnachtsliederversion mit den Hüften schwingt, dabei dumme Witze reißt, die Kugeln mit seinen großen Händen aber unglaublich sanft und geschickt an unserem Baum anbringt.

Die Vorstellung sorgt dafür, dass ein leichtes Lächeln an meinen Mundwinkeln zupft, doch dann fällt mein Blick auf Landens geschlossene Zimmertür.

Ivy hat mich zum Dinner in ihre WG eingeladen, da sie Thanksgiving bei Keiths Familie gewesen sind, hat dieses Mal sie die Gastgeberin sein wollen. Schon jetzt werde ich zu spät kommen, denn ich sollte eigentlich in zehn Minuten bei ihr sein. Allerdings habe ich mich in der Hoffnung auf die Couch gesetzt, dass auch Landen sich auf den Weg zu seiner Schwester machen wird.

At First TouchWo Geschichten leben. Entdecke jetzt