Kapitel 18 - Summer

7.6K 397 50
                                        


„Dad? Ist etwas passiert?"

Ich bin noch immer etwas atemlos, als ich direkt nach meinem Group Fitness-Kurs ans Telefon gehe. Der Raum hat sich noch nicht geleert. Über die Menge hinweg kreuzt mein Blick Ivys und sie runzelt fragend die Stirn.

Dann sehe ich wahrscheinlich genauso panisch aus, wie ich mich gerade fühle. Während mein Smartphone die ganze Zeit über auf Flugmodus geschaltet gewesen ist, damit keine einkommenden Nachrichten oder Anrufe die Kursmusik unterbrechen, hat mein Dad vier Mal versucht, mich zu erreichen. Mir ist beinahe das Herz stehen geblieben, als ich das gerade gesehen habe.

Denn mein Dad weiß ganz genau, wann ich meine Kurse habe. Noch nie hat er mich währenddessen angerufen, denn er weiß, dass ich um diese Zeiten nicht erreichbar bin.

„Natürlich Summer! Ich wollte nur mit dir reden."

Immense Erleichterung durchflutet meinen Körper. Mir ist überhaupt nicht klar gewesen, wie sehr ich mich in den letzten Minuten in meine Sorge hineingesteigert habe. Das kenne ich so nicht von mir.

„Du hast mir einen riesigen Schrecken eingejagt, Daddy! Ich hatte doch gerade meinen Kurs, das weiß du doch. Du rufst nie währenddessen an."

Lachend winke ich Ivy und Brooke durch den mittlerweile deutlich leereren Raum hindurch zu und recke meinen Daumen in die Höhe.

Auch aus Ivys Miene verschwindet sofort die Sorge.

Während ich mein Handtuch in meiner Sporttasche verstaue und mit dem Smartphone am Ohr, die Musikanlage ausschalte, warte ich eigentlich darauf, dass mein Dad in mein Lachen mit einfällt und sich über sich selbst ärgert, wo er nur mit seinen Gedanken gewesen ist. Oder dass er im Alter immer zerstreuter wird. Doch stattdessen herrscht auf der anderen Seite der Leitung eine kurze unangenehme Stille.

Sofort ist das ungute Gefühl in meiner Magengegend zurück. Als mein Dad schließlich laut seufzt, zieht es mir die Eingeweide zusammen.

Wir wissen beide, dass mir nicht gefallen wird, was er gleich sagen wird.

„Dad?", krächze ich viel zu schrill in den Hörer.

Wenn ich eine Sache nicht leiden kann, dann auf die Folter gespannt zu werden.

„Entschuldige Spätzchen, dass ich dir einen Schrecken eingejagt habe... ich habe nicht an die andere Zeitverschiebung gedacht..."

Andere Zeitverschiebung?

Genau, wie ich, weiß er ganz genau, dass zwischen Chicago und State College eine Stunde liegt. Das haben wir seit einem Jahr quasi im Blut. Keiner von uns hat das jemals vergessen.

Heißt das, er ist gerade nicht in Chicago? Davon hat er mir bei unserem Telefonat am Freitag überhaupt nichts erzählt.

Was mich schon wieder zu der Frage bringt, weshalb er mich heute schon wieder anruft. Nervös fingere ich an meiner Ohrmuschel herum, so wie ich es schon mein Leben lang mache.

„Bist du auf Geschäftsreise?", hake ich nach, weil mein Vater einfach nicht damit rausrücken will, was Sache ist.

Und wieder erhalte ich auf meine Frage nur eine wage Antwort.

„Ich bin in L.A., Summer."

Anderen wäre es wahrscheinlich überhaupt nicht verdächtig vorgekommen, aber mir fällt sofort auf, dass mein Dad meine Frage nicht direkt beantwortet. Er selbst hasst so etwas eigentlich wie die Pest und wenn ich es als Kind gemacht habe, hat er sofort gerochen, dass etwas nicht stimmt.

At First TouchWo Geschichten leben. Entdecke jetzt