John
„Ich kann mich nur immer wieder entschuldigen." Ähnlich wie Miles, der sichtlich besorgt um Brooke war, entschuldigte sich auch Nora immer wieder. Dabei konnte sich nun wirklich nichts für ihre Schwester. Wenn nicht eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden wäre, würde ich davon ausgehen, dass man zumindest eine Schwester bei der Geburt vertauscht hatte.
„Du kannst ja nichts dafür. Immerhin war es nicht deine Entscheidung, Brooke das Gesicht zu verbrühen." Ich war noch immer außer mir vor Zorn. Doch ich musste ruhig bleiben für Brooke und das Baby. Die Salbe, welche aus unserem Labor stammte, kühlte zwar ihre verbrannte Haut, doch der seelische Schaden würde noch eine Weile brauchen, um zu heilen. Es tat mir weh, zu sehen, wie sehr sie unter den ständigen Rückschlägen litt.
Der heutige Tag war gelaufen. Kaum hatte ich Brooke nach Hause gebracht, klingelte es auch schon und der Sicherheitsdienst teilte mir mit, dass Nora unten im Foyer wartete. Bridget hatte ihre Eltern unter Tränen angerufen und von ihrer ungerechtfertigten Kündigung erzählt. Diese hatten dann mit Nora gesprochen, welche daraufhin zu uns nach Hause kam. Sie kannte ihre Schwester gut genug, um zu wissen, dass es nicht ganz so war, wie Bridget behauptet hatte.
„Kannst du bei ihr bleiben?", bat ich Nora. „Ich muss noch einige Dinge mit meinem Vater besprechen."
Sie lächelte und nickte mir zu. „Natürlich. Brooke ist ganz vernarrt in Jona und ich genieße es ehrlich gesagt, wenn ich ihn mal nicht ewig um mich herum habe. Nicht, dass ich meinen Sohn nicht liebe, aber sobald euer Kind auf der Welt ist, wirst du verstehen, was ich meine."
Ich bedankte mich bei ihr und ging dann noch einmal zu Brooke, welche auf dem Sofa saß und Jona auf ihrem Schoß hatte. „Ich muss noch mal los. Soll ich dir etwas mitbringen, wenn ich zurückkomme?"
„Ich brauche nichts." Sie sah mich nicht einmal an. Viel zu sehr war sie von Jonas Gebrabbel eingenommen.
Ich verstand nicht so recht, warum. Der Junge war bereits ein Jahr alt und gab noch immer unverständliche Laute von sich. Alleine laufen konnte er auch nicht. Dazu griff Jona mit seinen Fingern, welche er sich zuvor in den Mund steckte, immer wieder nach Brooke. Der Sabber würde vermutlich überall auf dem neuen Sofa landen. Aber solange es nur das war, würde ich damit leben können. Brooke schien es nichts auszumachen, aber vermutlich lag es an den Hormonen.
Ich beugte mich über die Lehne und gab Brooke einen Kuss auf ihren Scheitel. „Bis später. Wenn etwas sein sollte, ruf mich an."
Keine dreißig Minuten später saß ich erneut bei Dad im Büro und diskutierte mit ihm das weitere Vorgehen.
„Soll ich die Anwälte kontaktieren?", war die erste von vielen Fragen, die er mir stellte, als ich seine Bürotür öffnete. Die Blicke sämtlicher Angestellten, welche ich auf meinen Weg passiert hatte, lagen auf mir und spiegelten eine große Facette an Emotionen wider. Nur die Allerwenigsten schafften es, mir mit einem neutralen Gesichtsausdruck zu begegnen.
„Noch haben wir nicht darüber gesprochen. Nora ist mit dem Jungen zu Besuch und lenkt sie etwas ab. Ich werde sie heute Abend dazu befragen." Erschöpft setzte ich mich zum zweiten Mal an diesem Tag auf den Stuhl, welcher vor dem riesigen Schreibtisch meines Dads stand. „Wir brauchen jemand Neues für den Empfang."
„Deine Schwester wollte Bridget schon vor Jahren entlassen. Schade, dass ich nicht auf sie gehört habe. Das hätte Brooke so einiges erspart." Er wählte eine Nummer auf seinem Telefon und nahm den Hörer ab. Kurz darauf gab er auch schon Anweisungen durch und legte wieder auf. „Ich habe bereits einige Vorkehrungen getroffen. Jemand aus der Personalabteilung wird uns gleich einige Akten von Bewerbern bringen."
„Du weißt schon, dass du das alles auch digital haben könntest?" Belustigt zeigte ich auf den Computer, an welchen ich ihn noch nie arbeiten sah.
Genervt winkte er mit seiner rechten Hand ab. „Hör mir auf mit diesem Teufelszeug. Wer weiß, wer alles mitliest."
Wie oft wir ein Gespräch dieser Art bereits geführt hatten, wusste ich nicht mehr. Sobald ich von internen Servern sprach, machte er zu und widmete sich anderen Dingen. Dieser resolute Sturkopf brauchte Jahre, um sich von seinem alten Handy zu verabschieden. Erst seitdem die Zwillinge auf der Welt waren, sah ich ihn öfters mit seinem neuen Smartphone in der Hand. Dad wollte einfach keinen Schritt ihrer Entwicklung verpassen und deswegen musste er sich wohl oder übel damit auseinandersetzen.
„Es gibt also Bewerber? Wann hattest du die Stelle denn ausgeschrieben und warum erfahre ich erst jetzt davon?", erboste ich mich. Er war zwar noch immer mein direkter und einziger Vorgesetzter, dennoch kam ich mir übergangen vor.
„Ich hatte den Auftrag dazu vor einiger Zeit getätigt. Aber in der Zeitung stand nichts davon. Es war so ein Online-Ding."
Knappe fünf Minuten später wurde die Tür geöffnet und drei Angestellte trugen einen Berg an Akten herein. Ich hatte Mitleid mit demjenigen, der die undankbare Aufgabe hatte, alle Bewerbungen auszudrucken und zu sortieren. Wenn Dads Sekretärin nicht schon an die hundert Jahre alt wäre, wäre es um einiges leichter. Dann würde auf dieser Etage zumindest eine Person sitzen, die mit der Zeit ging.
Nach einem Blick auf die drei Stapel, welche sich auf dem Schreibtisch türmten, sah ich Dad ungläubig an. „Die sind alle für den Empfang?"
„Nein, natürlich nicht. Nur einer bezieht sich auf die Ausschreibung für den Empfang. Ein anderer ist für Brookes Stelle und der Letzte ist für die Assistenz der Geschäftsleitung." Während er sprach, zeigte er abwechselnd auf die farbig sortierten Akten.
„Warum brauchst du einen Assistenten?" Bisher ging ich davon aus, dass wir beide ein gutes Team waren. Ein Assistent würde unsere Zusammenarbeit meiner Meinung nach eher verkomplizieren.
Er stürzte seine Arme auf die Tischplatte und sah mich über die Stapel hinweg an. „Ich habe viele Dinge in meinem Leben getan, auf die ich nicht stolz bin. Rückblickend haben sich einige meiner Entscheidungen jedoch als richtig herausgestellt."
„Du meinst das Versprechen, dass du als Jugendlicher gegeben hast? Ich wollte dich schon immer fragen, wie betrunken du und Logan damals waren." Kurz bevor Dad damals seinen Abschluss gemacht hatte, kamen er und sein Studienkollege auf die Idee, sollten sie irgendwann einmal Kinder haben, die beide miteinander zu verheiraten. Es musste Schicksal sein, dass es bei Thalia und Matthew beinahe ganz ohne ihr Zutun funktionierte. Auch wenn es bei ihnen nicht immer einfach war.
„Darüber spreche ich nicht mit dir. Jedenfalls bin ich nun in einem gewissen Alter und mache mir so meine Gedanken. Ich habe immer versucht, euch ein guter Vater zu sein und so viel Zeit wie möglich mit euch zu verbringen. Dennoch habe ich sehr viel verpasst. Bei meinen Enkeln möchte ich es anders machen. Deshalb habe ich beschlossen, mich zur Ruhe zu setzen."
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Die Assistentin
RomanceBrooke Elliott war lange Zeit die Assistentin von Thalia St.James. Als ihre Vorgesetzte jedoch die Stadt verließ, setzte sie Brooke als ihre Nachfolgerin ein, denn immerhin hat sie das nötige Wissen, um den Job hervorragend zu meistern. Alles würde...
