4 Wochen später
Brooke
„Wie lange dauert es noch, bis du in deine Wohnung zurückkannst?" Nora saß mir gegenüber und mit der Gabelspitze hob sie die Spaghetti an, führte diese auf den Löffel und drehte so lange, bis sie eine mundgerechte Portion hatte. „An deiner Stelle würde ich deinem Vermieter Druck machen."
Es war unangenehm, dass ich sie belügen musste. Aber sie hatte keine Ahnung von den aktuellen Geschehnissen, genauso wie Thalia nichts von alledem wusste. Die offizielle Version war, dass ich einen schweren Wasserschaden in meiner Wohnung hatte und ich deswegen vorübergehend in Thalias Wohnung lebte. Natürlich war John der Kopf hinter allem und er musste es mir mehr als einmal unter die Nase reiben.
„John kümmert sich darum", gab ich von mir und stocherte in meinen Ravioli herum.
„John also." Es war keine Frage oder Feststellung. Nora hatte diesen Unterton und ich wusste genau worauf sie hinauswollte.
„Ich habe ihn nicht darum gebeten. Du weißt, wie er ist. Er hat es sich in den Kopf gesetzt und ich kann es drehen und wenden, wie ich will. Er wird sich nicht davon abbringen lassen, meinen Vermieter so lange zu nerven, bis alles zu seiner Zufriedenheit ist." Lüge. Ich log, ohne rot zu werden.
Nora lächelte, bevor sie ihr Essen herunterschluckte. „Warum wohnst du in Thalias Wohnung, wenn du auch bei John leben könntest?"
Ich verschluckte mich an meinem Wasser und hustete einige Male, bis ich mich beruhigt hatte. „Warum sollte ich bei ihm wohnen?"
„Ich kenne ihn seit so vielen Jahren und das zwischen euch, was auch immer es ist, geht über das gewöhnliche Verhältnis, welches ein Chef und seine Angestellte untereinander führen, eindeutig hinaus."
„Wir haben nichts miteinander." Wie oft ich ihr das schon gesagt hatte, konnte ich nicht einmal mehr zählen.
„Noch nicht", kicherte sie und wackelte mit ihren Augenbrauen. „Und wenn, dann würden wir alle es wissen."
Das war mir neu. John kam mir eigentlich nicht wie jemand vor, der mit seinen Errungenschaften prahlte und davon hatte er bestimmt so einige. Er gab lieber mit seinem Wohlstand an. Aber im Grunde zählte ich nicht zu seinem Freundeskreis und zudem war ich kein Mann. Welche Frau wusste schon, was Männer miteinander besprachen, wenn diese unter sich waren?
„Jetzt zerbreche dir doch nicht deinen Kopf." Nora griff über den Tisch nach meiner Hand. „Du bist anders. Genauso wie euer Verhältnis zueinander nicht ..."
„Sag nicht schon wieder anders. Es klingt so, als wäre ich ein Freak."
„Ich wollte "unterschiedlicher sein könnte" sagen, aber anders ist auch gut", bekräftigte Nora ihre Aussage. „Matthew und Thalia sind so unterschiedlich, dass die zwei sich perfekt ergänzen. Genauso sind du und John. Alle reden davon, wie perfekt ihr zueinander passen würdet."
Perplex sah ich sie an. „Wer sind alle?"
Nun sah Nora so aus, als hätte sie zu viel gesagt und etwas angesprochen, dass sie besser nicht erwähnen sollte.
„Ich möchte wissen, wer alle sind." Um nichts in der Welt würde ich locker lassen. Nicht, bis Nora mir sagte, mit wem sie über mich und John sprach.
„Also ich rede mit Thalia darüber." Es war ihr wohl unangenehm mit mir darüber zu sprechen.
„Und sie ist derselben Meinung wie du?"
Nora bekam große Augen und war schlagartig wieder bester Laune. „Sie liebt die Vorstellung von euch beiden als Paar. Momentan kann sie nicht viel machen, denn Matthew wacht rund um die Uhr über sie, also gibt sie sich der Vorstellung hin, wie großartig ihr zusammen wärt."
Natürlich war Matthew wachsam. Er wusste ja, was vor sich ging und was Ben ihr damals angetan hatte. John machte diesen Job auch gut. Er war täglich in meiner Wohnung und sah nach dem Rechten. Bis auf einige wenige Briefe, welche Ben mir immer wieder im Briefkasten hinterließ, war alles in Ordnung. John wollte mir aber nie sagen, was in den Briefen stand. Er übergab sie dem Police-Department und meinte zu mir, dass nur belangloses drinnen stand.
Wir konnten jedoch nicht begreifen, wie er es schaffte, mir diese Briefe zukommen zu lassen. Er musste doch wissen, dass man nach ihm suchte, und anfangs gingen wir davon aus, dass er untergetaucht war. Doch die Briefe waren direkt bei mir eingeworfen worden, also musste er sich in der Nähe befinden und das machte mir mehr Angst, als ich zugeben wollte.
„Hörst du mir überhaupt noch zu?" Nora riss mich aus meinen Gedanken und ich entschuldigte mich. „Ich habe gesagt, dass Matthew uns nach der Geburt der Zwillinge für einige Zeit eingeladen hat. Quasi als Überraschung."
„Thalia freut sich bestimmt, euch zu sehen. Bei unserem letzten Telefonat hat sie erwähnt, wie sehr sie euch vermisst."
Thalia war die Patentante von Jona, dem Sohn von Nora und Jeff. Der kleine war erst wenige Monate alt und hatte heute seinen "Daddytag", wie Nora es nannte. Ab und zu gönnte sie sich eine Auszeit, selbst wenn es nur ein Mittagessen mit mir war. Sie wollte nicht nur Mutter sein, sondern auch weiterhin als selbstständige Frau agieren. Das war natürlich schwer, wenn man ein Baby bei sich hatte und alle um einen herum nur Augen für dieses kleine Wesen hatten.
„Jo und Norman werden auch dort sein", sprach Nora weiter. „Die beiden lassen sich vermutlich für mehrere Wochen in Washington nieder, damit sie nichts verpassen. Es sind immerhin ihre ersten Enkelkinder."
„Und meine Eltern haben das Recht dazu", wurden wir unterbrochen. Wir wurden von John unterbrochen, welcher hinter meinen Stuhl stand und seine Hände auf meinen Schultern platzierte. „Ich würde mir Brooke gerne kurz ausleihen."
Nora trug wieder dieses Grinsen und nickte. „Sie steht dir voll und ganz zur Verfügung."
Ich hatte keine Ahnung, was er hier wollte und eigentlich hätte ich ihm nun eine Standpauke gehalten, doch irgendetwas sagte mir, dass er nicht grundlos hier war. „Was ist los?", fragte ich und sah zu ihm nach oben.
„Das habe ich eben bekommen", meinte er und hielt mir sein Smartphone entgegen.
Ich nahm es an mich und erkannte darauf ein Foto. Von mir und Nora in diesem Restaurant. Die Nachricht, welche darunter stand, war nicht misszuverstehen.
Die kleine Hure scheint nicht nur den Platz deiner Schwester in eurer Firma eingenommen zu haben. Sie stiehlt nun auch Thalias Freundin. Vermutlich sollte ich ihr beibringen, wie man sich zu benehmen hat. Mir fallen da ein paar Dinge ein und du kannst sie nicht ewig vor mir verstecken. Sie hat eine Strafe verdient, denn die Letzte scheint sie vergessen zu haben. Ob sie genauso schreit, wenn ich sie einreite?
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Die Assistentin
RomanceBrooke Elliott war lange Zeit die Assistentin von Thalia St.James. Als ihre Vorgesetzte jedoch die Stadt verließ, setzte sie Brooke als ihre Nachfolgerin ein, denn immerhin hat sie das nötige Wissen, um den Job hervorragend zu meistern. Alles würde...
