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2 Wochen später
John

Als wäre unser Sohn das wertvollste Geschöpf auf diesem Planeten, wachte ich über ihn. Bis auf das Klinikpersonal, und diese standen unter meiner ständigen Beobachtung, ließ ich ihn niemanden anfassen. Wenn er nicht in meinen Armen ruhte, lag er im Inkubator.

Brooke lag noch immer im Koma und die Ärzte konnten es sich nur so erklären, dass es an dem erlittenen Schock lag, dass sie noch nicht wieder aufgewacht war. Dabei wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass sie endlich ihre Augen aufschlug und unseren Sohn in ihren Armen halten konnte. Vielleicht würde er ihr helfen, den seelischen Schmerz zu verarbeiten, denn der Messerangriff durch Ben war nicht das Einzige, was er ihr angetan hatte. Vermutlich würde sie nie wieder Kinder bekommen, denn einen ihrer Eierstöcke mussten die Ärzte während der Operation entfernen und auch ihre Gebärmutter wurde stark beschädigt.

Auch mich bedrückten all diese Informationen, doch ich konnte mich nicht allzu sehr davon einnehmen lassen. Ich musste für unseren Sohn funktionieren und somit blieb mir nichts anderes, als alles in die hintersten Ecken meines Verstandes zu drängen.

„Du bist wie eine Glucke." Thalia kam in das Krankenzimmer, in welchem Brooke und unser Sohn untergebracht waren. „Unsere Eltern würden sich freuen, wenn sie ihren Enkel in den Armen halten dürften." Zwar klang es wie ein Vorwurf, doch wirklich enttäuscht oder wütend war sie wegen meines Verhaltens nicht.

„Solltest du nicht mit deiner Familie am anderen Ende des Landes sein?", sprach ich ruhig und legte meinen Sohn zurück in den Inkubator. „Bist du allein hier oder kommen die anderen auch noch?"

Sie kam auf mich zu und überreichte mir eine Tasche, in der sich Wechselkleidung für mich befand. Seit zwei Wochen hatte ich das Krankenhaus schon nicht mehr verlassen, nur damit ich rund um die Uhr bei Brooke und unserem Jungen sein konnte. „Tate und Maddie verbringen den Tag bei unseren Eltern, während Matthew sich mit den Anwälten auseinandersetzt. Im Gegensatz zu dir haben wir kein Problem damit, dass jemand anderes aus der Familie unsere Kinder anfasst."

„Thalia", seufzte ich und setzte mich auf den Sessel, auf welchem ich die Tage verbrachte. „Ich meine es nicht böse und ich weiß, dass ihr ihm nichts antun würdet, aber eigentlich sollte Brooke die Erste sein, die ihn in den Armen hält."

Meine Schwester trat an das Krankenbett, in welchem Brooke lag, und strich ihr sanft über den Arm. „Das wird sie, aber du kannst nicht einfach alles von dir wegschieben."

„Ich schiebe nichts weg."

„Wann hast du das letzte Mal geschlafen? Nicht auf diesem Sessel, sondern in einem Bett oder länger als drei Minuten geduscht? Seit zwei Wochen bist du wie ein wandelnder Toter", beendete sie ihren Monolog und ging vom Krankenbett zum Inkubator. „Er hat noch nicht mal einen Namen."

Unsicher darüber, was ich tun sollte, blieb ich auf meinem Platz sitzen. „Was, wenn Brooke etwas passiert, wenn ich nicht da bin? Sie soll nicht allein sein, wenn sie aufwacht."

„Du gehst jetzt duschen und rasierst dich. Ich bleibe hier und passe auf. Du kannst die Tür zum Badezimmer auch auflassen, wenn es dir dadurch besser geht."

„Ich werde die Tür ganz sicher nicht offen stehen lassen", empörte ich mich.

Thalia drehte sich vom Inkubator weg und sah mich an. „Das heißt, du wirst duschen gehen länger als drei Minuten?"

Genervt erhob ich mich und nahm die Tasche in meine Hand. „Ja länger als drei Minuten." Langsam ging ich in das kleine Badezimmer, welches für die Patienten vorgesehen war. Da es sich um ein Einzelzimmer handelte und Brooke es momentan nicht nutzen konnte, würde ich mir ausnahmsweise Zeit lassen. „Du passt auf?", fragte ich, bevor ich den Raum betrat.

„Ja, jetzt geh endlich", meinte Thalia und konnte sich trotz der momentanen Lage ein Lachen nicht verkneifen.

Ich stoppte in meiner Bewegung und drehte mich noch einmal zu meiner Schwester um. „Du darfst ihn herausnehmen und halten, wenn du möchtest. Aber sei vorsichtig."

„Wirklich?" Sie klang wie ein aufgedrehter Teenager und ich bereute mein Angebot in diesem Moment.

Ich musste ihr vertrauen. Sie hatte immerhin zwei Babys und würde demnach mit einem klarkommen. Er war ein so liebes Kind. Die meiste Zeit schlief er und Weinen tat er fast nie. Mom meinte, dass er aussah wie Brooke. Ich konnte es nicht einschätzen. Er sah aus wie ein Baby und zum Glück war er nicht verschrumpelt oder hässlich. Somit war ich glücklich. Ein paar Tage war er auf der Säuglingsstation untergebracht und es gab wirklich hässliche Babys. Aber ich denke, keine Mutter wollte hören, dass ich beim Anblick ihres Kindes an Gollum denken musste.

Es war unglaublich, wie er mir, obwohl ich ihn eigentlich nie haben wollte, immer wieder ein Lächeln in mein Gesicht zaubern konnte. Gestern schien er realisiert zu haben, dass er Hände besaß. Es war verrückt wie fasziniert er davon war und es schien ihn so erschöpft zu haben, dass er danach den restlichen Tag verschlief. Doch anscheinend hatte er es wieder vergessen und heute Vormittag begann der Spaß aufs Neue.

Mehr als eine halbe Stunde verbrachte ich in diesem kleinen und sterilen Bad, doch ich konnte nicht abstreiten, dass mir diese kleine Auszeit guttat. Ich konnte etwas abschalten, denn Thalia war im Nebenraum und hätte mich gerufen, wenn etwas passiert wäre. Demnach kam ich, soweit ich es konnte, entspannt zu ihr zurück und sah, wie sie den Kleinen in ihren Armen sanft hin und her wiegte.

„Im Vergleich zu Tate und Maddie wirkt er so winzig", flüsterte sie. „Sie werden einfach so schnell groß."

„Ich denke, du dramatisierst es etwas. Die Zwillinge sind gar nicht so viel größer als er." Ich ging an ihr vorbei und setzte mich auf das Fußende des Bettes, in welchem Brooke lag. Irgendwann musste sie aufwachen und sie wäre mit Sicherheit genauso verzaubert wie ich von dem kleinen Wesen, welches wir zusammen gemacht hatten. „Was ist mit Matthew? Gibt es Probleme, weil er Ben angegriffen hat?"

„Nein. Er kennt jemanden, der sich darum kümmert."

Ihre Aussage verwirrte mich. „Jemand, der sich um was kümmert?", fragte ich und hoffte, dass sie meine Verwirrung auflösen konnte.

„Ich kenne ihn nicht persönlich. Aber er und Matthew sind alte Freunde. Sein Name ist Romeo und er kümmert sich eben darum, dass Ben keine Anklage gegen ihn erhebt." Sie klang, als würde sie über das Wetter sprechen, dabei schrillten in mir sämtliche Alarmglocken.

„Warum klingt es für mich so, als wäre dieser Romeo kriminell?"

Thalia legte vor Lachen ihren Kopf in den Nacken. „Er ist nicht kriminell, aber er bewegt sich oft am Rande der Legalität. Zumindest hat es Matthew mir so erklärt. Er erfüllt Leuten Gefallen, aber diese haben ihren Preis."

Ich blieb noch immer skeptisch. „Und welchen Preis zahlt ihr?"

„Keinen. Die beiden sind Freunde und anscheinend hat Matthew ihm einen Gefallen getan. Also revanchiert Romeo sich nur."

Ich beschloss, das Thema auf sich beruhen zu lassen. Die beiden wussten anscheinend, was sie taten und so lange kein Nachteil für sie entstand, war ich nicht sonderlich besorgt. Mein Blick glitt zu Brooke, die wie ein Engel aussah. Wie oft wir uns gestritten hatten und ich mir wünschte, dass sie einfach mal Ruhe gab. Doch das, die momentane Situation, wollte ich nie. In diesem Moment kam mir die Idee und ich wusste, dass meine Frau damit glücklich wäre.

„Ich habe einen Namen für ihn."

Die Assistentin Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt