Kapitel 26

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Träume ich gerade? Was ist gerade passiert?! Ich schubste Azad von mir weg. Mein Herz raste. Seine Jacke fiel auf den Boden, aber mein Körper war so erhitzt, dass ich die Kälte gar nicht spürte.
„Tut mir leid, Ayla, ich dachte—"
„Azad, was haben wir gerade gemacht?" Mein Kopf war wie leergefegt. Scheiße. Es hat sich gut angefühlt, aber... was habe ich gerade getan? Mein erster Kuss sollte doch erst nach der Hochzeit stattfinden. Mit Gottes Segen. Aber das... Mein Herz raste, und ich stolperte rückwärts.

„Ayla, es tut mir leid", sagte er leise und trat näher.
„Nein. Bleib da, wo du bist!" Ich wischte mir hektisch den Mund ab. Sünde. Scheiße. Sünde! Ich geriet direkt in Panik.
„Ayla, ich konnte mich nicht mehr kontrollieren, es tut—"
„Nein, ich bin auch schuld. Ich... was habe ich mir dabei gedacht? Azad, ich wollte das erst nach der Hochzeit. Was... was—"
„Okay. Dann komme ich und halte um deine Hand an."

Ich starrte ihn an, völlig schockiert. „Bist du verrückt? Wie... wie soll ich das meinen Eltern erklären? Und außerdem bin ich erst 19. Das geht nicht so schnell!"
Er kam wieder näher. „Wieso? Willst du das nicht?"
Ich nickte. Und verschluckte mich fast. „D... doch, aber nicht jetzt."

Er sah mich an, als könnte er meine Antwort nicht fassen. „19 ist nicht direkt 15, Ayla. Ich bin selbstständig, wir können das schaffen."
„Ich will erst nach dem Studium."
Er trat näher und stand schließlich direkt vor mir. „Es heiraten heutzutage genug Menschen in deinem Alter. Warum nicht wir?"

Wie... wie bin ich in diese Situation geraten?
„Azad, du verstehst nicht, was ich meine—"
„Soll ich ehrlich sein? Tue ich wirklich nicht. Lass es uns machen, bevor etwas dazwischenkommt."
Ich schaute ihn irritiert an. „Was soll dazwischenkommen?" Er senkte den Kopf. „Nichts. Falls... falls doch etwas dazwischenkommen sollte."

Langsam kroch die Kälte in meinen Körper, während mein Verstand noch immer am Rattern war. „Lass uns Zeit, uns richtig kennenzulernen."
Er nickte. Ich sah die Enttäuschung in seinen Augen. „Ja. Alles, was du willst", sagte er schließlich mit einem Lächeln.

Als ich fünf Minuten vor Azad die Treppe hinunterging, kam Mansur direkt auf mich zu.
„Wo warst du? Ich habe dich überall gesucht."
Die lauten Stimmen der Gäste machten es schwer, einander zu verstehen. Ich lehnte mich zu ihm vor und schrie ihm ins Ohr: „Ich musste kurz mit meiner Mama telefonieren."
Er nickte und zog mich weiter. „Komm, ich muss dir meine Cousine und ihren Freund vorstellen."

Ich entdeckte Merve und Erion weiter vorne, die mich beide fröhlich anlächelten. Merve winkte mir zu, und ich erwiderte es schnell, beschloss aber, ihre Nachrichten später zu lesen.

„Rana, das ist Ayla."

Für einen Moment blieb ich sprachlos. Diese freche Göre ist seine Cousine?!
Bevor ich richtig reagieren konnte, trat Azad aus der Menge und stellte sich direkt neben Rana. Mein Herz setzte für einen Schlag aus. Sein Gesicht war angespannt, doch er versuchte, es zu verbergen. Rana strahlte ihn an – ihr Begleiter also.

„Oh, schön, dich kennenzulernen!" Rana reichte mir die Hand. Anscheinend erkennt sie mich aus dem Restaurant nicht wieder.
Ich nahm sie mechanisch, während mein Herz raste. „Freut mich auch", brachte ich hervor.

Mansur wurde plötzlich still. Oh Gott.

Rana blickte stolz auf Azad. „Mansur, das ist Azad. Und Azad, das ist Mansur."
Sie strahlte vor Freude, und ich sah, wie Azads Blick schlagartig zu Mansur wanderte. Die beiden hatten sich bemerkt. Mansurs Gesicht erstarrte.

„Was?" Mansurs Stimme war scharf, und ich spürte die Wut dahinter. Seine Augen waren auf Azad fixiert. „Er... ist dein Begleiter?"
Rana runzelte die Stirn, sichtlich verwirrt. „Ja, natürlich. Warum?"

Azad blieb ruhig, aber ich konnte sehen, wie seine Kiefermuskeln angespannt waren. Mansur wirkte wie eingefroren, bevor er schließlich bitter lachte. „Das kann nicht dein Ernst sein, Rana. Weißt du überhaupt, wer er ist?"

„Mansur!" Ich versuchte, ihn zu stoppen, aber er ignorierte mich komplett.
„Natürlich weiß ich das." Rana verschränkte die Arme. „Was soll die Frage?"

Mansur schnaubte bitter und trat einen Schritt auf Azad zu. „Dein Begleiter, Rana? Dieser Azad?" Seine Stimme war ein bedrohliches Zischen.

Azad hob den Kopf und sah Mansur direkt in die Augen. „Hast du ein Problem damit?" Seine Stimme war ruhig, aber jeder konnte die unterdrückte Wut spüren.

„Ein Problem?" Mansur lachte trocken. „Oh, ich habe mehr als nur ein Problem. Du bist der Letzte, den ich bei meiner Familie sehen will."
„Mansur!" Rana sah ihn entsetzt an. „Was soll das heißen?"

„Das heißt, dass Azad und ich eine Vorgeschichte haben", sagte Mansur eisig. „Und die ist alles andere als gut."

Ranas Augen weiteten sich, und ich wusste, dass sie von der Situation völlig überfordert war.
„Das ist nicht dein Ernst", flüsterte sie schließlich. „Azad ist hier, weil ich ihn eingeladen habe. Es geht dich nichts an!"

„Doch, das tut es! Rana er hat zu 100% was vor. Ich weiß das!" Mansur funkelte sie an. „Ich lasse nicht zu, dass jemand wie er dir zu nahe kommt."

„Jemand wie ich?" Azad trat einen Schritt nach vorne. Seine Stimme war nun schneidend. „Pass auf, was du sagst."

„Oh, ich wähle meine Worte sehr sorgfältig." Mansur trat ebenfalls näher, ihre Gesichter waren jetzt nur noch Zentimeter voneinander entfernt. Die Spannung war so greifbar, dass ich fast keine Luft mehr bekam.

„Hört auf!" rief ich, und meine Stimme schnitt durch den Lärm. Alle drehten sich zu uns. „Mansur... bitte." Ich spürte Azads Blick auf mir. Ich entschuldigte mich bei den beiden und ging mit Mansur weg.

Dieses Chaos war nicht anders zu stoppen.

„Was zum Teufel?! Ausgerechnet er?!" beschwerte sich Mansur lautstark. Ich konnte ihn vollkommen verstehen. „Er wusste es auch nicht. Ich habe es in seinen Augen gesehen." Er schüttelte frustriert den Kopf. „Nein, ich muss mit meinem Onkel sprechen."

Ich packte ihn am Arm, um ihn zurückzuhalten. „Azad hat nichts vor. Die beiden sehen sich nur wegen der Arbeit."

Mansur blieb stehen und sah mich irritiert an. „Woher weißt du das?"

Shit. Für einen Moment wusste ich nicht, was ich sagen sollte, doch zum Glück kam Merve mir zur Hilfe. „Ich habe es ihr gesagt", warf sie ein.

„Aha." Das war alles, was Mansur von sich gab, aber ich spürte, dass er nicht wirklich überzeugt war.

Mein Blick wanderte währenddessen zu Azad – oder besser gesagt, zu dem Mädchen, das sich an ihn heranschmiegte. Rana. Sie war viel zu nah, berührte ihn immer wieder wie zufällig, und ihr Lachen hallte übertrieben laut durch den Raum.

Ich konnte sehen, dass Azad nicht darauf einging. Sein Desinteresse war offensichtlich, zumindest für mich. Aber trotzdem regte sich etwas in mir.

Es störte mich. Nein, es machte mich wahnsinnig. Jede Bewegung von ihr ließ meine Gedanken wilder werden. Warum musste sie sich so verhalten? Glaubt sie etwa, sie hätte eine Chance?

Ich verschränkte die Arme, mein Blick bohrte sich in ihren Rücken. Azad ignorierte sie, das war klar, aber das reichte mir nicht. Ich wollte, dass sie verschwindet.

Ich hoffte wirklich, dass es niemals zu einer Auseinandersetzung kommen würde – obwohl ich mir insgeheim wünschte, dass sie einen Grund dafür lieferte.

i hate youWo Geschichten leben. Entdecke jetzt