Du kannst loslassen", sagte ich, als wir fast am Tisch angekommen waren, an dem bereits alle saßen. Es schien, als hätte er es völlig vergessen. Hastig zog er seine Hand zurück.
„Das nächste Mal, wenn dich jemand so angafft – bell die Person einfach an."
Was?
„Azad—" Mein Herz stockte. Wie lange hatte ich seinen Namen nicht mehr laut ausgesprochen? Ich sprach weiter:
„Ich bin kein Hund. Und ich kann auf mich selbst aufpassen."
„Tss. Hat man gesehen. Ich dachte, du fängst gleich an zu heulen."
„Hör auf zu übertreiben!"
„Ah, da sind ja unsere..." Mansur grinste, doch ich warf ihm einen warnenden Blick zu.
„Unsere Ayla und Herr Sivan."
Wir setzten uns. Ich begrüßte alle. Can saß neben seinem Vater, ich neben Mansur. Und vor mir – er. Azad. Neben Mansur saß Rana. Später kam auch noch Mansurs Onkel dazu.
„Boah, das war lecker. Ich hol mir noch was. Rana, willst du auch?" fragte Mansur.
Normalerweise hätte er mich gefragt. Sie warf mir nur einen kurzen Blick zu und verneinte dann.
„Da ihr beide jetzt die Woche über im Hotel bleibt und der Weg zur Firma etwas länger ist, könnt ihr euch morgen noch entspannen", sagte Mansurs Onkel. „Kommt aber bitte am Montag zur Firma."
„Wir können auch morgen kommen", sagte ich direkt.
„Nein, ich finde, Montag ist gut. Ich muss noch ein paar Sachen an meinem Laptop erledigen", warf Azad ein.
Was zur Hölle? Und was soll ich im Hotel den ganzen Tag machen? Ich dreh doch durch.
„Alles klar, dann passt das so. Tut mir echt leid, dass es dazu gekommen ist."
„Alles gut", sagte ich und lächelte Ranas Vater höflich an.
—
„Rana, alles gut?" fragte ich sie, als wir den Flur entlanggingen. Sie war die ganze Zeit über still, ganz anders als sonst. Die anderen waren längst in ihren Zimmern. Nur wir beide beschlossen, noch spazieren zu gehen.
„Ja."
„Stopp." Ich hielt ihre Hand fest. „Was ist los? Hat Azad irgendwas damit zu tun?"
Sie schüttelte sofort den Kopf. „Nein. Er hat nichts getan."
„Warum bist du dann so ruhig?"
Komisch, wenn ich daran denke, dass ich sie anfangs überhaupt nicht leiden konnte – und jetzt wollte ich plötzlich Deep Talk mit ihr führen? Verrückt.
„Lass uns da drüben auf die Bank setzen", sagte sie.
Es war schon dunkel, aber die Luft war warm. Menschen flanierten mit Partnern oder Familie an uns vorbei.
„Ich weiß nicht, was mit mir los ist", murmelte sie und starrte auf den Boden.
„Wieso? Fühlst du dich hier in Valencia nicht wohl?"
Sie schüttelte den Kopf.
„Doch... aber... kennst du das, wenn etwas einfach passiert – so ganz plötzlich – und ab da ist alles mit dieser Person... anders? Ich meine, da ist was... also nichts Normales...
da ist, ähm—"
„Eine Bindung aus dem Nichts?"
Sie sah mich erschrocken an.
„Ja..."
Moment mal. Sie und Mansur? Nein. Die haben sich doch gehasst.
„Kenne ich diese gewisse Person vielleicht?"
Ihre Augen wurden riesig.
„Nein. Ich meine... ja. Boah Ayla, ich weiß nicht."
„Aha... und was genau ist passiert?"
„Ich war am Strand. Einfach nur da, wollte mich sonnen. Plötzlich stellte sich ein Typ vor mich. Ich hab ihn angeschrien, er soll verschwinden – aber er blieb einfach stehen. Dann kam er. Ohne zu fragen, ohne zu zögern, hat er den Typen weggeschubst. Hat irgendwas gesagt, was ich nicht verstanden habe." Sie seufzte.
„Dann kam er zu mir. Gab mir sein T-Shirt, damit ich mich bedecken konnte. Wir gingen essen, weil er meinen knurrenden Magen gehört hatte."
Ich musste lachen.
„Wir haben geredet... aber es war nicht wie zwischen Cousin und Cousine. Da war..."
Sie verstummte.
Also doch. Es ist Mansur.
Als sie merkte, was sie gerade laut ausgesprochen hatte, sprang sie plötzlich auf.
„Oh. Nein, das... das war nicht Mansur, Ayla."
Ich stand ebenfalls auf.
„Rana. Ich weiß es längst. Und es ist nichts Schlimmes."
Sie zitterte leicht. Wovor hatte sie solche Angst?
„Ja... aber mein Vater."
„Dein Vater? Rana, er wollte dich doch mit ihm verkuppeln."
Sie sah mich verwirrt an.
„Was meinst du?"
Ich seufzte und ließ ihre Hände los.
„Mansur hat es mir vor Wochen erzählt."
„Was? Mansur?!!"
Wir setzten uns wieder.
„Ja. Dein Vater wollte ihn unbedingt für dich. Und Rana – er ist dein Cousin, ja. Aber er ist nicht dein Bruder."
Sie lachte.
„Bruder ist echt hart."
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i hate you
RomantikAyla durchlebte eine anspruchsvolle Schulzeit, in der jemand, den sie zutiefst liebte, ihr Herz Stück für Stück brach. Im Laufe der Zeit wandelten sich ihre Gefühle zu Hass, und sie setzte alles daran, ihn in der Zukunft zu vermeiden. Dennoch hatte...
