3 Wochen später
Ich hätte einfach weitermachen sollen. Die Arbeit in der Firma wurde zu viel. Kein Freiraum, keine Pause – nur Verantwortung. Ich wusste, dass Ayla nicht nach Spanien kommen konnte. Sie musste ihr Abi schreiben, und dann waren da noch ihre Eltern. Doch als ich am Flughafen saß, mit meinem Laptop auf den Knien und mich durch endlose Mails arbeitete, hörte ich plötzlich ihren Namen.
Ich hob den Kopf – und da stand sie. Mit einem Koffer in der Hand.
Ich fragte sie nicht, wie sie es geschafft hatte. Ob sie ihr Abi bestanden hatte. Wie sie ihre Eltern überredet hatte. Es war mir egal – oder ich redete es mir zumindest ein.
Mansur stand neben ihr, redete mit ihr, und sie lachte leise. Rana saß neben mir, lehnte sich an meine Schulter und schien wegzudösen. Ich senkte den Blick wieder auf meinen Bildschirm, tippte weiter, als wäre nichts. Aber ich hörte jede ihrer Bewegungen, jede Nuance in ihrer Stimme.
Can war auch hier. Allein hätte ich ihn nicht gelassen.
Der Flug verlief nicht wie geplant. Irgendetwas war schiefgelaufen mit den Sitzplätzen, und am Ende saß Ayla neben mir. Links von mir lehnte Rana mit geschlossenen Augen ans Fenster, rechts von Ayla saß Mansur, der sich bereits mit seinem Kopfhörer beschäftigte.
Ich atmete genervt aus und lehnte mich zurück. „Toll."
Ayla verdrehte die Augen. „Denkst du, ich bin glücklich darüber?" Sie verschränkte die Arme und rutschte so weit wie möglich von mir weg, als würde sie sich vor einer ansteckenden Krankheit schützen müssen.
„Hätte mich auch gewundert", murmelte ich und sah wieder nach vorne.
Ein paar Sekunden herrschte Schweigen, dann hörte ich, wie sie leise seufzte. „Eigentlich sollte ich nur neben Mansur sitzen."
Ich schnaubte. „Und ich nur neben Can. Aber anscheinend läuft heute nichts nach Plan."
Sie drehte sich zu mir, ihre Augen funkelten herausfordernd. „Wenn's dich so stört, kannst du ja mit jemanden tauschen."
Ich ließ meinen Blick zu Rana gleiten, die ruhig schlief. „Hm. Nein, lieber nicht. Ich wecke sie doch nicht für sowas."
Ayla verdrehte wieder die Augen. „Natürlich nicht."
„Also, lehn dich nicht zu weit rüber." Ich deutete auf die Armlehne zwischen uns. „Die gehört mir."
„Träum weiter." Sie legte demonstrativ ihren Arm darauf, als wäre es ihr persönlicher Thron.
Ich schüttelte den Kopf und ließ ein abfälliges Lachen hören. „Hätte ich gewusst, dass ich neben dir sitzen muss, hätte ich den verdammten Jet genommen."
Ayla verschränkte die Arme und funkelte mich an. „Glaub mir, ich hätte dir das Ticket persönlich in die Hand gedrückt."
Ich drehte mich langsam zu ihr und sah sie mit hochgezogener Augenbraue an. „Ach ja? Und wer hätte dann dein Koffer getragen? Du etwa?" Ich ließ meinen Blick demonstrativ über sie wandern.
Sie riss die Augen auf. „Mansur ist auch hier. Als ob ich von dir abhängig wäre." Der Junge von dem sie sprach war schon längst eingeschlafen.
Ich lehnte mich entspannt zurück, ein müdes Lächeln auf den Lippen. „Natürlich nicht. Deswegen bist du ja auch hier, obwohl du eigentlich gar nicht hier sein solltest, richtig?"
Für einen Moment wusste sie nichts zu sagen. Dann rollte sie mit den Augen und drehte sich von mir weg. „Vergiss es."
Die Zeit verging. Das monotone Brummen des Flugzeugs, das gedämpfte Licht – alles wurde ruhiger. Ich konzentrierte mich wieder auf meinen Laptop, ließ die Zahlen und Mails durchlaufen, während um mich herum das Leben weiterschlief.
Und dann spürte ich es.
Etwas Weiches lehnte sich an meine Schulter. Ihr Duft – eine Mischung aus Vanille und etwas, das nur nach ihr roch – stieg mir in die Nase. Ich bewegte mich nicht. Ich hätte sie wecken können. Hätte mich zur Seite lehnen können, um ihr zu zeigen, dass das hier nicht passieren sollte.
Aber ich tat nichts.
Stattdessen hob ich langsam eine Hand und strich eine lose Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Mein Blick blieb auf ihr haften. Ruhiger Atem, entspannte Züge. So friedlich.
Ich ließ meine Hand sinken, lehnte mich zurück und schloss für einen Moment die Augen.
Ich sagte mir, dass es egal war. Dass es keine Rolle spielte.
Aber verdammt, es fühlte sich besser an, als es sollte.
—
Nach einer Weile regte sie sich leicht. Ich spürte, wie ihr Körper sich bewegte, doch sie schien noch nicht ganz wach zu sein. Dann, plötzlich, hob sie den Kopf ein Stück, blinzelte verschlafen – und erstarrte, als sie realisierte, wo sie gerade gelegen hatte.
Ich sah, wie ihr Blick von meiner Schulter zu meinem Gesicht wanderte. Ihre Lippen öffneten sich leicht, als wolle sie etwas sagen, doch dann schüttelte sie schnell den Kopf, und setzte sich gerade hin.
„Sag nichts," murmelte sie schließlich, ohne mich anzusehen.
Ich musterte sie einen Moment, lehnte mich dann zurück und verzog amüsiert den Mund. „Hab ich nicht vor."
Ayla verschränkte die Arme und starrte auf die Rückenlehne vor sich. Ich konnte sehen, wie sie versuchte, sich wieder zu fassen, sich einzureden, dass das nichts bedeutete.
Ich ließ meinen Blick wieder auf den Laptop sinken, aber meine Gedanken waren woanders.
Das Spiel hatte gerade erst begonnen Madame.
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i hate you
RomanceAyla durchlebte eine anspruchsvolle Schulzeit, in der jemand, den sie zutiefst liebte, ihr Herz Stück für Stück brach. Im Laufe der Zeit wandelten sich ihre Gefühle zu Hass, und sie setzte alles daran, ihn in der Zukunft zu vermeiden. Dennoch hatte...
