Kapitel 33

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1 Woche später

Mein Atem ging schneller, mein Herz pochte heftig gegen meine Brust. Meine Finger umklammerten die Tischkante so fest, dass meine Knöchel weiß wurden. Das konnte nicht wahr sein.

Ich war seit genau vier Stunden und sechsundzwanzig Minuten in diesem Büro. Und in diesen vier Stunden hatte ich die ganze Zeit über das Gefühl, als wäre ich in einen Albtraum geraten.

Ich hatte mich auf diesen Job eingelassen, weil ich dachte, es wäre ein Neuanfang. Eine neue Chance, mich auf etwas anderes zu konzentrieren, mein Leben in eine andere Richtung zu lenken. Mansur hatte mir versprochen, dass ich hier sicher wäre, dass ich hier endlich unabhängig sein könnte.

Aber dann hatte ich ihn gesehen.

Azad.

Hier.

In diesem Büro.

Als ich heute Morgen mein neues Arbeitsumfeld erkundet hatte, war ich noch optimistisch gewesen. Die Büroräume waren modern, mit Glaswänden, die den Blick in fast jede Ecke freigaben. Ich hatte mich auf meine Arbeit konzentrieren wollen, mich in Tabellen vertiefen, in Projekte einarbeiten, mich ablenken.

Doch dann hatte ich ihn durch die Glaswand gesehen.

Sein eigenes Büro. Sein eigener Bereich.

Azad saß da, als wäre es das Normalste auf der Welt, dass wir jetzt unter demselben Dach arbeiteten. Seine Ärmel waren wie immer hochgekrempelt, seine Miene konzentriert, als würde ihn nichts stören.

Aber ich wusste es besser. Ich wusste, dass er mich längst bemerkt hatte. Ich hatte ihn nicht hier erwartet. Nicht nach allem, was passiert war.

Ich war aufgestanden, um frische Luft zu schnappen, doch noch bevor ich den Raum verlassen konnte, vibrierte mein Handy. Mansur.

Ich nahm ab, meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Sag mir, dass das ein schlechter Scherz ist."

„Ayla?" Mansur klang alarmiert. „Was ist los?"

Ich schloss kurz die Augen und lehnte mich gegen die Wand. „Er ist hier, Mansur. Azad ist hier."

Einen Moment lang sagte er nichts. Dann hörte ich ihn leise fluchen.

„Fuck. Das wollte ich dir noch sagen."

Ich richtete mich ruckartig auf. „Wolltest du was sagen?"

„Ayla..." Er seufzte. „Sein Vater und mein Onkel arbeiten jetzt zusammen. Azads Familie braucht neue Kontakte, und mein Onkel hat die richtigen Verbindungen. Also haben sie beschlossen, zusammenzuarbeiten."

Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte.

„Und du sagst mir das erst jetzt?!"

„Ich hab's erst heute Morgen erfahren!" Mansur klang ehrlich frustriert. „Ich wusste nicht, dass er auch hier sein würde." Ich rieb mir die Schläfen. „Mansur, das ändert alles."

„Nein", erwiderte er ruhig. „Es ändert nichts, Ayla. Es bedeutet nur, dass du vorsichtiger sein musst."

Ich biss mir auf die Lippe und ließ meinen Blick erneut durch die Glaswand wandern.

Azad telefonierte gerade mit jemandem, seine Miene ausdruckslos. Doch als hätte er gespürt, dass ich ihn beobachtete, hob er plötzlich den Kopf.

Unsere Blicke trafen sich.

Ich erstarrte.

Seine Augen waren kalt, und doch lag darin etwas, das ich nicht deuten konnte. Eine Mischung aus Neugier, Wut... und vielleicht Enttäuschung.

Ich zwang mich, nicht wegzusehen.

Doch dann verzog er die Lippen zu einem leichten, spöttischen Lächeln. Und in diesem Moment wusste ich, dass er mich testen wollte.

Dass er herausfinden wollte, wie viel Macht er noch über mich hatte.

Ich ballte die Fäuste.

Er hatte keine Macht mehr über mich.

Nicht mehr.

„Ayla?" Mansur riss mich aus meinen Gedanken.

„Ja?"

„Bist du dir sicher, dass du das durchziehen willst?"

Ich atmete tief ein. Ja, ich war mir sicher.

Denn das hier war kein Zufall. Es war nie ein Zufall gewesen.

Und wenn Azad dachte, dass er mich noch immer kontrollieren konnte, dann hatte er sich getäuscht.

Ich würde ihm zeigen, dass ich nicht mehr das naive Mädchen war, das ihm einmal vertraut hatte.

Ich hatte gehofft, ihn den ganzen Tag über ignorieren zu können. Doch natürlich kam es anders. Es war kurz nach der Mittagspause, als ich gerade von der Küche zurückkam. Ich hatte mir einen Kaffee geholt, um mich wachzuhalten, als plötzlich eine bekannte Stimme hinter mir erklang.

„Seit wann arbeitest du hier?" Ich hielt mitten in der Bewegung inne. Langsam drehte ich mich um. Wieso spricht er überhaupt mit mir? Denkt er ich hätte alles schon vergessen? Ich kann aber auch nicht mich wieder wie ein Kind verhalten und ihn ignorieren.
Er stand mit verschränkten Armen vor mir, sein Blick undurchdringlich. Ich zwang mich, ruhig zu bleiben. „Seit heute."

Er nickte langsam, als würde er die Information verarbeiten. Dann lehnte er sich leicht gegen den Türrahmen und musterte mich. „Hat Mansur dir den Job besorgt?"

Ich hob eine Augenbraue. „Warum interessiert dich das?" Er sah mich leer an. „Weil ich mich frage, ob du hier bist, um zu arbeiten... oder um mich auszuspionieren." Mein Herz setzte einen Schlag aus, doch ich ließ mir nichts anmerken.

„Sei nicht so eingebildet, Sivan", erwiderte ich ruhig. „Nicht alles dreht sich um dich." Sein Blick veränderte sich für einen kurzen Moment. Dann schnaubte er leise.

„Natürlich nicht."

Ich drehte mich um und wollte gehen, doch dann sagte er noch etwas, das mich innehalten ließ.

Ayla."

Ich schloss die Augen, sammelte mich und sah ihn dann über die Schulter an.

„Was?"

Er hielt meinem Blick stand. „Geh weg. Das hier ist nichts für dich."

Meine Finger kribbelten vor unterdrückter Wut.

„Nichts für mich?" Ich lachte spöttisch. Eine Mitarbeiterin kam vorbei, also zwang ich mir ein falsches Lächeln auf, das Azad galt. Kaum war sie außer Sicht, schubste ich ihn leicht. „Du hast nicht das Recht, mir zu sagen, wo ich hingehen soll."

Sein Blick wurde noch kälter. „Warum dann ausgerechnet hier, hm? Hast du keinen anderen verfickten Platz gefunden? Musst du immer hinter diesem verdammten Mansur her sein?"

Das war doch nicht sein Ernst.

Mein Puls raste. „Was redest du da?! Woher nimmst du dir das Recht, so mit mir zu sprechen – nach allem?"

Er trat näher. Seine Stimme war leise, aber voller Wut. „Seit du dich für ihn entschieden hast."

Ich erstarrte.

Was? Ich habe mich für niemanden entschieden. Aber das werde ich ihm sicher nicht erklären.

Also setzte ich ein schiefes Lächeln auf. „Was ist los, Herr Sivan? Hat es an deinem Ego gekratzt?"

Sein Kiefer spannte sich an. Sein Blick war mörderisch.

„Geh. Weg. Ayla."

Ich verdrehte die Augen und schob mich an ihm vorbei, meine Schultern streiften seine.

Ein stiller Krieg hatte begonnen—unausgesprochen, aber unübersehbar. Jeder Blick, jede Bewegung, jedes Wort war jetzt eine Schlacht.

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