Kapitel 35

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„Das ist doch nicht dein Ernst, Mansur." Er lachte auf.

„Was denn? Wärst du lieber allein hier?"

Er hat mich doch nicht wirklich an einem Sonntag herbestellt, nur weil er nicht allein sein will. Gestern war es schon anstrengend genug. Jetzt sitze ich in seinem Büro und warte mit ihm darauf, dass wir in den Konferenzraum gerufen werden – obwohl ich dort absolut nicht gebraucht werde.

„Ich hasse dich, Mansur."

„Och komm, bitte. Du hättest dasselbe ge—"

„Da ist Azad. Und deine Cousine."

Mansur runzelte die Stirn. „Ich dachte, du wärst längst über ihn hinweg."

Das dachte ich auch.

„Bin ich auch." Meine Stimme klang fester, als ich mich fühlte.

„Ja, ja, komm." Mansur stand auf. „Übrigens, ich wollte es dir eigentlich nicht sagen, aber dein dunkelblauer Anzug steht dir, Büro-Mann."

Er grinste.

„Wow, echt? Dann werde ich ihn ab jetzt jeden Tag tragen."

Ich lachte leise, doch mein Blick wanderte bereits zu Azad und Rana, die zusammen in den Konferenzraum gingen. Gestern war er nicht da gewesen, was meine Arbeit um einiges erleichtert hatte. Aber heute ... heute ist er hier. Und er ist mit ihr hier.

„Ayla, mach dir keinen Kopf. Ich bin bei dir." Mansur griff nach meiner Hand.

Noch bevor ich etwas sagen konnte, klopfte es, und wir standen beide auf, um loszugehen.

Im Konferenzraum war die Stille lauter als die Stimmen.

Rana kicherte ständig, was ein unangenehmes Gefühl in mir hervorrief. Ich will hier nicht sein. Die Atmosphäre ist so verdammt dicht, dass sie mir die Luft abschnürt.

Azad saß direkt gegenüber von Mansur, und ich genau gegenüber von Rana. Er wirkte kalt, unnahbar – als hätte er meine Gedanken gelesen, hob er plötzlich den Blick. Unsere Augen trafen sich für den Bruchteil einer Sekunde, doch ich wandte mich sofort ab.

Gott sei Dank kamen endlich die anderen. Doch sie waren nicht allein.

Can.

„Hallo, Abi!"

Er rannte sofort zu Azad, der ihn ohne zu zögern auf den Arm nahm.

„Was machst du denn hier, Großer?"

„Papa hat mich mitgenommen."

Can lächelte, und seine Grübchen kamen zum Vorschein. Ich zwang mich, ihn nicht anzusehen. Hoffentlich hat er mich vergessen.

Azads Vater und Mansurs Onkel begrüßten uns, und wir standen alle auf. Für einen Moment erstarrte Azads Vater, als er mich sah, doch dann setzte er sich, als wäre nichts gewesen.

„Hi, Ayla."

Ich blinzelte. Can sah mich direkt an.

„Hi, Can."

„Moment." Ranas Stimme durchbrach die angespannte Atmosphäre. „Can kennt dich? Woher?"

Shit.

„Rana, das ist doch scheißegal." Mansurs Stimme war schneidend. „Onkel, können wir anfangen?"

Ich warf Mansur einen dankbaren Blick zu – doch dann spürte ich es. Azads Blick brannte förmlich auf mir. Ich weigerte mich, in seine Richtung zu sehen.

„Ayla ist doch Az—"

„Can, ich glaube, es ist Zeit für dich, rauszugehen." Azad übergab ihn an einen seiner Security-Männer. „Hier, geh mit Hamid."

„Aber ich bin doch gerade erst gekommen!"

„Can, ich nehme dich nächstes Mal nochmal mit." Sein Vater klang ruhig.

Wir drei sitzen hier im selben Boot.

Can verließ den Raum, und wir begannen mit der Besprechung über das System und notwendige Veränderungen.

„Ich hätte eine Idee."

Mansurs Onkel lächelte. „Ja, bitte."

„Die Gläser hier ... Ich finde, die Büros sollten mit echten Wänden gebaut sein, nicht nur Glas. Die Mitarbeiter lassen sich zu leicht ablenken und vergessen, dass sie sich am Arbeitsplatz befinden."

„Wir können doch nicht die ganze Firma auseinanderbauen, nur weil du Wände willst."

Azads kalte Stimme ließ mich innerlich aufkochen. Ich sah ihn vernichtend an.

„Das war nicht meine Intention. Ich will nur, dass die Mitarbeiter—"

„Hör auf, in der Mehrzahl zu sprechen, wenn du nur über dich selbst redest."

Ich presste die Lippen aufeinander.

„Azad, ich finde ihre Idee gar nicht schlecht", warf Mansurs Onkel ein.

„Papa, ich mag die Gläser. Das ist modern. Wieso sollten wir langweilige Wände bauen?" Rana zog eine abfällige Miene.

„Also, ich finde ihre Idee gut." Kommentierte Mansur.

„Ich verstehe überhaupt nicht, in welcher Diskussion wir gerade stecken. Es sollte um das Arbeitssystem gehen, nicht um das Gebäude."

„Da hast du recht, mein Sohn." Azads Vater klang zufrieden.

Ich wollte doch nur helfen.

„Aber Sivan, ich finde Aylas Idee gar nicht so schlecht. Dies ist ohnehin ein Altbau. Wir könnten während der Bauzeit in unser zweites Gebäude umziehen."

Moment. Was?

Es gibt ein zweites Gebäude?

„Onkel, das ist in Spanien." Mansurs Ton war unmissverständlich.

Meine Augen wurden groß. Nein. Niemals.

„Du hast recht. Wir werden dieses alte Gebäude komplett neu machen – so ziehen wir mehr Kunden an. Während hier gebaut wird, arbeiten wir zwei Wochen in Spanien und zwei Wochen in meinem Firma."

Nein. Nein. Nein.

„Wir machen Urlaub??"

„Dein Ernst, Rana?! Wir sprechen hier über Arbeit, nicht über Urlaub." sagte Mansur genervt.

Die zwei könnten glatt als Geschwister durchgehen.

„Ich meinte doch nur ..." Rana verdrehte die Augen.

„Ayla, du hast uns auf eine großartige Idee gebracht. Ich freue mich, dich hier zu haben."

Mansurs Onkel lächelte mich an. Ich mg ihn.

„Wie soll das umgesetzt werden? So einfach ist das nicht." Azads Stimme war scharf wie eine Klinge.

Was ist los mit ihm? Warum schießt er ständig gegen mich?

„Darum müssen Sie sich keine Sorgen machen, Herr Sivan. Mansur und ich kümmern uns darum."

„Moment, ich?" Mansur sah mich gespielt empört an. Ich kniff ihm unauffällig in den Oberschenkel.

„Oh ja, stimmt. Wir." Er grinste belustigt.

Azad sah mich vernichtend an. Kalt. Ein Geschäftsmann durch und durch.

„Warum nur ihr?" Rana legte den Kopf schief. „Azad und ich könnten das doch auch."

Verdammt. Rana, bitte nicht.

„Toll!" Mansurs Onkel lachte. „Ihr vier seid wirklich der Hammer. Dann macht es doch gemeinsam. Bitte heute noch."

Was zur Hölle?!

i hate youWo Geschichten leben. Entdecke jetzt