Meine Augen brannten vor Müdigkeit, als ich über meinem Heft saß und versuchte, mich auf die Formeln zu konzentrieren. Noch zwei Tage. Zwei Tage bis zu den Abiturprüfungen. Zwei Tage, in denen ich mich irgendwie zusammenreißen musste.
Ich hatte mir immer vorgestellt, dass die letzten Tage vor dem Abitur anstrengend sein würden – aber nicht so. Nicht mit diesem Chaos in meinem Leben. Nicht mit diesem Druck, der auf meinen Schultern lastete.
Der neue Job. Der Stress mit Azad. Die Sache mit Merve.
Ich fuhr mir durch die Haare und seufzte. Ich konnte nicht einmal mehr sagen, was mich am meisten belastete. Es war einfach alles zusammen.
Der Schulkorridor war laut wie immer. Schüler liefen an mir vorbei, lachten, diskutierten über die letzten Klausuren oder beschwerten sich über Lehrer. Für sie war es ein normaler Tag.
Für mich nicht.
Ich hatte Merve gesehen.
Und wie immer, wenn ich sie sah, zog sich etwas in mir zusammen.
Sie stand mit ein paar Mädchen aus unserer Klasse zusammen, redete und lachte, als wäre nichts passiert. Als wäre sie nicht die Person, die mich am meisten enttäuscht hatte.
Ich wusste, dass sie mich bemerkt hatte. Sie sah mich kurz an – dieser eine Blick, der mir zeigte, dass sie es immer noch versuchte.
Sie hatte es oft versucht in den letzten Wochen.
Mal ein vorsichtiges „Ayla, können wir reden?", wenn wir zufällig nebeneinander im Unterricht saßen. Mal ein längerer Blick in der Pause, als würde sie darauf warten, dass ich endlich auf sie zuging.
Aber ich konnte nicht.
Ich war noch nicht so weit.
Ich war immer noch verletzt, und obwohl ein Teil von mir wissen wollte, was sie zu sagen hatte, wusste ich auch, dass es nicht so einfach war.
Manchmal wünschte ich mir, sie würde einfach aufgeben. Aber sie tat es nicht.
Und das machte es noch schwerer.
Ich rieb mir die Schläfen, als ich im Klassenzimmer saß und versuchte, dem Mathelehrer zu folgen. Die Zahlen tanzten vor meinen Augen, und mein Kopf fühlte sich an, als würde er gleich explodieren.
Ich musste lernen. Ich musste mich konzentrieren. Aber wie sollte ich das tun, wenn mein Leben in tausend Teile zerbrochen war?
Neben mir blätterte jemand um. Ich drehte den Kopf leicht und sah, dass Merve auf eine leere Seite in ihrem Heft kritzelte.
Ein paar Sekunden später schob sie es vorsichtig in meine Richtung.
„Bitte lass uns reden."
Ich starrte auf die Worte.
Mein Herz klopfte schneller, meine Finger kribbelten.
Doch dann, ohne lange nachzudenken, zog ich mein Heft über ihren Satz, verdeckte die Worte und starrte wieder auf die Tafel.
Ich kann nicht immer davonlaufen. Und um ehrlich zu sein, will ich sie auch nicht so schnell gehen lassen. Immerhin war sie wie eine Schwester für mich.
Also schrieb ich: „Ja, können wir gleich machen."
—
In der Mittagspause saßen wir nebeneinander.
Wir schwiegen – was für uns sehr ungewohnt war, denn wir hatten uns nie zuvor angeschwiegen.
Merve atmete tief durch, bevor sie schließlich sagte: „Ich habe einen Fehler gemacht, und ich schwöre dir, ich bereue es von ganzem Herzen. Wir waren Kinder, Ayla. Und ich war dumm. Ich habe mich bei jedem Treffen hinter deinem Rücken schlecht gefühlt. Wir haben uns viermal getroffen."
Sie seufzte und vermied meinen Blick.
„Ayla, ich schwöre dir, es war nichts weiter als eine kindische Schwärmerei. Nach zwei Wochen habe ich nichts mehr für ihn empfunden – und er auch nicht. Seine ‚Liebe' zu mir wurde von seinem Vater beeinflusst. Er hat ihm eingeredet, dass er mit mir zusammenkommen soll wegen meines Vaters und seines Geldes. Genau wie bei Rana."
Ich presste die Lippen aufeinander.
„Und bei mir... ich weiß nicht, was damals mit mir los war. Am Anfang mochte ich ihn wirklich nicht, aber dann... keine Ahnung, Ayla. Aber eines schwöre ich dir: Du brauchst keine Hintergedanken zu haben. Ich liebe Erion von ganzem Herzen, und er mich. Und ich weiß, dass Azad dich sehr liebt..."
Ihre Worte trafen mich wie ein Schlag.
„Nein. Tut er nicht."
Sie sah mich verwirrt an. „Wie meinst du das?"
Ich erzählte ihr alles, was zwischen Azad, Mansur und mir an diesem einen Tag passiert war.
Merve fluchte leise. „Shit. Aber das heißt trotzdem nicht, dass er dich nicht liebt."
Ich schüttelte den Kopf. „Woher wusstest du eigentlich, dass Azad dort lebt? Er ist doch erst vor ein paar Monaten eingezogen."
Sie rückte näher. „Weil Erion bei ihm war, als wir gestritten hatten und er betrunken war. Azad hat mir damals von Erions Handy aus geschrieben und gesagt, ich solle schnell kommen."
Stimmt... ich erinnerte mich. Aber ich wusste nicht, dass es sich um Azad handelte.
„Ich dachte, es wäre einfach irgendein Freund. Ich wollte es dir erzählen, aber dann... keine Ahnung, ich habe es total vergessen."
Wir versprachen uns, dass nie wieder etwas zwischen uns stehen sollte – besonders keine Geheimnisse.
Jetzt saßen wir in der Bibliothek und lernten zusammen. Und zum ersten Mal fühlte es sich wieder an wie früher.
Dann vibrierte mein Handy.
Mansur.
Ich seufzte und nahm den Anruf an.
„Stopp, bevor du was sagst – ich brauche dich am Samstag und Sonntag. Also halte dir die Tage frei."
„Ich kann nicht, ich muss lernen."
Er seufzte genervt. „Ach, stimmt. Abi. Kein Problem, ich helfe dir. Bring einfach deine Sachen mit."
„Moment – und warum brauchst du mich am Sonntag?"
„Es gibt ein Treffen. Mein Onkel, du, ich... ähm, Azad und sein Vater. Ach, und Rana..."
—
Noch ein Tag.
Nur noch diese eine letzte Klausur. Dann wäre es endlich vorbei.
Ich saß in der Bibliothek, mein Matheheft aufgeschlagen vor mir, aber die Zahlen und Funktionen tanzten nur noch vor meinen Augen wie gestern.
Neben mir stöhnte Merve leise. „Ich kann nicht mehr. Ich schwöre, wenn ich noch eine Funktion sehe, raste ich aus."
Erion grinste. „Du sagst das seit zwei Stunden, aber du hörst trotzdem nicht auf."
„Ja, weil ich nicht durchfallen will!" Sie verdrehte die Augen und sah mich dann an. „Ayla, du bist total blass. Ist bei wenigstens alles okay?"
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich hab einfach zu viel im Kopf."
Erion lehnte sich zurück. „Vielleicht ziehst du dich ein bisschen zu sehr zurück."
Ich runzelte die Stirn. „Was soll das heißen?"
Er atmete tief durch. „Ich habe vor paar Tagen mit Azad gesprochen."
Mein Magen zog sich zusammen.
„Er versteht sich ziemlich gut mit Rana in letzter Zeit."
Meine Finger verkrampften sich um meinen Stift. „Und?"
Erion musterte mich. „Lass dir nicht zu viel Zeit, bevor es zu spät ist Ayla."
Mein Herz raste.
„Hass sollte nicht über Liebe stehen." flüsterte Merve ohne mich anzugucken.
Hass sollte nicht über Liebe stehen.
Und genau das war mein Problem.
Ich wusste nicht mehr, was in mir überwog.
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i hate you
Roman d'amourAyla durchlebte eine anspruchsvolle Schulzeit, in der jemand, den sie zutiefst liebte, ihr Herz Stück für Stück brach. Im Laufe der Zeit wandelten sich ihre Gefühle zu Hass, und sie setzte alles daran, ihn in der Zukunft zu vermeiden. Dennoch hatte...
