Kapitel 28-Missverstanden

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Cat's Sicht:

Was hatte ich getan? Ich habe es Ryder erzählt! Was ist da schief gelaufen?! Wie konnte ich nur? Ich habe es noch nie jemandem erzählt, nicht Mal Em. Und dann ausgerechnet Ryder! Er wird es nicht verstehen, er hat es nicht verstanden! Oh Gott, was denkt er jetzt von mir? Im Grunde ist es auch egal. Er hält mich jetzt für verrückt, soviel ist klar. Ich streiche mir die Haare mit einer fahrigen Geste aus dem Gesicht. Das hier war so ziemlich der größte Fehler meines Lebens, es war nur...als er mich geküsst hat, dachte ich tatsächlich er könnte es verstehen. Eigentlich hätte ich es wissen müssen. Plötzlich geht die Tür auf und Em kommt mit strahlendem Gesicht herein. 

"Cat, was machst du denn hier? Ich war... oh Gott, wie siehst du denn aus? Was ist passiert?" Sie setzt sich neben mich und mustert mich besorgt.

"Nichts", ich wische mir die Tränen von der Wange. 

"Ja klar, sag doch was los ist!" 

"Ich hab nur...Ich kann es nicht erklären." Sie verzieht das Gesicht. 

"Das ist ja wohl die mieseste Ausrede ever. Aber gut, wenn du reden willst, du weißt wo du mich findest." Damit steht sie auf und geht wieder. 'Nein, denke ich. 'Weiß ich nicht.' Plötzlich fühle ich mich so einsam wie lange nicht mehr. Und weit von Em entfernt. Wo ist die vertraute Verbundenheit zwischen ihr und mit? Wir sind beste Freundinnen! Oder sollte ich sagen wir waren es? Kann so etwas einfach zerbrechen? Ist es wegen Ryder, den Lügen oder meinem Geheimnis? Ohne zu wissen was ich tue, stehe ich auf und verlasse das Haus. Um meine Schultern habe ich nur eine Strickjacke geschlungen. In einem alten Schuppen finde ich ein rostiges Fahrrad. Der Wind bläst mir ins Gesicht und ich friere, trotzdem steige ich auf und radele los. Wohin auch immer. 

Schließlich finde ich mich in der Stadt wieder. Es fängt an zu nieseln, ich nehme es kaum wahr. Die Gedanken jagen in meinem Kopf herum, immer wenn ich denke, ich bekomme einen zu fassen, drängt sich der nächste dazwischen und ich verzweifele. Es ist nicht nur die Sache mit Ryder, alles was ich ihm erzählt habe, kommt in mir hoch. Es ist wie ein Buch, die Geschichte ist für jemand andern geschrieben, ich sehe sie mir nur an und erkenne Parallelen. Bilder ziehen an mir vorbei, Bilder meiner Mutter und von mir. Die Tatsache, dass ich alles vergessen habe, ist nicht so furchtbar, wie der Gedanke, dass die Gefühle...weg waren. Vielleicht kann man Erinnerungem wegsperren, aber Liebe? Habe ich sie je geliebt? Aber wie kann ein Kind seine Mutter nicht lieben? Was ist falsch bei mir? Abrupt halte ich an und steige ab. Das Rad lasse ich achtlos am Straßenrand liegen. Ich gehe in das erste Geschäft. Es ist ein Oma-Laden. Eigentlich stehe ich nur innen herum und starre ins Leere. 

"Kann ich Ihnen helfen?" Eine Frau, Anfang fünfzig kommt im hinteren Teil des Ladens hervor. Sie trägt  eine rote Bluse, eine Brille steckt ihr im Haar und um den Hals trägt sie einen azurblauen Schal. Es passt nicht zusammen, trotzdem sieht es schön aus. 

"Ich...ich...Entschuldigung." Ich presse mir die Hand vor den Mund um einen Schluchzer zu unterdrücken. 

"Kein Problem. Mögen Sie sich setzen? Etwas trinken vielleicht? Eine Tasse Tee?"

"Nein, ich...wollte nur gucken." 

"Wie Sie meinen." Die Frau schweigt kurz. "Sagen Sie Bescheid, wenn Sie etwas brauchen." 

"Ich habe heute schon zu viel gesagt." 

"Glauben Sie? Nein, jedes Wort hat seine Bedeutung. Egal, ob wir finden, es ist unüberlegt oder es war gemein." 

"Was ist mit Lügen? Was haben sie für eine Bedeutung?  

"Oh viele. Jemanden schützen. Sich selbst zu schützen. Die wenigstens Menschen lügen weil sie gemein sein wollen. Lügen sind sind dazu da, enttarnt zu werden." 

"Was?" 

"Jede Lüge kommt ans Licht und letztendlich ist es gut so. Wie mit allem. Das was sie heute also gesagt haben, kann nicht so schlimm gewesen sein."

"Ich habe es der falschen Person gesagt." 

"Schätzchen!" Sie lacht auf. "Ich bitte dich. So etwas gibt es nicht." 

"Woher wollen Sie das wissen?" 

"Warum hast du es dieser Person erzählt?" 

"Ich dachte, er würde es...verstehen. Wirklich verstehen." Zum zweiten Mal an diesem Tag breche ich in Tränen aus. 

"Und er hat es nicht verstanden?" Sanft legt sie eine Hand auf meinen Arm. 

"Nein." Ich schniefe laut. 

"Sind Sie sich sicher? Oder haben Sie ihn falsch verstanden?" 

"Was?" Ich wische mir die Tränen von den Wangen. 

"Schweigen muss nicht immer Missbilligung sein. Es kann auch eine Art der Zustimmung darstellen." 

"Woher wissen Sie, dass er..."

"Keine Fragen, ich war auch mal jung. Wenn Sie es sich trauen, reden Sie mit ihm. Wenn nicht, machen Sie sich keine Vorwürfe. Was auch immer Sie dazu bewogen hat, es ihm zu erzählen, es ist okay." 

"Danke." 

"Keine Ursache, Kleines. Vielleicht solltest du jetzt lieber fahren, bevor es richtig anfängt zu regnen." 

"Danke", wiederhole ich leise, gehe hinaus, sammele mein Fahrrad auf und fahre zurück. Aus irgendeinem Grund überrascht es mich nicht ihn vor der Tür stehen zu sehen. Wortlos bringe ich das Fahrrad zurück, dann stehen wir uns gegenüber und schweigen uns an. 

"Cat..." Ich warte. Warte darauf, dass er mir mit seinen Worten eine Ohrfeige verpasst, denn ich habe gemerkt, dass er imstande ist mich zu verletzen. Ob ich es wahr haben will oder nicht. 

"Es tut mir leid." Damit habe ich am wenigsten gerechnet. 

"W...was?" 

"Ich hätte dich nicht drängen sollen, aber der Kuss...das war kein Trick, damit du es mir erzählst. Bitte, glaub mir." 

"Okay", flüstere ich. Ryder sieht mich aus den dunklen Augen fast schon verzweifelt an. Plötzlich liegen wir uns in den Armen und er umarmt mich fest. Ich schmiege mein Gesicht in seine Halsbeuge, sein Atem streicht über meinen Nacken. 

"Es ist nicht deine Schuld", murmelt er. 

"Doch, es war..." 

"Furchtbar, keine Frage. Aber es war nicht deine Schuld. Niemand kann es dir verdenken, sie zu vergessen. Jeder hat seine eigene Art damit umzugehen, du hast vergessen, es ist...wie betäuben. Ich kann verstehen warum du es getan hast." Ungläubig lehne ich mich etwas zurück um ihn ansehen zu können. 

"Das ist nicht witzig, du solltest es nicht sagen, wenn..." 

"Ich meine es so, okay! Glaub mir einmal! Ich bin dir nicht böse oder sonst irgendwas. Und mit dir ist alles in Ordnung! Ich weiß nicht, was ich sagen kann, damit es besser wird, damit es dir besser geht. Vermutlich nichts. Ich kann deine Gefühle nicht nachempfinden oder den Schmerz mit dir teilen. Aber ich kann...ich..." Er beißt sich auf die Lippe. 

"Was?" hauche ich. Er sieht mich an. Wenn sein Augen eine Geschichte erzählen könnten, dann wäre es unsere. Ich kann es sehen, zum ersten Mal kann ich seine Gefühle sehen. Er weicht meinem Blick nicht aus oder hat diese Maske. Er ist er selbst und dafür bin ich dankbar.

"Ich lie..."

"Ryder?" Eine schrille Stimme unterbricht seine Worte. Wir beide fahren herum. Em steht in der Tür.

A kind of LoveWo Geschichten leben. Entdecke jetzt