Nichts kann diese Freundschaft zerstören ...

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Ich würde jetzt gerne sagen, dass die Zeit wie im Fluge vergangen war, aber das wäre gelogen. Die zeit wollte einfach nicht vergehen. Eine Minute kam mir wie eine Stunde vor. Wir hatten zwar nur einen Weg von 113 km vor uns, aber durch mein beeinträchtigtes Zeit Gefühl verlängerte sich die Fahrt ungemein. Umso länger ich aus dem Fenster sah und die vorbeiziehende Landschaft beobachtete umso schwerer wurden meine Augen, bis sich diese endgültig schlossen und ich in einen tiefen Schlaf fiel.

Wir fuhren den Schmalen Feldweg entlang, der zu meinem Haus führt. Unsanft wurde ich vom rüttelnden Auto geweckt, welches über die dort liegenden Steine und Äste fuhr. Wenig später konnte ich mein geliebtes Zuhause erkennen und natürlich Bjets Auto, dass davor parkte.

Marcel stellte seinen Wagen wie üblich rechts von meinem Haus ab. Als erstes stieg Lukas mit all seinen neuen Sachen aus ,gefolgt von Marcel. Nur ich blieb vorerst im Wagen sitzen und rührte mich nicht. Durch das gegenüber gelegene Fenster sahen mich die beiden an. Doch ich schenkte den beiden keine Beachtung. Um ehrlich zu sein habe ich gar nicht bemerkt, dass sie mich ansahen. Genervt klopfte Marcel irgendwann gegen sein Auto und aus Reflex sah ich erschrocken zu den beiden herüber. Hastig gab er mir ein Zeichen, dass ich mich schleunigst aus dem Auto bewegen sollte. Langsam nickte ich meinem besten Freund zu, schnallte mich in einer Bewegung ab und stieg verschlafen aus. "Na endlich ", hörte ich einen der beiden erleichtert sagen ,als ich die Tür öffnete. Wer es aber von den beide war konnte ich auf Anhieb nicht identifizieren.

Ich folgte Lukas und Marcel zur Haustür und um diese zu öffnen, drängelte ich mich zwischen den beiden hindurch.

Noch während wir dabei waren mein Haus zu betreten, zog ich meine Hose herunter und knüpfte mein Hemd auf. Ich konnte es nicht länger in diesen nassen Klamotten aushalten. Zielstrebig ging ich auf mein Zimmer zu, wo ich auch die angemeldeten Gäste vermutete. Ich behielt recht und ohne diese zu begrüßen kramte ich in meinem Klamotten Haufen herum um mir endlich nach gefühlten Jahren frische und trockene Sachen anzuziehen. Auf Anhieb zog ich eine graue Jogginghose mit einem älteren weißen Shirt heraus, welches mir meine Mutter mal gekauft hatte. Vor den Augen der anderen , die damit selbst kein Problem hatten, zog ich mir die trockenen Klamotten an. Lukas hingegen nahm eine der vier Tüte mit in das Badezimmer und zog sich dort um.

Nachdem ich Marcel ein Outfit von mir geliehen hatte und Lukas wieder bei uns war, saßen wir endlich alle zusammen. Zusammen mit Marcel hatte ich es mir auf meinem Bett bequem gemacht, Luis saß rechts neben uns auf dem dunkelblauen Sessel, Hardy saß gemeinsam mit Bjet auf dem kleineren grauen Sofa, welches mal weiß war und Lukas saß mir gegenüber auf einem normalen Stuhl.

Natürlich ging unser Folgendes Gespräch über Steven. Worum hätte es auch sonst gehen sollen? Er war unser Freund und seine Beerdigung war gerade mal wenige Stunden her. Aber im Gegensatz zu den traurigen Gesprächen die man normalerweise führt, sprachen wir über die schönen Zeiten die wir mit ihm erlebt hatten. Wir sprachen über viele verschiedene und lustige Erinnerungen an ihn, über das was ihn besonders gemacht hat und über das was wir gemeinsam alles für scheiße erlebt haben. Viele tolle Erinnerungen kamen hoch die ich eigentlich schon längst vergessen hatte. Wie automatisch redeten wir alle nur über das Gute, keiner wagte es auch nur ein negatives Wort zu verlieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir alle an die dunkle Zeit dachte, aber versuchten sie durch die Gute zu verdrängen. Doch umso länger wir redeten umso mehr festigte sich ein Gedanke in mir. " Das schlimmste ist, dass ich mich nicht von ihm verabschieden konnte", immer wieder ging mir das durch den Kopf.

In meinem Zimmer stand noch ein halb voller Bierkasten, der sich nach und nach immer weiter leerte und unser Gespräch wurde immer lebendiger. " Hä was?... Timi dein Bier ist leer!", merkte Marcel auf einmal an, als er vergebens versuchte eine volle Flasche zu finden. Nach kurzem überlegen stand ich auf und sagte in die Runde, dass ich noch ein vollen Kasten hätte. Kaum hatte ich meinen Satz ausgesprochen, stand Lukas auch auf und fügte hinzu, dass er mich begleiten würde. Verwirrt sah ich meinen Freund an, aber er erwiderte meinen Blick nicht und ging einfach aus dem Zimmer. Sofort folgte ich ihm und holte ihn noch vor der Tür ein. " Ich gehe mal vor. Du weißt ja nicht wo ich mein Bier hab'", sagte ich zu ihm, während ich an ihm vorbei ging. Schweigend gingen wir in meine unaufgeräumte Küche. Überall stand etwas rum und so gut wie gar nichts hatte seinen Platz in den eigentlich dafür gedachten Schränken. 

Ich ging mit einem beklemmenden Gefühl dahin. Irgendwie wollte mich das Gefühl nicht los werden, dass mit Lukas etwas nicht stimmte. Schon während wir das saßen, sah er die ganze zeit zu mir herüber mit einem undefinierbaren Blick und dann wollte er mich noch unbedingt begleiten. Das war alles schon ziemlich seltsam und natürlich sollte ich mit meinen Bedenken Recht behalten.

In der Küche angekommen kämpfte ich mich bis zur hinteren Ecke durch, während Lukas schweigend im Türrahmen stehen blieb. Der Bierkasten schliff laut über den Boden, als ich diesen aus der Ecke zog. Als ich den Kasten genug hervor gezogen hatte, hob ich diesen hoch und ging wieder zu Lukas. Eigentlich ging ich davon aus, dass er an die Seite gehen würde um mich vorbei zu lassen, aber das war nicht der Fall. Stur blieb er stehen und versperrte mir den Weg. Ich hatte keine Ahnung was das sollte, geschweige denn was er von mir wollte. " Lukas? Würdest du bitte deinen arsch weg bewegen damit ic-... ", wollte ich ihn gerade bitten, wurde aber von ihm unterbrochen. " Was hast du an den armen?", sagte er stumpf und sah mich ernst an. Anfangs war ich immer noch total verwirrt und hatte keine Ahnung was er von mir wollte, aber ein kurzer Blick zu meinen Armen herunter verriet mir worauf er hinaus wollte. Vorsichtig sah ich ihn wieder an. " Nunja. Für mich sieht es wie Einstichstellen aus.", entgegnete ich ihm gleichgültig. Aber anscheinend war das die falsche Antwort, denn nun sah er mich erst recht wütend an. " Hast du dir Kokain oder Heroin gespritzt? Is' das dein fucking ernst? Seit wann machst du das denn? Du meintest zu mir, dass du das nie wieder machen wirst!". Immer wenn ihm etwas ernst war, wurde seine Stimme dunkler. " Heroin. Nicht Kokain.... Und... ich brauchte eben die schnellere Wirkung vom inter venösen Konsum.", antwortete ich ihm und versuchte mich an ihm vorbei zu drücken. Erfolglos. Ich sah ihn nicht mehr an. Ich wusste genau warum er so reagierte. Er hatte nie wirklich Probleme mit meinem Konsum beziehungsweise hat er es sich nie anmerken lassen. Aber seitdem das mit Basti passiert war, reagiert er sehr gereizt auf 'harte' Drogen und erst recht wenn es um Konsum mithilfe von Spritzten geht. Denn das Risiko eine Überdosis wie Basti zu haben ist dabei viel höher. Obwohl ich es ihm versprochen hatte, tat ich es trotzdem. Die letzten Wochen tat ich es fast ausschließlich nur noch und dementsprechend sahen meine Arme auch aus. Ich hatte es total vergessen. Vorerst wollte ich es Lukas gar nicht zeigen, denn ich wollte genau den Stress vermeiden den wir da hatten.

" Ich weiß, dass er dir scheiße geht. Mir geht das alles doch auch nahe. Ich kann dich verstehen. Aber das ist doch nun wirklich keine Lösung.", sagte er äußerst ruhig. Doch ich konnte seine Worte nicht ertragen. Er sagte er könne mich verstehen, aber das war nicht der Fall. Er hatte doch keine Ahnung.

Erneut drückte ich mich an ihm vorbei und wieder hielt mich Lukas auf. Seine Hand ließ er diesmal an meiner Schulter liegen und sah mich durchdringend an. " Man Timi... Du bist 34! Wenn du nur willst könntest du es daraus schaffen! Die jetzige Zeit ist sehr schwer, aber du.. Nein wir schaffen das.". Mein Blickt huschte an seinen Augen vorbei und sah dann an ihm vorbei an die Wand. Ich konnte ihn einfach nicht ansehen. " Du lebst mir zu sehr in der Vergangenheit. Hör auf damit! Ich will dich nicht auch noch verlieren nur weil du dir irgendeinen scheiß spritzten musst um überhaupt leben zu können!", er wurde wieder lauter. "Ich lebe nicht in der Vergangenheit. Du hast doch keine Ahnung wie das ist.", nuschelte ich und blickte weiter stur an ihm vorbei. Lukas redete dann weiter auf mich ein. Er sprach davon, dass er sich ja nur sorgen machen würde und fing danach an psychologische Schlüsse aus meiner Vergangenheit und aus der Beziehung zu meinem Vater zu schließen. Ich hörte ihm aber nicht zu. Ich wollte das alles nicht hören. "Ich bin dadurch geprägt aber ich habe mit der ganzen scheiße abgeschlossen und das hat auch rein gar nichts mehr mit all den 'Problemen' von heute zu tun...also hör verdammt nochmal auf das alles wieder aufzureißen. Das macht es nicht besser.", sagte ich und verdeutlichte ihm, dass für mich das Gespräch beendet war. Ich schubste ihn leicht an der Hüfte nach hinten und machte mir so den Weg frei. Ohne ihn nochmal anzusehen ging an ihm vorbei; zurück zu den anderen.

Bevor wir mein Zimmer erreichten, blieb ich aber noch kurz stehen. "Es ist alles gut. Du brauchst dir keine Gedanken machen und außerdem habe ich mich schon längst wieder mit meinem Vater vertragen.". Um dies zu untermauern und ihm zu zeigen, dass ich nicht sauer war, lächelte ich ihn sanft über meine Schulter hinweg an. Schließlich konnte ich ja verstehen, dass er sich nur um mich sorgte. Mit einem halb gezwungenen lächeln nickte er mir zu. Ich wusste, dass das letzte Wort zu diesem Thema noch nicht gesprochen war.

Ohne uns etwas von dem kleinen Streit anmerken zu lassen, setzten wir uns wieder zu den anderen und tranken weiter. Nach ein bis zwei Stunden hatte sich unsere kleine Runde komplett aufgelöst und jeder war bei sich zuhause. 

 Lukas und ich waren also alleine.

Das Ende von TrailerparkWo Geschichten leben. Entdecke jetzt