Die folgenden Tage verschwommen zu einer Collage von dingen, die für mich alltäglich wurden: weggetreten von den Drogen sah ich zu wie die Sonne unterging, fuhr von einem Kollegen zum anderen, lief ziellos durchs Haus, bekam entweder zu viel oder zu wenig Schlaf und sammelte unendlich viele Verse in meinem Kopf.
Ich war schon die dritte Nacht hintereinander bei Skinny gewesen und schließlich hatte mich seine Freundin rausgeworfen. Im Gegensatz dazu wie man jetzt meinen könnte, verstand ich mich gut mir ihr. Nur wollte sie wieder einen geregelten Tagesablauf haben, welchen sie mir auch dringend ans Herz legte. Doch im besten Willen wusste ich nicht wie ich das anstellen sollte.
Zu meinen Brüder konnte ich vorerst nicht mehr, ihnen war ich schon die Nächte davor zu last gefallen. Also blieb mir nur noch eins übrig: nach hause
Die kühle Luft brannte mir auf den Wangen ,wie um mich daran zu erinnern, dass der Sommer nun endgültig vorbei war. Auch der Herbst, welcher in dem Jahr äußert warm ausfiel, näherte sich dem Ende. Der Winter stand vor der Tür, seit Jahren war es für mich die einsamste Jahreszeit. Ich stapfte durch das bleiche , brüchige gras von Marcels Einfahrt, hin zu meinem Auto. Mitten auf dem Weg blieb ich einen Moment stehen und blinzelte in das leuchtende pink des Sonnenuntergangs, welches durch die kahlen Äste der Bäume drang. Ich war schon eindeutig viel zu lange weg von Zuhause, aber irgendetwas hielt mich davon auf. Sollte ich mich dort nicht eigentlich am wohlsten fühlen? In meinem kleinen, gemütlichen, warmem Zuhause, einer mir vertrauten Umgebung, die mir Sicherheit und Sorglosigkeit bieten sollte. Aber um so mehr Tage ins Land zogen, drängte mich ein Gefühl, das alles hinter mir zu lassen. Doch nun blieb mir nichts anderes mehr übrig. Mit eingefrorenen Händen drehte ich den Zündschlüssel meines Wagens um und der Motor sprang an. Langsam fuhr ich den schmalen Hof herunter und bevor ich auf die Hauptstraße abbog, drehte ich mich noch einmal zu Marcel um. Er stand immer noch an dem Rahmen der Haustür gelehnt und sah mir mit besorgten Blick hinterher.
Es war bereits dunkel geworden als ich in die Straße zu meinem Haus hinein fuhr. Mitten und total quer parkend, kam mein Auto schließlich wieder zum Stehen. Mein Eigenheim ging fast in der Dunkelheit unter, nur die letzten Sonnenstrahlen sorgten für ein wenig Licht, um gerade noch den weg zur Haustür zu finden. Mit einem klick öffnete ich der Auto Gurt und ich ließ ihn zurück schnappen. Meine Hand lag schon am Türgriff, bereit auszusteigen, doch ich ließ sie so eine ganze weile verharren und starrte durchs Fenster. Ich hatte kein bock auf die Stille, kein bock auf die Einsamkeit.
Nachdenklich atmete ich den Rauch des Joints gegen die Decke vom Auto aus. Mit kleineren Verrenkungen, strecke ich mich hin zur Rückbank und griff nach einer angefangen Flasche Vodka. Diese trank ich dann in großen Zügen aus und versuchte halbwegs heil an der Haustür anzukommen.
Torkelnd lief ich ziellos durchs Haus und schlug gegen jeden Lichtschalter, an dem ich vorbei ging. Das vorher in Dunkelheit gehüllte Haus wurde von dem gelblichem Lucht geflutet. Als Ziel meiner besoffenen Hauswanderung stellte sich das Wohnzimmer heraus. Erschöpft sackte ich auf dem Sofa zusammen und rollte mich seitlich ein.
Lukas war schon 22 Tag weg. Vor 22 Tagen ist er zurück nach Berlin gefahren. Über 400 Km weg von mir. Und ich, ich lag ,wie jede andere Nacht auch, besoffen und High irgendwo herum.
Das Sofa war immer noch so wie er es verlassen hatte. Über der linken Armlehne hatte er die perfektionistisch gefaltete Decke gelegt und auf der rechten Seite lag sein durchgelegenes Kopfkissen. Meine Welt drehte sich vom Alkohol, weshalb ich mich nicht mehr traute aufzustehen; in mein Zimmer, in mein Bett. Ich drückte nur noch verzweifelnd mein Gesicht in Lukas ehemaliges Kopfkissen. Ich war fertig, vom Leben, mein Gesicht vollkommen im Kissen versunken, meine Augen geschlossen. Ich atmete tief durch. Sein Geruch umhüllte nur noch zart den weißen Bezug. Mit jedem einzelnem Atemzug sog ich diesen in mir auf, so als wäre er noch immer bei mir. Solange bis dieser kaum noch vorhanden war.
Dann schlief ich ein.
Unter höllischen Kopfschmerzen und das Kissen fest an mich gedrückt wurde ich gegen drei Uhr morgens wach. Mein Handy hatte ich zuvor aus meiner Hosentasche genommen, da es sich im liegen in meine Hüfte bohrte und auf den Tisch gelegt. Nun blinkte das kleine Licht daran wie verrückt und tauchte mein Wohnzimmer im Sekunden Takt in ein kühles Blau. Von den außerhalb liegenden Zimmern drang etwas von dem gelben Gelb Licht hinein. Im Haus brannte so gut wie jede Lampe, nur nicht die im Wohnzimmer.
Schmerzerfüllt kniff ich meine Augen zusammen und konnte kaum etwas von den Nachrichten, die mir mein Handy anzeigte, erkennen. Es dauerte eine Weile, bis sich meine Augen an die plötzliche Helligkeit gewöhnt hatten. Doch auch danach konnte ich keine der Nachrichten lesen. Dafür waren die Buchstaben zu sehr verschwommen oder ineinander verschmolzen. Nur eins konnte ich sicher erkennen: Lukas hatte sich nicht nei mir gemeldet. Mit meinem Daumen wischte ich die Benachrichtigungen vom Sperrbildschirm weg und die kleine Lampe erlosch endlich.
Lukas sanfter Geruch stieg mir wieder in die Nase. " Ruf ihn an", schoss es durch meinen Kopf und ohne weitere Gedanken öffnete ich mein Kontaktbuch. Ich scrollte eine gefühlte Ewigkeit darin herum, nur um auf den Kontakt " Lukas S. " zu klicken. Sein , von mir angelegtes, Profil erschien. Kurzerhand drückte ich auf den kleinen grünen Hörer, den ich fast verfehlt hätte. Es wählte. Ohne jegliche Hoffnung, er würde dran gehen, hielt ich mir mein Telefon ans Ohr und hörte dem viel zu lauten Tuten zu. Gerade wollte ich auflegen um nicht auf die Mailbox sprechen zu müssen, da verstummte es am anderen ende und es war nur noch ein leichtes rauschen zu hören. Dann folgte ein müdes "hallo". Ich blieb stumm. Er war wirklich dran gegangen. "Timi. Ich weiß, dass du dran bist." Nachdem ich noch paar Sekunden brauchte um das zu realisieren, antwortete ich ihm. " Hi". Es hörte sich mehr an wie eine Entschuldigung als alles andere.
" Was ist so wichtig, dass du mich so früh am morgen anrufst? Ein einfaches plaudern kann bis zu einer Menschlichen Zeit warten.", er klang unheimlich erschöpft. Wahrscheinlich hatte er Tag und Nacht durch gearbeitet. Ich musste selber erstmal über seine Frage nachdenken. Warum rief ich ihn an, was wollte ich ihm nun wirklich sagen? " Ich will es dir nicht am Telefon sagen." " Wir wohnen mehr als vier Stunden von einander entfernt. Du musst es wohl oder übel jetzt sagen, wenn es anscheinend so dringend ist, dass du mich um 3 Uhr morgens aus dem Bett holst.", schoss es sofort von ihm zurück. Wieder ließ ich auf eine Antwort warten. " ... kannst ja vorbei kommen.". Lukas seufzte deutlich hörbar aus. " das geht nicht. Ich hab Termine und ich war doch erst für mehr als zwei Wochen bei dir. Da kann ich nicht schon wieder ...". " Dann komm ich eben...", kam es diesmal direkt von mir und unterbrach ihn bei seinen letzten Wörtern. Wieder seufzte er. " Gott, du bist anstrengend. Nächste Woche Dienstag. Ich komme zu dir. Hab am nächsten Tag ein Termin in Münster. Ich verbinde das einfach". Ein einseitiges lächeln zeichnete sich auf meinen Lippen ab. Dienstag war schon in drei Tagen. " Is' gut.", nuschelte ich in den Hörer. Dann beendeten wir das Gespräch.
Es war wirklich verrückt, wie sehr ich davon abhängig war, dass er bei mir war.
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Das Ende von Trailerpark
FanfictionTimi denkt über seine zeit im Trailerpark nach. Es hatte sich einiges in seinem Leben verändert. Beruflich aber auch in seinem Privatleben. Alles brach Stück für Stück zusammen. Lukas war für seinen Besten Freund da und obwohl Tim es ihm nicht imme...
