Vergangene Zeit

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Ein trauriges lächeln zierte mein Gesicht, als ich durch einen alten Stapel Fotos blätterte. Auf einem davon war Heisenberg gerade mal vier Monate alt und erst seit kurzem bei mir eingezogen. Doch schon da war das kleine Kerlchen nicht mehr aus meinem Leben weg zu denken. Von Anfang an, als ich ihn das Erste mal beim Züchter auf mich zu rennen sah , war es eine tiefe verbundene Freundschaft. Seitdem wich er nicht mehr von meiner Seite. Ich nahm ihn überall mit hin, er war mein ständiger Begleiter. In den elf Jahren die wir gemeinsam hatten, hatten wir so vieles zusammen durchgemacht. Er war für mich da wenn niemand anderes es war... Schnell wischte ich mir über meine nass gewordenen Augen, bevor sich einzelne Tränen lösen konnten und teile der Fotos verwischt hätten.

In den ganzen Jahren hatten sich tausende Fotos von uns angesammelt. Eins zeigte ihn, wie er als Welpe auf meinem Bauch schlief, eins wie er das Erste mal Schnee sah und viele andere zeigten einfach nur die verschiedensten Selfies von uns. Es waren unendliche viele Bilder und unendliche viele Erinnerungen, manche hatte ich noch vor Augen als wäre es gestern gewesen und manches davon hatte ich schon längst vergessen.

Ja, ich hatte so gut wie den ganzen restlich Tag ,an dem Heisenberg starb ,damit verbracht alte Fotos von uns anzusehen.

Bei einem Bild blieb ich jedoch vorerst stecken. Lange sah ich es mir an und versank in meinen Erinnerungen. Es war kein Besonderer Tag , einer wie jeder andere, und trotzdem kann ich mich ganz genau an ihn erinnern. Ich hing irgendwo zwischen Produktion und Aufnahme von ' Zwei Zimmer, Küche , Bong ' fest und war schon zum Nachmittag hin total erschöpft. Die letzte Nacht hatte ich komplett durchgearbeitet und dementsprechenden sah ich auch aus. Nachdem ich die letzte Aufnahme für 'Main Bitch' fertig hatte, ließ ich mich im Halbschlaf zu Gustavo aufs Sofa fallen. Dieser war damals gerade mal ein paar Wochen bei uns und trotzdem war er schon ein fester Bestandteil unserer kleinen Familie. Anfangs hatte ich zwar bedenken wegen Heisenberg, aber dieser nahm den neuen Zuwachs herzlich auf. Kaum hatte ich meinen Kater zu mir gezogen, kam auch schon Heisenberg aufs Sofa gesprungen und machte es sich auf meinen Knien bequem. Und bevor ich kraftlos für die nächsten zwei Stunden einschlief, machten wir noch dieses eine Foto.

Die restlichen Bilder legte ich vorerst beiseite. Nur das eine, das Behielt ich noch in der Hand. Ein wenig musste ich mit mir selbst Kämpfen um mich vom Bett aufzuraffen. Nur in Boxershorts und in einem Pulli bekleidet schlenderte ich den Gang von meinem Schlafzimmer bis zum Wohnzimmern entlang. Dort sah ich auch schon Lukas. Er hatte es sich mit einer Tasse Kaffee auf dem Sofa bequem gemacht und sah irgendeine Dokumentation. Doch allzu spannend schien sie nicht gewesen zu sein, da er immer wieder auf sein Handy sah. Vorerst bemerkte er mich gar nicht, aber als Gustavo auf mich aufmerksam wurde und neben mir miaute, bekam auch er es mit. " Da bist du ja endlich...Hast dich seit dem wir wieder hier sind, nicht mehr blicken lassen..", sagte er etwas besorgt und stellte die gelbe Tasse auf dem Tisch vor sich ab. Ich nickte einfach nur und Mein Kater schmiegte sich mitleidig an mein Bein, woraufhin ich das mittlerweile riesig gewordenen Fellknäuel auf den Arm nahm. 

Wir durften mit dem Einverständnis des Arztes Heisenberg wieder mit nach Hause nehmen, um ihn dort zu begraben. Jedoch hatte ich das Geschehene noch gar nicht wirklich realisiert. Für mich sah es einfach nur so aus als würde er schlafen. Dass es für immer war, wollte ich mir gar nicht eingestehen. Nach unserer Ankunft, brauchte ich meine ruhe. Wie schon damals schloss ich mich in meinem Zimmer ein. Ich wollte nur noch alleine sein, dem ganzen einfach nur noch entfliehen. 
Während ich in alte Verhaltensmuster zurück fiel, hatte Lukas einen größeren Karton mit Heisenbergs Decke ausgestattet und ihn dort vorsichtig hinein gelegt. Bis ich endlich,  nach Stunden, wieder aus meinem 'Loch' hervorkam, lag Gustavo die ganze Zeit neben Heisenberg und rührte sich nicht. Auch er wusste ganz genau was geschehen ist und wollte sich verabschieden.

Ich strich durch das lange und weiche Fell von meinem Kater, während ich mit Lukas Sprach. " Ich glaube es ist besser wenn wir es jetzt machen, oder? ". Mit einem zaghaften 'ja', stimmte Lukas mir zu. Benommen drückte ich Gustavo leicht an mich und beobachtete jede noch so kleine Bewegung von Lukas. Dieser ging langsam auf den provisorischen Sarg zu und hob diesen wie etwas sehr Wertvolles hoch. Schlurfend folgte ich ihm nach draußen und da sah ich es schon. Während ich depressiv in meinem Zimmer rum hing und in Erinnerungen schwebte, hatte Lukas nicht nur einen Sarg gebaut. Nein, in der zwischen Zeit hatte er auch noch im Garten alles für eine Beerdigung vorbereitet. Unter Heisenbergs Lieblings Baum , für die Sommermonate , hatte er ein kleines Grab geschaufelt und aus einem älteren Stück Kiefernholz hatte er dazu noch so etwas wie ein Grabstein gezaubert.

" Woa, Dankeschön.Ich weiß nicht was ich sagen soll. Besser hätte ich es auch nicht machen können.", nuschelte ich in Lukas Richtung. Ich war von dem was er getan hatte einfach nur überwältigt. Mir war bewusst, dass er das mehr für mich machte als für Heisenberg, aber trotzdem , der Junge hatte sich echt selbst übertroffen.
Er lächelte hörbar und blieb vor dem Loch in der Erde stehen. " Nicht dafür. Das habe ich echt gern' für dich gemacht.". Lukas hockte sich in das mittlerweile hoch gewachsenen Gras und ließ Heisenberg vorsichtig hinunter. Danach ging für mich einige Schritte beiseite. Auch ich hockte mich vor das selbst geschaufelte Grab hin und sah meinen Hund ein letztes mal an. Ein letztes mal strich ich über seinen ausgekühlten Körper und berührte ein letztes mal sein weiches Fell. Gustavo hatte sich neben mich hingelegt und blickte zu Heisenberg hinunter. Mit zitternden Händen und einem kurzen hochziehen meiner Nase legte ich unser 'Familien' Foto auf seinen kleinen Körper. Kurz darauf griff ich nach einem Zipfel der Decke und zog diese über ihn. " Machs' gut mein kleiner. Wir werden uns bald wieder sehen.". Mit diesen Worten setzte ich noch den Deckel oben drauf und stand zögerlich wieder auf. Ein weiteres mal musste ich Schmerzhaft von einem , für mich, wichtigen Lebensabschnitt abschied nehmen. Die Zeit hat alles verändert und mich Komplett aus meinem Gewohnten Leben heraus gerissen. Gemeinsam mit Lukas füllte ich das Loch Stück für Stück wieder auf. Es war alles Still um uns herum. Nur die Geräusche zweier Schaufeln war zu hören und von mal zu mal breitete sich die Leere immer weiter in mir aus. Mein Kopf war wie leer gefegt und ich dachte über rein gar nichts mehr nach, ich handelte lediglich nur noch. 
Zum Schluss legte ich Lukas' extra angefertigten Grab'stein' oben drauf.

" Heisenberg , Geb: 4.7.2008 Ges: 20.11.2019 "

Nach der kleinen und trotzdem Herzzerreißenden Beerdigung, bin ich sofort wieder zurück in mein Zimmer. Da wo all meine Erinnerungen verstreut auf meinem Bett lagen.
Obwohl es noch zu sehr weh Tat die Fotos von vergangen Tagen anzusehen, konnte ich an dem Abend damit nicht aufhören. Schmerzhaft wurde es erst recht, wenn ich dazwischen immer wieder Fotos von uns vier , von Trailerpark, fand.
Schließlich schlief ich in einem Berg von Fotos ein.

Zwei Tage später saß ich mit einer Tasse Tee und einem Joint in der Hand auf dem Sofa. Vor mir, auf dem viel zu niedrigen Tisch, befanden sich ein Zettel, den ich schon seit etlichen Minuten beschrieb. Mir fielen einfach nicht die Passenden Worte ein.

Auf einmal spürte ich eine warme Hand auf meiner Schulter liegen und schreckte kurz hoch. " Was machst du denn bitte da? ". Ohne dass ich es mitbekam, hatte Lukas sich von hinten an mich heran geschlichen. Kurz erholte ich mich von dem Schock und nachdem ich vergebens versucht hatte meine Hose trocken zu wischen, weil mir etwas vom Tee bei dieser Aktion auf die Hose getropft war, versuchte ich es ihm zu erklären.

Ich schrieb einen Song für meinen Sohn. Irgendwann wenn er alt genug sein würde, hatte ich vor ihm diesen zu schenken. " Seit wann schreibst du denn deine Sachen auf? "." Wer weiß ob ich jemals diesen Song, oder jemals einen anderen, produzieren werde. Also werde ich ihm einfach den Songtext schenken.". Es herrschte Stille uns und die Enttäuschung über meine Worte von Lukas lagen schwer in der Luft.

" Mich freut es, dass du einen Song schreibst.. Und ich möchte dich auch ungern dabei aufhalten.. Aber wir müssen jetzt los.", beende Lukas das Schweigen und versuchte das Thema vorerst hinten anzustellen. Mit einem Nicken zog ich ein letztes Mal am Joint, ehe ich ihn vor mir auf dem Tisch ausdrückte.
Nachdem ich mir dank Lukas noch eine neue Hose anziehen durfte, machte ich mich gemeinsam mit ihm auf dem Weg zum Stereo in Bielefeld. An diesem Abend spielte Max dort sein Tourende und ich hatte ihm versprochen dabei zu sein.

Das Ende von TrailerparkWo Geschichten leben. Entdecke jetzt