Der endgültige Bruch

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Ein paar Tage waren ins Land gezogen und schneller als gedacht merkte man mir an, dass die dauernde Anwesenheit von Lukas mir gut tat. Er brachte mich dazu mal wieder mein Haus zu verlassen und Abends mir mal nicht das Gehirn weg zu Kiffen.

Lukas war mittlerweile schon fünf, fast sechs, Tage bei mir und bis dahin war noch kein einziges mal das Wort 'Abreise' gefallen. Es sollte auch so bleiben. Ich wollte nicht, dass er wieder geht. Von mir aus hätte er für immer bleiben können. Mir war klar, dass dies leider nicht gehen würde aber ich hatte angst, dass wenn er weg ist, ich wieder mit der Nadel im Arm in der ecke liegen würde.

Augenreibend verließ ich gezwungenermaßen am Morgen mein Zimmer. Das erste mal wurde ich vor einer guten Viertelstunde von dem vibrieren meines Handys geweckt. Aber ich ignorierte es und drehte mich um. Doch als ich gerade wieder eingeschlafen war, hörte ich Lukas Handy laut klingeln, gefolgt von einem angeregten Gespräch. Vergebens versuchte ich danach nochmal einzuschlafen, also entschied ich mich aufzustehen.

Lukas war immer noch am telefonieren als ich das Wohnzimmer betrat.

Noch in seinen Schlafklamotten bekleidet stand er mit dem Rücken zu mir da und wirkte ziemlich angespannt. Immer wieder fuhr er sich durch die Haare und seufzte auf. Ein klein wenig steckte mich seine Nervosität an und ich hoffte darauf, dass es mich nicht betreffen würde. Vor wenigen Tagen war doch erst Stevens Beerdigung. Dann hätte doch nicht schon wieder was passiert sein können.

Mit meinem Raucher Husten durchbrach ich die Stille die gerade herrschte, weil Lukas seinem Gesprächspartner lauschte. Lukas bemerkte mich dadurch natürlich, woraufhin er sich leicht erschrocken zu mir umdrehte. Mit einem entschuldigen Lächeln auf den Lippen formte er ein Stummes 'Morgen' und drehte sich wieder um. Ich ließ mich über die Lehne des Sofas fallen und drückte mein Gesicht in Lukas' provisorisches Kopfkissen. Während Lukas im Wohnzimmer auf und ab lief, versuchte ich an seinen nur schwer verständlichen Worten zu erkennen mit wem er am Telefonieren war.

Schon fast eine halbe Stunde hing er am Telefon und ich hatte es schon längst aufgegeben ihm zuzuhören. Ich lag mittlerweile auf der Seite und versuchte erneut einzuschlafen. Das Kissen hatte schon längst den Gras Gestank abgelegt und Lukas' Geruch angenommen. Lange lag ich also nur da und atmete tief durch. Sein Geruch entspannte mich und meine Augen fielen immer wieder für einen kurzen Moment zu.

Meine Augen waren gerade geschlossen, als Lukas endlich das Gespräch beendete. Vorsichtig öffnete ich meine Augen einen spalt und sah zu ihm herüber. Er wirkte verzweifelt und strich sich beunruhigend durchs Gesicht. Lukas drehte sich daraufhin zu mir und schnell schloss ich meine Augen wieder, um ihn im Glauben zu lassen ich würde schlafen. "Timi. Ich habe dich gesehen. Du bist wach.", sagte er ungewöhnlich leise. Enttarnt seufzte ich auf und während ich mich aufsetzte streckte ich mich kurz. Zögerlich kam Lukas auf mich zu und nahm neben mir Platz. " Was los?", fragte ich ihn gähnend. Sein blick war jedoch starr auf den Boden gerichtet. Ich wurde nervös. " Lukas? Ist alles okay?", ich wiederholte meine Frage mit einem ängstlichen Unterton. Lange musste ich auf eine Antwort warten.

" Trailerpark ist Geschichte." Obwohl ich Lukas Worte vorerst nicht wirklich verstand, rissen sie mich aus meiner Welt heraus. " Ich habe eben mit Igor telefoniert. Basti wird nach seiner Rückkehr, in einem Jahr ,nicht mehr weiter machen. Das steht fest. Und Steven... Er ist tot... Nur noch wir beide sind übrig.", fuhr Lukas fort und sah mich endlich an. " Ist das dein ernst? Deswegen hören wir mit Trailerpark auf? Mitglieder kommen und geh-..", ich musste meinen Satz beenden, weil Lukas mir ins Wort gefallen war. Er meinte wir währen Trailerpark und Nachfolger hätten wir eh nicht. Hecktisch fing ich an mit meinen Armen zu wedeln und versuchte im Gegensatz zu ihm, unsere Band noch zu retten. " Doch, doch! Guck. Wir könnten Elch fragen und Skinny ist dann mit Sicherheit auch dabei!". Lukas seufzte nur. " Nein Timi, Es tut mir leid. Um ehrlich zu sein möchte ich mich jetzt auch mehr auf Alligatoah Konzentrieren. Und du wirst Solo weiter machen. " Schweigend ließ ich meinen Kopf sinken. Ich konnte nicht verstehen, dass Lukas unsere Band, unser Lebenswerk, einfach so aufgeben konnte. "Versprich mir, dass du mit der Musik nicht aufhören wirst." Ich schwieg weiter. " Versprich es mir.", Lukas klang flehend. Ohne es vorerst ernst zu meinen, nickte ich ihm zu.

Das war wohl der endgültige Bruch von Trailerpark.

Obwohl das Gespräch sehr einseitig war, unterhielten wir uns noch lange Zeit darüber. Den Großteil der Zeit, saß ich einfach nur da, hörte Lukas zu der Versuchte alles gut zureden und rauchte meinen Joint. Vieles von dem was er sagte bekam ich jedoch gar nicht mit. Viel zu oft versank ich in meinen Gedanken.

"Timi...?", ich bemerkte zwar, dass Lukas mich direkt ansprach, aber in dem Sinne realisierte ich es nicht. " Was is' los Tim?", Lukas hackte nochmal nach, da ich keine Reaktion von mir gab. Ich nahm einen langen Zug von meinen Joint und drückte diesen in dem Aschenbecher vor mir aus. Nach einem kurzen husten sah ich zu meinem Freund herüber. Nach einem langgezogenen 'ehm' meinerseits, folgte wieder mal schweigen. " Mir geht's grad einfach nicht so gut.", log ich meinen Freund an und ohne auf eine Antwort von ihm zu warten, stand ich auf. Schnellen Schrittes ging ich auf dem Balkon zu und bemerkte wie Lukas besorgten Blicke förmlich an mir klebten.

Ohne die Umwelt wahrzunehmen, ging ich geradewegs die Treppe hinunter. Von Schritt zu Schritt wurden meine Beine Schwerer und die Welt verschwamm um mich herum. Vorsichtig ließ ich mich auf die letzte Holzstufe sinken und krallte mich ins Geländer. Meine Knöchel wurden schon weiß und die Tränen die über mein Gesicht liefen, bemerkte ich gar nicht. Es war eine einzige leere in mir. Ich fühlte gar nichts. Immer mehr Tränen rannten aus meine Augen und tropften auf meine Beine. Meine graue Hose zierten viele vereinzelte dunkelgraue tropfen.

Verzweifelnd stützte ich meinen Kopf auf meinen Händen ab. Lange saß ich einfach nur still da und rührte mich keinen Zentimeter. Kein Ton verließ meinen Mund. Ich saß einfach nur da und die Tränen flossen.

Ja das war sozusagen das Ende von Trailerpark. Unsere Band die wir über viele Jahre hinweg aufgebaut haben, fand so ein trauriges ende.

Vom einen auf den anderen Tag war unsere Band endgültig Geschichte. Ich hatte immer ein funken Hoffnung in mir getragen, dass unsere Band wieder Zusammen finden würde. Doch der war nun endgültig erloschen.

Wir haben es alle bemerkt, dass Trailerpark sich dem Ende geneigt hat und wir kurz vor einer Trennung standen. Aber das es so enden würde, hätte keiner erahnen können. Schließlich war vorerst alles nur aufs Eis gelegt. Es hatte einfach gar nichts mehr zwischen uns Funktioniert. Wir haben uns oft gestritten und haben uns nur gegenseitig angepisst oder irgendjemand anderem die Schuld gegeben. Noch nicht mal mehr einen Song konnten wir zusammen produzieren.

Es hatte alles damit Angefangen, als Basti weg musste. Dann fing es an, dass wir wirklich zerbrachen. So, dass es jeder bemerkte. Die Schlucht zwischen uns wurde von Tag zu Tag größer. Ich würde nicht sagen das Basti der Punkt ist der uns zusammengehalten hat. Nein. Vielmehr war er einfach nur der Auslöser für das was schon längst zwischen uns war.

Schon vorher hatten wir größtenteils einfach nur noch eine Geschäftliche Beziehung zueinander und nicht wie damals eine Freundschaftliche. Früher oder Später wäre es eh dazu gekommen. Aber wie gesagt. Innerlich hat man immer weiter gehofft; auf ein Happy end.

Ich habe einen guten freund auf ewig verloren und einen auf unbegrenzte Zeit. Erst wenn etwas weg ist, weiß man wie sehr das eigene Leben davon abhängig war. Obwohl wir uns immer mehr voneinander entfernten waren wir im Herzen immer noch eine Familie. 

Das Ende von TrailerparkWo Geschichten leben. Entdecke jetzt