Abschied tut weh

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Er drückte mich immer weiter an sich und fast schon hilflos schlang ich meine Arme um seinen Nacken. Anders als die Küssen, die wir auf der Bühne austauschten, steckte dieser voll Zärtlichkeit und von Lukas Seite aus voller Liebe. Alles was geschah , kam mir wie in Zeitlupe vor. Vorsichtig ging Lukas mehrere Schritte auf mich zu und drängt so mich selbst dazu vereinzelte Schritte nach hinten zu machen. Ich befand mich wie in einem kleinen Rausch, ließ alles über mich ergehen und stellte jegliche Gedanken ab. Dieser Kuss zog mich einfach in einen unglaublichen Bann. Erst als mich Lukas sanft gegen den Türrahmen stieß, wurde ich in die Realität zurück geholt. "Scheiße, was hab' ich nur getan?", schieß es mir auf einmal durch den Kopf. Sofort strich ich mit meinen Händen von seinem Nacken aus runter zu seinen Schultern und drückte ihn noch etwas unentschlossen von mir Weg. Unweigerlich lösten sich unsere Lippen voneinander. Stockend öffneten wir beide wieder unsere Augen und es dauerte eine Weile, bis sich meine Augen wieder an die Helligkeit gewöhnt hatten. Das Lächeln, mit welchem er mich ansah, strahlte förmlich. Lukas sah überglücklich aus. Wahrscheinlich hätte er mich am liebsten direkt wieder geküsst und dies dann erst im Bett enden lassen. Und genau dieser Gedanke bereitete mir Angst. Seine Hände hatte er immer noch um meine Hüfte gelegt und vereinzelnd strich er mit seinen Fingerspitzen unter mein Shirt. " Timi...", hauchte er meinen Namen überglücklich und doch leicht verwirrt. Ich hatte ihn ja schließlich mit diesem Kuss komplett überrumpelt und damit hätte selbst er niemals mit gerechnet.

Unsicher nahm ich meine Hände von seinen Schultern und ließ sie neben meinen Körper fallen. Er bemerkte, wie ich mich immer mehr von ihm Abwand und seinen Blicken aus dem Weg ging. Überfordert mit meiner Reaktion, entfernte er sich einen Schritt von mir. Jedoch ließ er vorerst seine Hände an meiner Hüfte verweilen und kniff nur verwirrt seine Augenbraun zusammen. ".. Ich.. Lukas... es... scheiße.", stammelte ich vor mir hin. Die Wörter blieben mir im Hals stecken und mein Mund wurde ganz trocken. Seine Stimmung schlug schlagartig um und er zog sofort seine Hände zurück. Schon bevor ich es ausgesprochen hatte, konnte er an meiner Körperhaltung ablesen was los war. " Ich habe es nur noch schlimmer gemacht, oder?" , nuschelte ich und sah vorsichtig zu ihm herauf. Sein Blick bestand aus purer Enttäuschung. Ich hatte nun endgültig alles verbockt.

" Alles gut.", er log mich an. " Ich muss jetzt aber wirklich zurück nach Berlin. Habe da noch ein paar Termine, konnte es dir nur nicht sagen." Die Kälte in seiner Stimme ließ mich wie der letzte Dreck fühlen und sein Gesichtsausdruck wurde immer Gleichgültiger. Noch kurz ruhte sein gefühlsloser Blick auf mir und dann verschwand er auch schon.

Lange blieb ich noch wie angewurzelt in der Küche stehen und schlug einmal kurz mit meinem Hinterkopf gegen die Wand. Leise war im Hintergrund zu hören wie Lukas im Wohnzimmer all seine Sachen in einen Rucksack Stopfte. Ich hasste mich für diese Aktion. Wie konnte ich meinen besten Freund nur so verletzten?
So leise wie möglich schlich ich mich zurück in mein Schlafzimmer. Nach einem schnellen griff zu meiner Bong und einem aggressiven aufstoßen der Balkon Tür, kletterte ich auf das Geländer. Der kalte Wind, lässt mich meinen Körper nicht mehr spüren und mit schmerzen in den Fingern, stopfte ich mir ein Köpfchen. Etliche Versuche vergingen, bis ich es endlich geschafft hatte das Feuerzeug anzubekommen und es auch anzubehalten. Nachdem ich das Köpfen bis zum letzten Milligramm aufgeraucht hatte, stellte ich die Bong neben mich auf das langsam morsch werdende Holz. Mit dem Gras versuchte ich nur all meinen Gefühlen aus dem Weg zu gehen; wie immer eigentlich. Doch das Geschehene und Lukas wollte mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen. Einen zu großen hass hatte ich dafür auf mich selbst. Mein Blick war stur nach vorne auf das riesige Feld, mit der dahinter liegenden Baumreihe gerichtet. Immer wieder zuckten meine Beine bei dem eiskalten Wind zusammen. Lukas war noch nicht mal weg und doch wusste ich schon nicht mehr was ich ohne ihn machen sollte. Wiedermals kam ich mir so vor, als würde ich vor dem Abgrund des Lebens stehen und das nur weil nun auch Lukas wahrscheinlich aus meinem Leben verschwinden würde. Ohne Band und mach dieser Aktion, hatten wir keinen Grund mehr dem Kontakt aufrecht zu erhalten. Ich wusste nicht mehr weiter.

Versunken in meinen Gedanken, bekam ich gar nicht mit, wie auch Lukas an das Geländer vom Balkon heran trat. Wie ein Kind hielt ich mich am Geländer fest, lehnte mich nach hinten und ließ meinen Kopf nachdenklich in den Nacken fallen. Doch Lukas stand so dicht hinter mir, dass ich dabei gegen ihn knallte. Vor Schreck zuckte ich zusammen und ging Ruckartig wieder nach vorne. Dabei verlor ich aber jegliches Gleichgewicht und droht vorne Rüber zu fallen. Lukas reagierte sofort. Mit beiden Armen umschloss er fest meinen Bauch und konnte mich somit noch im aller letzten Moment davor bewahren, unten auf dem Boden aufzuschlagen. Panisch krallte ich mich in die Ärmel von seinem Pulli, den er sich noch vorher übergezogen hatte. Er drückte mich fest an sich und konnte somit einen schlimmen Unfall verhindern. Sein Kopf hatte er gegen meinen gelehnt und durch meinen Rücken hindurch, konnte ich spüren, wie schnell nicht nur sein Herz vor Angst schlug. "Man Lukas! Ich wäre fast drauf gegangen! ", keuchte ich noch etwas vor Schock und drehte meinen Kopf zu ihm herum. Wieder einmal waren sich unsere Gesichter so unglaublich nahe. Lukas blickte besorgt zu mir herunter. "Ich wollte dir nur sagen, dass ich jetzt fahre.", flüsterte er mir zu und war bei dabei so nah, dass ich seine Worte auf meinen Lippen spürte. Seine worte waren wie kleine Abschiedsküsse.

" Bist du nicht sauer auf mich?" , fragte ich etwas nervös und lockerte langsam meinen griff von seinen Ärmel. Sanft schüttelte er den Kopf. " Alles ist gut Timi.". Sein lächeln war gespielt. Nun löste auch er vorsichtig seine Arme von meinem Bauch und zog sie zurück. Ohne auch nur einen Blick von mir zu wenden, ging er einen Schritt zurück. " Das beantwortet nicht meine Frage.", erwiderte ich und drehte mich auf dem schmalen Holzbalken um. Mit einem Satz, drückte ich mich vom Geländer ab und hatte somit wieder festen Boden unter den Füßen.

Ich hörte wie ein Auto die schmale Straße entlang fuhr und vor meinem Haus zum stehen kam. Dann hupte es einmal kurz. Lukas reagierte sofort und schmiss sich seinen Rucksack gekonnt über die Schultern. Mit einem beklemmenden Gefühl in der Brust und zittrigen Beinen folgte ich ihm, hin zur Haustür. Als Verabschiedung umarmten wir uns flüchtig und Lukas ging mit schnellen Schritten zur Tür hinaus. Ich sah noch zu wie er die Beifahrertür vom Taxi öffnete und einstieg. Bevor dieses aber gemeinsam mit ihm weg fuhr, hatte ich schon die dunkle Holztür hinter mir geschlossen.
Eine unangenehme Stille herrschte in meinem Haus. Orientierungslos ging ich umher. Vor dem Sofa sackte ich schließlich zusammen. Der Boden war kalt und ungemütlich. Er fehlte mir. Mit ihm war jegliches Leben aus dem Haus und aus mir Verschwunden.

Das Ende von TrailerparkWo Geschichten leben. Entdecke jetzt