An jenem Tag passierten nacheinander drei Dinge: Das hässlichste Kind der Welt wurde geboren, Susi verlor einen Drittel ihres Körpergewichts und Anastasia sah ihren Vater zum ersten Mal vor Freude weinen.
Inzwischen war die erste Aufregung vorüber. Die Nabelschnur war abgeschnitten worden, das Baby lag gewaschen in himmelblaue Decken eingewickelt in einem Bettchen im Elternschlafzimmer, die Bettwäsche war umgetauscht und Susi schlief. Nachdem der Rest der Familie das Zimmer verlassen hatte, schlich Anastasia hinein und und griff nach der Hand ihres neuen Bruders. Jawohl, es war ein Junge geworden und sie wusste noch immer nicht recht, was sie von ihm halten sollte. Er sah so... ekelig aus, so hässlich, dass sie komischerweise überhaupt keine Bindung zu ihm aufbauen konnte. Er konnte genauso gut das Baby der Nachbarn sein, oder am plötzlichen Kindstod sterben, es würde ihr nichts ausmachen. Sie betrachtete sein winziges, eingedötschtes Gesicht und musste unwillkürlich die Nase rümpfen, als sie einen letzten, übrig gebliebenen Käsekrümel in seinem braunschwarzen Babyflaum entdeckte.
In dem Moment ging langsam die Tür auf und Tim trat ein. Es war inzwischen zehn Uhr, mit dem nächsten Bus würden sie alle zur Schule fahren. Er kam zu ihr und setzte sich neben sie auf's Bett. "Niedlich, der Kleine, was,",flüsterte er, als er seine Hand auf ihre legte. Anastasia zog die Hand weg und zuckte mit den Schultern. "Ich spüre irgendwie gar nichts. Er ist zu hässlich, als dass ich ihn lieben könnte." Tim sah sie verblüfft an, ehe er ein gedämpftes Lachen von sich gab. "Du bist wirklich eigenartig, Anastasia." Er legte seine Hand auf ihr Bein. Ein unangenehmes Gefühl überkam sie und jagte in Sturzbächen eiskalt ihren Rücken hinunter. Sie lächelte gequält und schlug unbeholfen die Beine übereinander, obwohl sie wusste, dass dies zu Krampfadern führen konnte. Egal, Notfall. Schweigen. Als ihr bewusst wurde, dass sein Kopf ihr immer näher kam und er die Augen geschlossen hatte, sprang sie nach Luft schnappend auf. Tim, der ach so edle Australier mit dem selbstgefälligen Lächeln und den schmutzig blonden Locken, hatte sie, hitzige Halbportugiesin küssen wollen! Ihr Herz setzte einen Schlag aus. "Bist du-" Im Bett regte sich Susi und drohte, aufzuwachen. Tim stand auf, fasste sie an den Hüften und zog sie zu sich heran. Unruhig trommelte sie mit den Fingernägeln auf seinen Bauch ein. "Lass das!", zischte sie und setzte ihre Fäuste ein, doch Tim bewegte sich keinen Fleck. Im Gegenteil, sein Griff wurde nur noch fester. "Lass mich los!", drängt Anastasia. "Was bekomme ich dafür?" Eine empörte Miene stahl sich in ihr Gesicht. "Bitte was?" "Was ich dafür kriege", grinste Tim. Sie schnappte kopfschüttelnd nach Luft. "Ich weiß genau, worauf du hinaus willst, aber das kannst du vergessen! Ich hab euch zwar gestern alles über mich erzählt, aber wir waren betrunken, Tim!" Er verdrehte die Augen. "Jetzt werd nicht wieder so verklemmt, Mädchen!", sagte er und beugte sich schon wieder zu ihr herab. "Nenn' mich nicht Mädchen", hauchte sie in sein Ohr, ehe er beinahe ihre Wange küsste. Tim hielt inne, spitzte dann aber doch die Lippen. Als sein Atem ihre Haut streifte, bekam Anastasia Gänsehaut. Nur noch wenige Millimeter trennten seine Lippen von ihrer Wange. "Ich warne dich!", knurrte sie, doch da hatte er den Kuss bereits in die Tat umgesetzt. Okay, ich habe ihn gewarnt, dachte sie schulterzuckend, als ihr Knie hochschoss und mit krachendem Geräusch auf sein Ziel traf. Tim schnappte nach Luft und rollte sich wenig später krampfhaft über den Boden. Lächelnd verschränkte Anastasia die Arme vor der Brust. "Naaaa", äffte sie ihn nach ,"das nächste Mal möchte Fräulein Hoppe bitte ernst genommen werden." Tim gab ein gequältes Wimmern von sich. Henry platzte rein, doch dann schüttelte er den Kopf, als wisse er nicht mehr, weshalb er hergekommen wäre und verschwand wieder. Anastasia tippte mit der Fußspitze auf den Boden, während Tim sich mühsam und schmerzvoll aufrichtete. Gleichzeitig lief er hochrot an, aber sie konnte nicht ausmachen, ob vor Schmerz oder vor Scham. Ein Blick auf die Uhr ließ sie umherfahren. "Oh Gott, ich muss zum Bus!" Sie riss die Tür auf, als Tim's gekränktes Stimmchen zu ihr durchdrang. "Wie wäre es mit einem Trostkuss?" Er humpelte auf sie zu. Sie stellte sich lächelnd auf die Zehenspitzen, doch ehe ihre Lippen aufeinander trafen, schlug Anastasia die Tür zu. Sie schwörte zu hören, wie Tim auf der anderen Seite das Holz küsste. Damit sollte für ihn geklärt sein, dass sie für ihn unerreichbar war. Dass sie den gestrigen Abend total genossen hatte und dass sie die Jungs insgeheim dann doch irgendwie ins Herz geschlossen hatte, behielt sie lieber für sich.
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Achtung Patchwork!
HumorGroßfamilie? Nein danke! Zumindest in den Augen der siebzehnjährigen Anastasia, die ein ganz idyllisches Leben in Köln, allein mit ihrem Vater führt. Doch von heute auf morgen findet sie sich in einem Düsseldorfer Neubaugebiet wieder und soll ab sof...
