Pünktlich um acht Uhr stand Anastasia auf der Schwelle zum Garten, als ihr plötzlich ein Tuch um die Augen gebunden wurde. Sie holte Luft für ein "Hilfe!", das womöglich die halbe Siedlung zusammengetrieben hätte, doch der nach Rosen duftende Unbekannte war ihr um einen Schritt voraus und presste seine Hand auf ihren Mund. "Jetzt chill' mal! Ich bin's!" Anastasia unter ihrem Tuch verdrehte die Augen. "Ja wow, ich bin's auch." Im nächsten Moment kapierte sie. "Tim?" "Richtig!" Er griff nach ihrer Hand, die sie instinktiv zurückzog. "Was wird das hier? Ein Überfall? Willst du mich in einen Busch schleppen und vergewaltigen? Man sollte meinen, du weißt, dass -" Tim jedoch schien anscheinend nicht wissen zu wollen, was er wissen sollte. Er legte seine Hand an ihre Taille und schob sie vorwärts. Leider etwas unkontrolliert, denn Anastasia knallte im nächsten Moment vor die Mülltonne. "Du Idiot! Kannst du nicht aufpassen? Ich bin nun mal kein Einkaufswagen, den man einfach so durch die Gegend schiebt und -" "Alter, jetzt laber doch nicht so viel!" "Kannst du mich mal bitte ausreden lassen!" Anastasia begann, sich das Tuch vom Kopf zu friemeln, aber Tim hielt ihre Hand fest und führte sie an seine Lippen, woraufhin sie hysterisch aufkicherte. "Könntest du mir mal bitte erklären, was das wird?" "Ein romantischer Abend." Tim legte seine Hände erneut an ihre Taille, diesmal etwas zu tief. Mit einem Ruck riss Anastasia sich die Augenbinde ab. "Sag mal, spinnst du? Ich dachte, wir gehen essen!" Empört stemmte sie die Hände in die Hüften, ehe sie an sich hinunterdeutete. "Du hättest mir ruhig eher von deinen Plänen erzählen sollen, Tim! Ich trage einen Jogginganzug und habe nasse Haare, weil ich dachte, wir gehen zu Burger King, von Friend to Friend." Sie starrte auf seine Hand. "Oh, mein Gott! Sag nicht, du hast eine Rose gekauft?" Erst jetzt fiel ihr auf, was Tim mit dem Garten angestellt hatte. Bunte Lampions versprühten eine warme Stimmung, auf dem Campingtisch war eine weiße Tischdecke ausgebreitet, auf der etliche Rosenblätter verstreut waren. In einem Kessel Eis war eine Flasche Prosecco untergebracht und auf weißen Tellern lag eine etwas misslungene Hähnchenkreation. "Ana...", murmelte Tim und griff nach ihrer Hand. "Anastasia!" Sie sah zu ihm auf. Das konnte er doch wohl nicht ernst meinen! Das ganze Trara war doch völlig umsonst! Wie naiv konnte er bitte sein, dass er dachte, sie würde auf diese Weise mit ihm essen? Sie waren doch kein Paar. Er wollte doch nicht etwa...? Natürlich wollte er! Anastasia spürte, wie sich ihr Magen zusammenkrampfte. "Tim." Sie schüttelte den Kopf. "Kannst du nicht wenigstens probieren?", fragte er auf einmal ganz schüchtern und legte den Kopf schief, sodass ihm die dunkelblonden Strähnen ins Gesicht fielen. Immer noch sprachlos ließ Anastasia sich auf einen der Campingstühle plumpsen. Unter ihrem Gewicht sackte dieser noch ungefähr fünf Zentimeter in die nasse Erde. "Tim, du bist ein Arschloch", murmelte sie, während sie vergebens versuchte, ein Stück von dem Hähnchen abzuschneiden, das eine Verkohlung mittleren Grades vorweisen konnte. "Warum?" Auch sein Stuhl sackte in die Erde hinab. "Hättest du einfach nur Essen gekocht und den Tisch gedeckt, hätte ich dir wenigstens einen vernünftigen Korb geben können. Aber unter diesen Umständen bin ich quasi gezwungen, mit dir zu essen!" Sie ließ die Gabel ungeniert auf das Stück Hähnchen hinabsausen. Tatsächlich löste sich ein kleiner Brocken, aber leider musste sie feststellen, dass das Fleisch von innen fast noch roh war. Der Höflichkeit halber schob sie sich das Stück in den Mund. "Und nun gibst du mir einen unvernünftigen Korb", grinste Tim. Das Stück Hähnchen, das soeben noch in Anastasia's Mund gesteckt hatte, flog im hohen Bogen über den Tisch. "Willst du mich vergiften? Wie viel Wein ist da drin?" Röchelnd und hustend nahm sie ihre Serviette, um sich den Mund abzuwischen. "Zwei Flaschen." Tim war aufgesprungen, um ihren Rücken zu tätscheln. "Tim, warum tust du das?", krächzte Anastasia und legte ihr Besteck beiseite. "Weil ich dir eine Freude machen wollte." "Weshalb?" Tim hielt ihr die Rose unter die Nase. "Weil ich mich in dich verliebt habe, Anastasia."
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Mira saß mit ihrem silbernen Schminkkoffer in einem riesigen Kleiderhaufen. Alles was sie trug war Unterwäsche und sie war kurz vorm Heulen. Der Grund für ihre Aufregung? Die Mittelstufenparty der Schule. Im Französischunterricht hatte sie gar nicht neben Jerome gesessen, sondern Stühle aus der Aula geschleppt. Danach hatte sie den Aushang an den Glastüren entdeckt. Nächsten Samstag um 20:00 war es so weit. Ihre große Chance, Jerome zu beweisen wie außergewöhnlich sie war. Nur an ihrem Outfit haperte es noch. Klar, die Party war erst in zwei Wochen, aber Mira war der Meinung, sie müsste perfekt vorbereitet sein.
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Achtung Patchwork!
HumorGroßfamilie? Nein danke! Zumindest in den Augen der siebzehnjährigen Anastasia, die ein ganz idyllisches Leben in Köln, allein mit ihrem Vater führt. Doch von heute auf morgen findet sie sich in einem Düsseldorfer Neubaugebiet wieder und soll ab sof...
