Das Kapitel, in dem der Tiefpunkt herrscht

4.4K 149 6
                                        

Als Henry am Montagmorgen die Augen öffnete und zu seiner Mutter sah, die seine Decke wegzog, wünschte er sich ganz weit weg. Die Schule klopfte an und er war nicht bereit, sich wieder zu dem Ort zu begeben, wo er eine fünf nach der anderen einkassieren würde. Gut, es würde sich womöglich lohnen, ein bisschen mehr Unterricht mitzumachen und weniger zu schwänzen, andererseits konnte er sich einfach nicht dazu aufraffen. "Mama, geh weg!", brummte er. Im Gegensatz zu anderen Jugendlichen störte es ihn überhaupt nicht, wenn man ihm die Decke wegnahm. Wenn er müde genug war, konnte er unter allen Umständen schlafen. Seine Mutter hielt sich erst Rücken, dann Bauch und verzog das Gesicht. "Freundchen, vor dir steht deine hochschwangere Mutter, bitte stress' mich nicht, sonst platzt meine Fruchtblase und du kannst dein Geschwisterchen in einem Glaskasten auf der Frühchenstation besuchen kommen!", sagte sie. Dass eine Geburt, die drei Wochen zu früh stattfand im Grunde überhaupt keinen Schaden nahm, verschwieg sie lieber. Henry setzte sich auf und kratzte sich den Kopf, während er sich das Chaos in seinem Zimmer ansah. Sein letzter Mädchenbesuch war Tatjana gewesen und er hatte seit ihrem Verschwinden nicht aufgeräumt. Seine Mutter verschwand aus dem Zimmer, um Moritz zu wecken und er quälte sich aus dem Bett und zog sich an. Dann ging er ins Badezimmer und gelte seine Haare, anschließend ging er runter, wo er auf einen gedeckten Tisch hoffte, an den er sich setzen könnte, doch ein Frühstück war nicht vorbereitet und es war keiner da, der eines machen könnte. Schon diese Tatsache stimmte ihn wütend. 

Schweigend setzte er sich an den Tisch, als er Anastasia kreischen hörte.

-------------------

"Papa! Was tust du denn!? Lass mich schlafen!" Anastasia schlug wild um sich, während sie versuchte, ihre Bettdecke zurückzuergattern. Ihr Vater wich geschickt ihren Tritten aus und kämpfte tapfer weiter. Mira, die bereits angezogen auf ihrem Bett saß, schüttelte den Kopf. "Ihr seid voll peinlich", sagte sie, bevor sie aus dem Raum rannte, da es an der Tür geklingelt hatte.

"Anastasia, du bist 17! Reiß' dich mal zusammen!", sagte Stephen und griff nach ihrem Fuß, um sie aus dem Bett zu ziehen. Unsanft schlug sie mit dem Kopf auf dem Boden auf und verzog das Gesicht. Na wunderbar, ihr Montagmorgen war im Arsch! "Ich will nicht zur Schule! Ich kenn da doch sowieso niemanden!", kreischte sie, nachdem ihr Vater ihr aufgeholfen hatte. "Anastasia!", sagte er streng und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sie ging zu ihrem Schrank und nahm sich ihre Sachen heraus. Sie hatte es sich anders überlegt. Sie war schlau, das meiste, was im Unterricht durchgenommen wurde, forderte sie nicht einmal mehr. In dieser Hinsicht war die Schule eine super einladende Gelegenheit, diesem Irrenhaus zu entkommen und bitte - irgendwen würde sie schon kennenlernen! Sie war zwar Jungfrau und hatte mit 17 gerade mal eine Beziehung hinter sich, aber das hieß nicht, dass sie nicht klar kam. Oh nein, sie war kein Schwächling und das galt es zu beweisen! Da sie - Oberstufe sei Dank- erst zur zweiten Stunde Unterricht hatte, fuhr sie ihren Laptop hoch und verschwand ins Bad, um zu duschen. Bis auf Susi, die zwischendurch hereingeplatzt kam, da sie ihre Unterlagen auf dem Spiegeltisch vergessen hatte, blieb sie zum Glück ungestört. Jedoch ließ diese die Badezimmertür offen stehen, was aber kein Problem war, da Anastasia bereits in ein Handtuch gewickelt vor dem Waschbecken stand und ihre Haare hochsteckte. Unten stritten sich Mira und Moritz darüber, wer den Tisch decken sollte und Anastasia konnte meinen, dass es das erste Mal war, dass sie diesen 12-Jährigen unausgeglichen erlebte. "Kommt Jungs, lasst hochgehen!" , ertönte Henry's Stimme und wenig später stürmte er, gefolgt von zwei weiteren Jungen die Stufen hinauf, während Anastasia immer noch mit ihren Haaren kämpfte. Bürsten wurden total überschätzt! Am Ende entknotete man ja doch mit den Händen den Schopf. Vor sich hin fluchend griff Anastasia mit der einen Hand zu einer Spange und hielt mit der anderen ihr Handtuch fest, da es zu rutschen drohte, als urplötzlich ein mittelgroßer Junge mit dunkelblonden Locken und breitem Grinsen in der Tür stand und sie anstarrte. "Na Schöne Frau?", sagte er und Anastasia verdrehte die Augen und mit einem gekonnten Fußtritt war die Tür geschlossen. Über Henry's Freunde konnte man einfach nur schmunzeln! Der eine -übrigens derselbe, der soeben in der Tür gestanden hatte- kam angeblich aus Australien und verlor seiner selbst beim Cricket-Spielen, der andere war mindestens einen Meter neunzig groß und gehörte zu der typischen Versagersorte mit einem großen Maul. Seufzend trug Anastasia ihren Mascara auf und öffnete dann die Badezimmertür. Zu ihrem Entsetzen stand der blond gelockte Junge immer noch davor und grinste sie an, woraufhin sie aufschrie. "Was willst du? Henry ist hier nicht", sagte sie nervös. "Frank und er haben zur ersten, aber ich nicht. Ich bin im Mathe LK, genau wie du, heißt ich hab erst zur zweiten", sagte er. "Das ist schön, dass du mir das sagst. Ich bin irgendwie total erfreut", meinte Anastasia in sarkastischem Unterton und wandte sich zum Gehen ab. Was sie sich fragte war, warum dieser Typ seine Freistunde hier verbrachte und nicht in seinem eigenen Haus, aber ehrlich gesagt war es ihr auch egal, schließlich würde sie gleich mit Ella skypen und immerhin war es Henry's Sache. 

Achtung Patchwork!Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt