Langsam glitt die Tür hinter Anastasia ins Schloss, wobei sie einen dumpfen Laut von sich gab. Mit schwitzenden Händen und pochendem Herzen sah sie sich in dem Flur um, in den diese Tür sie geführt hatte. Es kam ihr alles vor wie ein Portal zu einer anderen Welt, in der sie niemals hatte enden wollen. Der Boden bestand aus rötlichen Fliesen, die Wände waren ebenfalls rot gestrichen, aber nicht nur das: Da hingen Kondomautomaten, Bilder, und Federn über Federn. Von der Decke baumelten Schnüre, an denen Perlen befestigt waren. Okay, sie hatte nicht gewusst, wie sie sich einen Puff vorgestellt hatte, aber das hier war definitiv beängstigender als alles, was sie sich ausgemalt hatte. Anastasia machte einen unsicheren Schritt nach vorn, während sie nach der Tür Ausschau hielt, die Rotkäppchen ihr beschrieben hatte. Als sie sie endlich fand, machte ihr Herz vor Aufregung und Unbehagen einen entsetzlichen Satz. Hintergrundmusik besudelte ihre Ohren, aber die Stimmen, die aus den Räumen drangen, waren trotzdem nicht zu übertönen. Es klang wie Stephen und Susi, wenn sie... verschmolzen, nur in doppelter Lautstärke. Anastasia legte ihre Finger um die kalte, silberne Klinke und schloss die Augen. War sie sich wirklich sicher? Die Antwort lautete: Nein. Sie war sich keinesfalls sicher. Noch konnte sie gehen, aber etwas in ihr behielt sie hier. Sie wollte endlich Gewissheit. Mit dem Ausstoßen der angehaltenen Luft gab sie der Tür einen Ruck und ließ sie aufklappen. Das erste, was sie sah, war Linda, die in einem Lederkorsett auf einem Bett mit tausend Kissen und pinker Bettwäsche saß. Das Licht hier war eher violett, und in einer Ecke stand etwas, das einen furchtbar künstlichen Geruch versprühte. Anastasia verzog angeekelt das Gesicht, während sie die Tür schleunigst schloss. Das hier sollte niemand mitbekommen, es ging schließlich nur sie und Linda etwas an. Diese staunte übrigens nicht schlecht. Sie war gerade dabei gewesen, sich kniehohe Netzstrümpfe an ihr Kostüm zu stecken, aber jetzt war sie wohl nicht fähig, damit fortzufahren. "Anastasia!" Sie starrte Ana mit einer Mischung aus Erleichterung und Angst an. Vielleicht war auch Scham dabei, weil sie nun bei ihren schmutzigen Spielchen ertappt worden war. "Du bist echt abartig, Linda", war das einzige, das Anastasia zu dieser Situation einfiel. Wie konnte ein Mensch nur zu solch armseligen Maßnahmen greifen? Es gab doch tausend andere Möglichkeiten, an Geld zu kommen, warum versuchte sie es so? "Ana - ja. Äh." Linda war sprachlos. Das Deckenlicht wechselte von violett zu rot und ließ die Gesichter der beiden Mädchen merkwürdig aufleuchten. Anastasia vergrub die Hände in den Taschen ihres Kapuzenpullis, aber gleich darauf nahm sie eine davon wieder raus, um sich damit vor dem Gesicht zu wedeln. "Wo kommt dieser Geruch her?" Zum ersten Mal brachte Linda einen Satz am Stück raus. "Das ist ein Raumerfrischer, der mit Strom betrieben wird." Sie deutete auf die Steckdose hinter sich. "Riecht gut, nicht?" "Um Himmels Willen, nimm es da raus! Das tut ja weh in der Nase!" Anastasia lehnte sich gegen die Tür, weil sie beim besten Willen nicht noch weiter in den Raum gehen wollte. "Ich fass' es nicht, dass mein Freund mit einer Nutte zusammen war!" Verärgert rümpfte sie die Nase, jetzt war alle anfängliche Schüchternheit überwunden. Unterdessen fischte Linda mit spitzen Fingern diese Stinkbombe aus der Steckdose, ehe sie sich wieder zu Anastasia umdrehte. "Du weißt schon, dass wir nicht wirklich zusammen waren, oder? Du kannst ihm nichts vorwerfen. Er weiß von meinen Geschäften." Sie räkelte sich in ihren Kissen und gähnte herzhaft. Anastasia wusste nicht, wie ihr geschah, oder ob sie nun lachen oder weinen sollte. "Er... Er weiß, dass du hier...?" Als Linda unbekümmert nickte, konnte sie nicht anders, als sich die Hand vor den Mund zu schlagen. Tim hatte sie belogen! Als sie ihm heute morgen in der Schule erzählt hatte, was Sache war, hatte er nur so getan, als ob er überrascht wäre! "Wieso hast du mir das nicht von Anfang an gesagt?", keifte Ana Linda an, obwohl sie genau wusste, dass die keine Schuld trug. Linda wusste das anscheinend auch, denn sie lächelte mitleidig. "Er ist ein Arschloch, nicht wahr? Ich hätte dich eigentlich warnen sollen, aber er hat mich immerhin bezahlt. Ich brauchte das Geld." "Was?" Ana war, als hätte man ihr den Atem genommen. Was redete Linda da? "Ana - ich dachte am Anfang wirklich, wir wären zusammen. Als er Schluss gemacht hat, hat er mir gesagt, dass das alles nur dazu da war, um dich eifersüchtig zu machen und ich bin völlig ausgerastet. Da hat er mir einen Hunderter in die Hand gedrückt und gesagt, ich solle die Sache mit dir hinbiegen. Weißt du eigentlich, was mich das an Überwindung gekostet hat?" Anastasia dachte an den Tag zurück, an dem Linda ihr auf dem Flur entgegen gekommen war. Sie erinnerte sich an ihre Tränen und wie aufgelöst sie war, und daran, dass sie dachte, Linda sei einfach nur traurig, weil sie Tim an eine andere verloren hatte. Aber sie hatte geweint, weil sie erpresst worden war - oder zumindest dazu gedrängt. Bestochen. "Warum hast du das Geld überhaupt angenommen?", rief Anastasia aus, nicht zuletzt, um das Pärchen aus dem Nebenzimmer zu übertönen. Linda schüttelte nur mit dem Kopf. "Du weißt doch ganz genau, dass du hier die falsche beschuldigst. Wie gesagt - Tim wusste von Anfang an, dass ich eine... Prostituierte bin und hat es ausgenutzt. Ich lebe von solchen Geschäften, wie du dir vielleicht denken kannst." "Oh mein Gott!" Ana schlug sich beide Hände vor's Gesicht. "Er ist so ein verlogenes Schwein! Ich werde ihn zerfetzen." "Nein!" Linda streckte die Hand nach ihr aus und sah auf einmal ganz bekümmert aus. "Du darfst ihn darauf nicht ansprechen. Ich habe ihm versprochen, es vor dir geheimzuhalten. Außerdem liebt er dich wirklich. Er vergöttert dich! Ana, er hat sich das alles ausgedacht, nur um dich zu gewinnen, ihm war kein Preis zu hoch. Er hat hundert Euro für dich bezahlt. Denk doch mal daran." Anastasia biss sich auf die Lippe und wünschte, sie könnte die Tränen irgendwie zurückhalten. "Nein, Linda", sagte sie mit zittriger Stimme. "Er hat eine Nutte angeheuert, er hat uns beide verarscht und gelogen bis zum Geht-nicht-mehr. Das können wir uns doch nicht gefallen lassen." Linda gab ein überraschtes Grunzen von sich. "Seit wann sind du und ich 'wir'?" Anastasia ging nun doch auf das Bett zu, um sich niederzulassen - sie musste sitzen, sonst kippte sie noch um. Die Federn der Matratze quietschten, als sie sich darauf niederließ. "Es macht rhetorisch gesehen sehr viel Sinn, aus zwei Pronomen wie 'du' und 'ich' ein inklusives 'wir' zu ma -" "Komm, lass den Scheiß." Linda hob abwehrend die Hand, ehe sie sich gegen die Wand lehnte. "Das wollte ich jetzt nicht so genau wissen." Anastasia schlang sich die Arme um den Bauch, um die Schmerzen zu lindern, die darin entstanden waren, aber das brachte überhaupt nichts. "Ich habe das Gefühl, ihn überhaupt nicht zu kennen", murmelte sie zu sich selbst. "Dass er sich so eine billige Schlampe nimmt, um mich eifersüchtig zu machen, war der bescheuertste Plan des Jahrhunderts!" "Hey", unterbrach Linda sie mit vorgereckter Nase. "Du kannst es dir vielleicht nicht vorstellen, aber ein bisschen Würde habe sogar ich. Erstens bin ich keine Schlampe, denn ich gehe nicht umsonst mit jedem Mann ins Bett und billig bin ich auch nicht. Der günstigste Preis für eine Runde mit mir liegt bei fünfundsechzig Euro fünfzig." Wie unangebracht, jetzt über ihre Preise zu diskutieren. Aber Anastasia konnte spüren, wie ihr Gesicht aufflammte wie ein Feuerwerk. "Du bist also stolz darauf, dass du Geld dafür nimmst? Dass du hier arbeitest?" Linda nickte, sagte jedoch nichts. "Für mich gibt es da keinen Unterschied. Schlampe und Nutte - beides gleich scheiße", meinte Anastasia beleidigt. "Wie du meinst." Linda zuckte gleichgültig die Schultern und begann, sich den Dreck unter den French Nails hervorzupulen. Anastasia konnte gar nicht hinsehen, wie sich die aufgeklebten Fingernägel dabei bogen. "Wie lang arbeitest du schon hier?" "Seit meinem achtzehnten." Die Antwort kam schnell und kurz. Anastasia blickte stumm auf ihre eigenen Fingernägel, die auch mal wieder eine Maniküre gebrauchen konnten. Es hatten sich schon wieder diese weißen Stellen gebildet, die sie nicht ausstehen konnte. Schließlich fragte sie: "Und warum hast du sofort hier angefangen? Wenn du Geld brauchst - okay. Aber man kann doch auch bei Aldi kassieren oder Zeitungen austragen oder so was. Warum startest du direkt so eine Scheiße?" Linda sah sie finster an; auf einmal hatte sich ein Schatten über ihr künstliches Gesicht gelegt. "Erstens gibt es keinen Job, bei dem man so schnell und einfach Geld verdient, zweitens kann ich hier abends arbeiten und drittens sind wir an einem Punkt angelangt, an dem dich mein Privatleben nichts mehr zu interessieren hat, kapiert? Wenn du wütend auf Tim bist, schön. Aber mein Leben ist für dich tabu. Klar?" Anastasia nickte, eingeschüchtert von dem herrischen Ton, der sich in Lindas Stimme geschlichen hatte. Doch die machte jetzt schon wieder ein freundlicheres Gesicht. "Cool. Dann hätten wir ja alles geklärt. Willst du noch etwas loswerden, oder kann ich mich jetzt wieder Kunden widmen, an denen ich auch wirklich etwas verdiene? Dieses Gespräch geht nämlich seit neunundzwanzig Minuten auf mein Konto." Sie schielte auf das Leuchtzahlen-Ziffernblatt der Uhr, die an der gegenüberliegenden Wand hing. "Nein." Anastasia zog sich die Ärmel ihres Pullis über die Hände und stand langsam auf. Die Enttäuschung über Tim lähmte sie noch immer, fraß sie auf. Als sie die Tür schon erreicht hatte, fügte Linda leise hinzu: "Und überleg' dir gut, was du jetzt tust. Wenn du mit ihm Schluss machst, kann ich das verstehen. Aber vergiss nicht, dass er das alles aus Liebe getan hat. Er war verzweifelt. Es war vielleicht nicht alles so richtig, aber der Zweck heiligt die Mittel, oder wie sagt man so schön?" Anastasia sah sich zu Linda um und nickte gequält. Sie hatte es auf den Punkt gebracht. So etwas Kluges hatte sie schon lange nicht mehr gehört - aber allein die Tatsache, dass Tim sie angelogen hatte, sorgte dafür, dass sie ihn mit anderen Augen sah. Für den Moment war das Vertrauen zerstört. "Danke, Linda. Für das Gespräch." Sie hob die Hand zu einem lächerlichen Abschiedsgruß und verschwand dann zur Tür hinaus. Nur weg von diesem lila-roten Ort der schrecklichen Wahrheit.
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Achtung Patchwork!
MizahGroßfamilie? Nein danke! Zumindest in den Augen der siebzehnjährigen Anastasia, die ein ganz idyllisches Leben in Köln, allein mit ihrem Vater führt. Doch von heute auf morgen findet sie sich in einem Düsseldorfer Neubaugebiet wieder und soll ab sof...
