Der Freitagnachmittag war ziemlich verregnet, sodass Mira die Gelegenheit beim Schopf griff, um sich etwas für die morgige Schulparty rauszusuchen. Jerome hatte ihr in der Cafeteria ein paar verstohlene Blicke zugeworfen, die sie natürlich stundenlang zusammen mit Anastasia analysiert hatte und sie waren zu dem Schluss gekommen, dass Jerome definitiv noch Gefühle für sie hatte. Anastasia hatte das nur leider vollkommen falsch gedeutet, da sie immer noch der Ansicht war, Mira gäbe Jerome nun einen Korb. Daher freute sie sich schon jetzt auf einen schluchzenden Schwarzafrikaner, der am Montagmorgen den Selbstmord ankündigte, weil seine Große Liebe ihn abgeschmiert hatte. In Ana's Augen. Für Mira sah das Ganze schon ganz anders aus.
Verträumt hielt sie sich ein Baströcken vor den Bauch, als ein bekanntes, bimmelndes Geräusch sie aus ihren Gedanken riss. Skype. Ella rief an. Mit drei riesigen Schritten durchquerte sie die Zimmerhälfte, um den Anruf entgegen zu nehmen. "Hey!", rief sie atemlos. "Hallo", erwiderte Ella höflich, das Gesicht unter einer Schicht Quark verborgen. "Was ist das denn für ein Fetzen?", fragte Ella entgeistert und deutete auf den Bastrock in Mira's Hand. "Den hat Mareike mir mal aus Rio mitgebracht", erklärte Mira eilig, während sie sich auf Anastasia's Schreibtischstuhl sinken ließ. "Schätzchen, wenn du den anziehst, wirst du dich morgen auf dem Titelblatt der 'Bild' wiederfinden. Unter der Schlagzeile: Flop der Woche." "Danke." Mit einem finsteren Gesicht warf Mira den Rock auf den Haufen zurück. "Ich finde nichts", jammerte sie dann. "Das Problem kenne ich", pflichtete Ella ihr bei. "Wobei ich finde, das hängt immer von der Figur ab. Ach, ich bin so neidisch auf Ana! Sie hat einen großen Busen und ist schlank und ich renne mit Hüftgold rum und hab trotzdem nicht mehr als A." "Ja, es ist ernüchternd." Mira seufzte. Ella runzelte die Stirn. "Schätzchen, du bist vierzehn! Entspann dich mal." Daraufhin lief Mira rot an und fuhr sich durch die weißblonden Locken. "Dann hilf mir bitte bei dem Outfit!", jammerte sie, doch Ella schüttelte vehement den Kopf. "Später, Süße, aber ich muss dringend mit Anastasia sprechen. Es geht um Tim."
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Als sie Tim auf sich zukommen sah, verschwand Anastasia mit einem Hechtsprung durch das Gartentörchen. Der Typ war inzwischen so verrückt nach ihr, dass es schon fast an geistige Behinderung grenzte. Natürlich hatte er sie nach diesem Mittwochmittag, an welchem er ihr am Spind aufgelauert war, nicht in Ruhe gelassen. Nach ihrem vermeintlichen Frauenarzttermin hatte er mit seinem Auto an der Bushaltestelle gewartet. Zum Glück hatte sie sein Nummernschild rechtzeitig erkannt, um sich die Kapuze überzuziehen und in den nächstbesten Bus zu springen. Wer weiß, wo Tim sie hingefahren hätte! Doch damit war es nicht getan. Am Abendbrottisch hatte er das Thema immer wieder aufgreifen wollen, nur da zwischen Stephen und Susi noch immer dicke Luft herrschte, hatte es keinen interessiert. Am Donnerstagmorgen hatte er mit einem Strauß Nelken vor der Tür auf sie gewartet und zur Schule gefahren. Die komplette Autofahrt hatte sie angestrengt aus dem Fenster gesehen und darauf geachtet, ja nicht irgendwelche zweideutigen Sätze von sich preiszugeben, die er dann irgendwie in den falschen Hals bekommen hätte. Als wäre das nicht genug, hatte Tim sie in der Mittagspause auf ein Eis einladen wollen. Mit der miesen Ausrede, ihr sei schlecht, war sie sogar besser durchgekommen als erwartet. Ganz der Gentleman hatte er sie zum Krankenzimmer begleitet und wie ein begossener Pudel vor der Tür auf sie gewartet. Zuhause dann hatte Anastasia den halben Abend vor dem Briefschlitz im Flur sitzen müssen, weil alle fünf Sekunden eine weitere 'Ich liebe dich!'-Karte hindurchgesegelt kam. Als wäre das nicht genug, musste sie sich von Henry auch noch Sätze anhören wie "Bist du sicher, dass du nichts für ihn emfindest?" und Frank sagte ihr alle halbe Stunde:"Komm, quatsch doch mal mit Tim." Ja, da hatte sie in dieser Situation durchaus Grund zur Eile. Doch plötzlich legte sich eine große, trockene Hand um ihr Handgelenk und zog sie zurück. Sie schleuderte extra etwas übertrieben umher, sodass sie sich fast langgelegt hätte, wäre da nicht Tim gewesen, der sie nur allzu bereitwillig auffing. Einige Sekunden lang schwebte sein Gesicht über ihrem. "Wag es nicht!", raunte Anastasia. Es sollte bedrohlich wirken, klang aber leider vollkommen albern und unsicher. Tim's Mundwinkel hoben sich zu einem verschmitzten Grinsen. Aber als er sie losließ, wurde sein Gesicht gleich wieder ernst. "Wir müssen reden", sagte er. "Den Satz hast du diese Woche ungefähr fünfzig Mal gebracht", meinte Anastasia, während sie die Arme vor der Brust verschränkte. "Ich meine es ernst." Er vergrub die Hände in den Hosentaschen, wobei er außerordentlich gut aussah, da er mit seinen dunkelblauen Augen unter den blonden Haaren hervorlinste. "Ich muss wissen, wo ich bei dir dran bin." Anastasia sackte in sich zusammen. "Ehrlich gesagt weiß ich das selber nicht", gestand sie. "Aber ich glaube, zwischen uns funktioniert sowas einfach nicht. Du bist ein neuer Freund, ein richtig guter sogar. Aber eben nicht so etwas banales wie ein Geliebter." "Ein Geliebter ist doch nicht banal", empörte sich Tim, aber seine Gesichtszüge wurden gleich wieder weich. "Warum kannst du nicht einfach mit mir zusammen sein?" Hilflos blickte sich Ana um. "Weißt du Tim, das ist ein super liebes Angebot, aber ich... nein! Einfach nein." Wie konnte er sich nach nur so kurzer Zeit in sich verlieben? Hilflos lächelnd schob sie sich eine schwarze Strähne aus der Stirn, während sie sich den Kopf darüber zerbrach, wie sie ihn nur wieder loswurde. Genau da schwang die Haustür auf und Susi kam ihnen mit einer riesigen gelben Mülltüte entgegen. "Hallo", sagte sie erstaunt, als sie die beiden entdeckte. Fast snychron hoben Anastasia und Tim die Hand zum Gruß. Susi klappte die Mülltonne auf und stopfte die Tüte hinein. "Was tut ihr hier? Es ist so kalt und nebelig." Kalt? Nun gut, sieben Grad waren nicht gerade warm, aber kalt war etwas anderes. Und mit Nebel meinte sie wohl die hereinbrechende Dunkelheit. "Wir, äh, betreiben ... Konversation", versuchte Ana die Lage zu retten. "Nein. Eigentlich frage ich sie über meine Chancen bei ihr aus", berichtigte Tim. Anastasia warf ihm einen vernichtenden Blick zu. "Über deine Chancen?" Susi legte ihre Stirn skeptisch in Falten. "Sie haben mich schon richtig verstanden", sagte Tim. "Sag ruhig 'Du' zu mir." Susi lächelte freundlich. "Und jetzt kommt rein, es gibt gleich Abendessen."
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Achtung Patchwork!
HumorGroßfamilie? Nein danke! Zumindest in den Augen der siebzehnjährigen Anastasia, die ein ganz idyllisches Leben in Köln, allein mit ihrem Vater führt. Doch von heute auf morgen findet sie sich in einem Düsseldorfer Neubaugebiet wieder und soll ab sof...
