Nachdem alle den Frühstückstisch verlassen hatten, erledigten Susi und Mareike in der Küche den Abwasch, wobei sie sich angeregt über Mareikes zerplatzte Ehe unterhielten. "Ich weiß ja, dass du das Richtige getan hast", sagte Susi kopfschüttelnd, "aber so schnell? Du sagtest doch, du bräuchtest ihn für die Finanzen." Mareike panschte freudig im Spülwasser herum. "Ach Darling. Ich regel das irgendwie. Anabell steht mir zur Seite, sie will anfangen, mit ihren Zukunftsvisionen Geld zu machen." Etwas ruppig schrubbte sie mit dem Eisenschwamm in einem Weinglas herum, welches kurz danach zerbrach. Susi zuckte zusammen. "Aber sie geht doch noch zur Schule!", rief sie dann. "Aber nur vormittags", entgegnete Mareike gelassen und grinste. "Freu dich doch für mich!" Sie stieß Susi freundschaftlich in die Seite. "Schon", murmelte diese, auf einmal total gekränkt. "Ich hab nur Angst, dass es bei mir und Stephen auch so schnell aufhört zu funken, Mareike!" Sie legte den Schwamm beiseite und setzte sich mit traurigen Augen an den Küchentisch. Ihre Cousine pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht. "Siebzehn Jahre Ehe nennst du schnell, Darling?" "Du weißt, wie ich das meine." Susi kratzte sich grimmig am Arm, ehe sie aus dem Fenster sah. Es regnete, passend zu ihrer Stimmung. Dabei hatte sie gar keinen Grund zur Trauer, nur irgendwie hatte die radikale Mareike ihr einen Schrecken eingejagt. Diese warf sich aufmunternd auf Susis Schoß. "Du und Stephen, das ist ganz big Love." Bevor sie wieder aufsprang, drückte sie ihrer Cousine einen Kuss auf den Mund. Susi wischte sich verstört über die Lippen. "Du bist doch verrückt...", sagte sie barsch. Mareike sah sie verfremdet an. "Ich? Verrückt? Das hätten mir die Stimmen doch gesagt." Kopfschüttelnd fuhr sie mit dem Spülen fort. Na ja, man musste sie eben nehmen, wie sie war. Das wusste Susi seit Mareikes Gehirnerschütterung und doch war es ihr noch immer nicht gelungen, sich an ihre Cousine zu gewöhnen.
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Bibbernd zog Mira den Reißverschluss ihrer Jacke nun doch bis obenhin zu. Die dunkelrot lackierte Parkbank, auf der sie saß, war kalt unter ihrem Hintern und wollte auch nicht wärmer werden, solange sie auch saß. Wo blieb Jerome denn nur? Sie waren für zwei Uhr verabredet gewesen und nun war es schon zehn nach! Wenn er nicht bald kam, konnte sie sich das mit der Versöhnung auch schon mal abschminken. Aber der Gedanke, er könne es sich anders überlegt haben, war so schmerzhaft, dass Mira ihn aus ihrem Kopf verdrängte. Sie und Jerome würden wieder ein Paar werden, sie hatten ja das Zeug dazu! Sie wussten immerhin, dass sie sich liebten, nur der Alkohol hatte alles kaputt gemacht. Mira vergrub die Hände in den Taschen. In dem Moment klingelte ihr Handy, mit der Anfangsmusik von 'Pirates of the Carrebean', total banal, aber sie war zu faul, den Ton zu ändern. Mit steifen Fingern fischte sie das Handy aus ihrer Jeans. "Ja?" "Baby!" Es war Mareike, die ihr gerade noch gefehlt hatte. Was sollte das? Hatten sich heute alle Menschen gegen sie verschworen? "Was gibt's?", fragte Mira betont abweisend und hoffte, dass sie dabei so kühl und unnahbar klang wie die ganzen Komissarinnen aus dem Sonntags-Krimi. Oder wie James Bond. "Wie läuft's?", fragte Mareike mitfühlend, woraufhin Mira seufzend nachgab. Das mit James Bond würde ohnehin nie hinhauen, also konnte sie den Ansatz dieser Idee gleich über Bord werfen. "Scheiße", sagte sie, "er kommt nicht. Mann, dieser verfickte Alkohol!" Wütend ließ sie ihren Fuß auf den Kies knallen. "Na!", rief Mareike mahnend. "Ihr wart doch gestern Nacht united. Warum jetzt nicht mehr?" Mira rang die Hände, sofern das mit einem Smartphone in der Hand möglich war. "Er mag es halt nicht, wenn ich betrunken 'Twerk it like Miley!' rufe und dabei strippe", maunzte sie dann. Mareike stöhnte auf und Mira konnte das Klatschen hören, als sie sich vor die Stirn schlug. "Friends, selbst meine Schminke hält länger als eure Beziehung." Der hatte gesessen. Dass es um ihre Selbstbeherrschung geschehen war, spürte Mira genau in dem Moment, in dem ihr die Tränen mit Rekordgeschwindigkeit in die Augen schossen. "Ist doch wahr", verteidigte sich Mareike, als Mira ein Schluchzen zu unterdrücken versuchte. "Bin ich eine Schlampe?", fragte sie mit jammerndem Unterton. "Nein", sagte Mareike, "du hast lediglich Spaß, stehst auf nackte Schwarzafrikaner und hast eine Vorliebe für Alkohol." "Gibt's dafür auch eine Defintion?", wollte Mira wissen. "Etwas, das mir genau beweist, dass ich keine Schlampe bin?" "Hm", machte Mareike und dann sagte sie sehr lange Zeit gar nichts. Mira zählte die Sekunden, die verstrichen, während sie sich fragte, ob Jeromes Uhr wohl falsch ging. Er wäre wohl kaum so arschig, gar nicht zu kommen. Oder? Hatte sie sich in ihm getäuscht? Nach siebenundvierzig Sekunden Selbstmitleid kam Jerome um die nächste Ecke geschlendert und Mareike rief begeistert:"Du bist ein Party-Girl!" Mira verdrehte die Augen, dann legte sie auf, ohne sich von ihrer Groß-Cousine zu verabschieden. Jerome blieb ungefähr drei Meter vor ihr stehen, als wäre sie ein Ebola-infizierter Alien, der ihn gleich überfallen könnte. Er trug schwarze, enge Hosen, einen dunkelgrauen Mantel und einen dunkelblauen Schal. "Seit wann trägst du eine Brille?" Mira deutete auf die fette Nerd-Brille in seinem Gesicht. Jerome fuhr sich, sofern das mit seinem Afro möglich war, durch die Haare. "Hab meine Kontaktlinsen verloren." "Aha." Super. Da sah man mal, wie wenig die beiden vomeinander wussten, obwohl sie mal zusammen gewesen waren. Es wurde eindeutig Zeit, dass sie etwas änderten, dessen war sich Mira sicher. Sie räusperte sich. "Du bist zu spät." "Bus hatte Verspätung", antwortete Jerome schulterzuckend. Dann schwiegen sich die beiden eine Weile an. Mira zählte einunddreißig Sekunden, bis Jerome wieder etwas sagte, aber das konnte unmöglich sein. Es musste sich mindestens um Minuten handeln. "Du bist nüchtern." Jerome sah sie mit einem Ausdruck an, den sie nicht deuten konnte. "Richtig", nickte sie. Deswegen waren sie hier. "Das wird nicht wieder vorkommen, Jerome, das verspreche ich dir!" Ihre Stimme hatte diesen nervigen Ton angenommen, den sämtliche Film-Girls draufhatten, wenn sie vor dem Bad Boy auf Knien um Entschuldigung winselten. Jerome schien das glücklicherweise nicht zu stören, im Gegenteil: Er machte zwei winzige Schritte auf sie zu. Miras Gesicht erhellte sich schlagartig. Immerhin etwas! "Vielleicht hätte ich besser auf dich aufpassen sollen", sagte Jerome und zuckte erneut die Schultern. Das hatte er echt gut drauf... "Wie meinst du das?" Mira zog die Nase hoch. "Na ja.." Jerome fiel es sichtlich schwer, sich auszudrücken, aber allein die Tatsache, dass er sich bemühte, berührte Mira zutiefst. Sie meinte zu merken, wie sogar die Parkbank unter ihr warm wurde. "Ein Junge passt eben auf, dass sein Mädchen keinen Blödsinn anstellt", sagte Jerome schließlich und es klang, als habe er ehrlich ein schlechtes Gewissen. Mira seufzte tief. "Nein." Kopfschüttelnd stand sie auf, machte einen zögernden Schritt auf ihn zu. "Ein Mädchen besäuft sich nicht, wenn es mit seinem Jungen zusammen ist." Ein heftiger Windstoß wehte ihr die Haare ins Gesicht, während ihre Wangen kribbelten. "Sieht aus, als hätten wir beide Scheiße gebaut." Jerome legte den Kopf schief, dann tat er den letzten Schritt, der ihn von Mira trennte. Beinahe ehrfürchtig sah sie zu ihm auf. "Was nun?", hauchte sie, weil sie sich kaum zu atmen traute. "Jetzt sollten wir daraus gelernt haben", sagte Jerome ohne auch nur ein Anzeichen von Romantik in der Stimme. Sein Gesicht war auch nach wie vor seltsam regungslos; Mira wurde skeptisch. "Jerome?" "Hm?" "Wir sind doch hier, um uns wieder zu vereinen, oder?" Als sie sein Gesicht sah, wollte sie die Antwort schon gar nicht mehr hören, aber er gab sie ihr trotzdem. "Keine Ahnung." Er holte tief Luft. Ein Jogger, der sie passierte, warf ihnen befremdete Blicke zu, was wohl daran lag, dass sie ummittelbar voreinander standen, allerdings wie eingefroren wirkten. Aber Mira war nicht eingefroren, nein, sie lief auseinander. Ihr Herz schien zu zerlaufen wie klebriger Schleim. "Aber... aber wir lieben uns doch", sagte sie hoffnungsvoll. Jerome griff ihre Hand. "Wir tun uns doch nur gegenseitig weh, Mira." "Das, was du im Begriff bist zu tun, ist aber tausend Mal schlimmer", sagte sie trocken. Gott, sie klang ja schon so sulzig wie Bella und Edward bei Twilight! Noch ein Grund, für Team Jacob zu sein: Von Edwards Ausdrucksweise wurde man ja total gehirnwaschtdingsbumst. Mira schüttelte leise den Kopf. "Aber immer, wenn wir zusammen sind, trennen wir uns wieder", sagte Jerome unschlüssig. "Diesmal wird alles anders!", rief Mira, "das verspreche ich." Oh, und wie sie das tat. Keine zehn Pferde würden sie von diesem Jungen trennen, auch keine elf oder zwölf und dreizehn erst recht nicht. "Heute ist der erste elfte", sagte Mira eilig. "Es wäre so schön, dieses Datum mit deinem Namen und einem Herzchen in meinen Status zu schreiben." Bei dem Gedanken kam ihr wieder ein Say-It-Like-Edward-Satz in den Sinn, den sie lieber schleunigst wieder hinunterschluckte. "Endgültig?", fragte Jerome seufzend. "Ja!" Sie hatte ihn überzeugt! Gott, sie war ja so froh. So froh, dass sie sich gleich um seinen Hals schmiss. Diesmal würde alles anders werden, das schwor sie sich.
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Wie hat es euch diesmal gefallen? Denkt ihr, Mira und Jerome kriegen das hin? Schreibt es in die Kommis!
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Achtung Patchwork!
HumorGroßfamilie? Nein danke! Zumindest in den Augen der siebzehnjährigen Anastasia, die ein ganz idyllisches Leben in Köln, allein mit ihrem Vater führt. Doch von heute auf morgen findet sie sich in einem Düsseldorfer Neubaugebiet wieder und soll ab sof...
