Das Kapitel mit dem Knalleffekt

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Den Rest des Abends verbrachte Henry mit seinen Freunden und Anastasia im Wohnzimmer, wo sie gelangweilt durch die Fernsehkanäle zappten. Wohlgemerkt, dass Anastasia was Tim betraf auf Sicherheitsabstand ging. Moritz lag unter dem Couchtisch und spielte mit seinem Nintendo; Mira saß in Bademantel am Wohnzimmertisch und lackierte ihre Nägel. Und Susi und Stephen führten wohl den Streit fort, jedenfalls waren sie nach oben verschwunden. Es sah nach einem stinknormalen Freitagabend aus, bis aus dem ersten Stock ein Knallen zu hören war. Mira sah von ihren Nägeln auf. "Was war das?", fragte sie skeptisch. Anastasia zuckte mit den Schultern. "Die Kommode, schätze ich. Müssen wir eigentlich bei der Polizei aussagen, wenn Susi Stephen umbringt?" Henry lachte in sich hinein. "Ich setze auf Stephen", gluckste er. "Er kämpft mit seinem Übergewicht. Dagegen kann meine Mo nichts machen." "Alter", warf Tim ein. "Der kommt doch gar nicht dazu, sein Gewicht einzusetzen. So abgedreht wie die ist, bewahrt die da sicher 'n Hammer oder so auf." War klar, dass Tim auch auf Susi setzte, wenn Anastasia das tat. "Braucht die gar nicht", sagte Ana und zupfte an der weichen Decke, in die sie eingehüllt war. "High-Heels reichen, um Augen auszustechen." "Pff." Henry zeigte ihr einen Vogel. "Solche Dinger besitzt die doch gar nicht! Schon vergessen, dass sie Yogalehrerin ist? Die kann in den Dingern nicht laufen! Wenn die erst mal ihren Mutterschutz beendet hat, siehst du sie nur noch nackt oder in weißen Hosen in den übelsten Verrenkungen auf dem Boden sitzen. Ich setze immer noch auf Stephen." "Ich auch", pflichtete Frank ihm bei. "Ich meine - hallo?! Die Kommode ist umgeflogen! Die liegt da bestimmt schon drunter!" In dem Moment war ein Schrei zu hören und es knallte erneut. Diesmal klang es, als sei das Bett durch das Zimmer geflogen. Torben in seiner Wiege begann zu weinen. "Die klingt aber noch recht lebendig dafür, dass sie angeblich von der Kommode erschlagen wurde", murmelte Mira. Anastasia stand auf, um Torben aus seinem Bettchen zu nehmen. Unbeholfen warf sie ihn in ihren Armen hin und her und klopfte auf seinen speckigen Rücken. Der Kleine kam ganz nach seinem Vater - in ein paar Jahren würde er wohl ebenso viele Tonnen vor sich herschieben. Susi's Schreie wurden regelmäßiger; hinzu kam Stephen's keuchende Stimme. Jedes Mal, wenn Susi aufschrie, erklang ein dumpfer Knall. "Bah, Alter!", rief Henry. "Die sind ja krasser als im Porno!" Tim und Frank brachen in schallendes Gelächter aus. "Würde mich nicht wundern, wenn die die Wände ausgerissen haben." Anastasia schüttelte den Kopf. "Das ist ja abartig! Torben wird total verstrahlt." Doch statt weiterzuweinen, lächelte dieser auf einmal über das ganze Gesicht. Jedes Baby hatte Geräusche, die ihn beruhigten - bei Torben war es der wilde Sex seiner Eltern. Armer, kleiner Junge.

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"Die Kinder werden sich fragen, ob wir noch leben", japste Susi und angelte sich ihre zerrissene Bluse. "Die hat fünfzig Euro gekostet", maulte sie. Stephen lag auf dem Rücken, Arme und Beine erholt von sich gestreckt. "Ohne Bluse gefällst du mir viel besser." Susi lachte auf, ehe sie sich auf die andere Seite rollte und prompt aus dem Bett flog. "Aua", murmelte sie, als ihr Kopf auf den Boden knallte. "Ach Schatz", meinte sie dann, als sie sich aufgerappelt hatte. "Ach Schatz, Versöhnungssex hat doch echt einen Knalleffekt." "Im wahrsten Sinne des Wortes", kam es vom Türrahmen. Es war Anastasia, die Torben auf dem Arm hielt und sie von der Tür aus wütend anfunkelte. "Ich wusste ja gar nicht, dass ihr eure Möbel umgestellt hattet." Sie nickte auf das Bett, das mitten im Raum stand. Die Kommode stand noch an der Wand, doch ihr fehlten die Schubladen, welche überall auf dem Boden zerstreut lagen, kombiniert mit einzelnen, zerrissenen Klamotten. "Oh, deine Haare sehen aber hübsch aus", sagte Susi lächelnd. "Und deine sehen aus wie ein Heuhaufen", gab Anastasia zurück. "Ein Wunder, dass Stephen sie dir nicht ausgerissen hat", fügte sie bissig hinzu. Stephen, der inzwischen in seine Unterhose geschlüpft war, kam auf sie zu. "Ana", meinte er besänftigend, während er seine Hand nach ihr ausstreckte. "Fass mich ja nicht an! Ich will nicht wissen, wo die überall war!" Angewiedert sprang Anastasia zurück. Torben legte sie einfach auf den Boden. "Jetzt sei doch nicht so", meinte Susi gutmütig. "Es ist doch nichts dabei, wenn Eltern sich lieben. Wir leben euch guten Sex vor." "Ach ja?" Anastasia stemmte die Hände in die Hüften. "Und du willst ernst genommen werden, während du splitterfasernackt vor mir stehst? Und überhaupt: ihr lebt uns hier gar nichts vor! Ihr als Erwachsene Menschen müsstet einen Streit doch normal klären können, anstatt wie die Tiere übereinander herzufallen und um die Dominanz zu kämpfen!" Susi warf Stephen einen tadelnden Blick zu. "Wie hast du Ana denn erzogen? Mensch Mädchen, du musst offen sein für alles in einer Familie wie dieser!" "Mann, es wird doch wohl möglich sein, dass ihr euch demnächst ein bisschen leiser liebt! Und vor allem so, dass keine weiteren Schäden entstehen. Ihr habt sie ja nicht mehr alle, Mann, das ist vollkommen unnormal und abschreckend!" Henry, der am Zimmer vorbeikam, schlug sich die Hand vor die Augen. "Augenkrebs!", rief er und schnitt eine schmerzliche Grimasse. "Henry!", mahnte Susi, ehe sie sich wieder Anastasia widmete. "Und du hörst mir mal gut zu, Fräulein: wir leben hier nicht in einer Musterfamilie und hier hat jeder seine Macken. Du bist schließlich auch nicht perfekt, so neurotisch und aggresiv du bist. Aber wir akzeptieren dich, weil wir eine Familie sind und einen Ort der Geborgenheit schaffen wollen." "Geht's noch peinlicher?", fragte Anastasia, während sie die Augen verdrehte. Stephen, der Torben auf den Arm genommen hatte und ihn schützend an sich schmiegte, warf ihr einen erbosten Blick zu. "Mir ist gar nichts peinlich. Und das ist die Kunst des Lebens; dass man die Meinungen der anderen Leute ignoriert und das tut, was einem guttut", erklärte Susi lächelnd. "Total egoistisch", kommentierte Anastasia. "Du solltest mehr Zeit mit mir verbringen." Susi legte ihr den Arm um die Schulter. "Lass uns doch mal ein Eis essen gehen." Na super! Auch das noch!

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