Das Kapitel, in dem Anastasia nicht weiter weiß

4.1K 154 4
                                        

Mittwochmorgen, vor Schulbeginn, rauschte Mira auf den Eingang zu, umhüllt von einer Wolke Christina Aguilera Parfüm und dem wummernden Song 'Hey Brother' in den Ohren. Das Lied gab ihr eine gewisse Sicherheit und half ihr dabei, sich auf das einzige zu konzentrieren, was ihr im Moment wirklich wichtig war: Jerome. Sie hatte mit Ella besprochen, ihn bis zur Schulparty weitestgehend zu ignorieren, ihn aber an diesem einen Samstagabend im Sturm zurückzuerobern. Und mit der neuen Hoffnung auf ein Come-back fiel ihr das mit dem Ignorieren auch wirklich erschreckend leicht. 'What if I'm far from home, oh, brotherI will here you call! What if I lose it all, oh, sister I will help out!', brüllte Avicii in ihre Ohren, während sie zielsicher einen Fuß vor den anderen setzte. Sie wusste, dass bewundernde Blicke auf ihr lagen und sie wusste auch, wieso. Sie hatte sich herausgeputzt. Aber so richtig. Lederleggins, Stiefel mit gewaltig hohen Keilabsätzen, in denen sie für ihr Alter gewaltig gut laufen konnte und dazu Anastasia's pepper Trenchcoat. Und ja, sie  fühlte die Funken, die von Jerome zu ihr übersprangen, sie merkte an seinem Blick, wie er sie begehrte, wie er sie wieder liebte, direkt und auf der Stelle. Als sie neben ihm an der Eingangstür angelangt war, warf sie ihm ein knappes Lächeln zu, ehe sie die Hand auf das kalte Metall legte und zog. Aber die Tür bewegte sich kein Stück. Sie versuchte es mit Drücken, doch auch dabei blieb sie erfolglos. Aus den Augen sah sie, wie sich Jerome's braune Lippen bewegten, doch da Avicii in ihren Ohren noch immer seinen Hit zum Besten gab, war da gar kein Platz für andere Geräusche. Sie warf ihm einen knappen Seitenblick zu, ehe sie erneut mit aller Kraft an der Tür ruckelte. Gott, warum bewegte sich dieses Ding nicht? Und warum waren die Blicke, die auf ihr ruhten nicht mehr bewundernd, sondern spöttisch? Wieder bewegten sich Jerome's Lippen und Mira beschloss, ihr Schweigegelübde für zwei Sekunden zu unterbrechen. "Was?", fuhr sie ihn an, nachdem sie sich den einen Kopfhörer aus dem Ohr gerissen hatte. "Die ist noch abgeschlossen", erklärte Jerome mit schiefem Lächeln. "Sieht ganz so aus, als hätte unser Hausmeister mal wieder verpennt." Es dauerte eine Weile, bis Mira verstand, dass mit 'Die' die Tür gemeint war. Und damit war ja wohl auch klar, warum sie von allen Seiten ausgelacht wurde. Da legte sie hier einen Catwalk vom Allerfeinsten hin, nur, um sich dann durch ihre eigene Dummheit wieder alles kaputt zu machen. Wie scheiße die Welt doch war, wenn man das große Pech hatte, blond zu sein und man, wann immer ein Fettnäpfchen am Horizont auftauchte, Anlauf nahm, um bloß als erster drin zu landen. Peinlich  berührt griff sie sich in die Haare - die sie am Morgen zu einem aufwendigen Dutt zusammengefädelt hatte, den sie nun durch einen Handgriff zerstörte. Vermutlich sah sie nun aus wie ein gerupftes Huhn. Gott, täte sich bloß der Boden auf, um sie zu verschlucken!

                           ---------

Susi knallte das Marmeladenglas auf den Tisch und begann energisch, mit dem Messer in die Butter einzustechen. "Die ist doch vollkommen verrückt geworden, Stephen! Kauft sich ein Haus, ohne es vorher zu besichtigen! Was geht im Kopf dieser Frau nur vor?" Stephen schüttelte ahnungslos den Kopf. "Morgen", brummte Anastasia, die in dem Moment im Schlafanzug durch die Wohnzinmertür trat. Als sie Susi sah, wie sie ihr Brot beim Schmieren fast in Fetzen riss, legte sie verdutzt den Kopf schief. "Ganz ruhig, Susi. Reg dich ab, bevor du irgendetwas tun wirst, das du später bereuen wirst - spätestens dann, wenn du vor Stephen's Grab stehst." Susi's Kopf fuhr herum. "Warum bist du nicht in der Schule?" Anastasia nahm sich achselzuckend die Milch, während sie sich auf ihren Stuhl sinken ließ. "Ich habe erst zur dritten." "Ach, diese Kinder heutzutage, die lernen ja auch nicht, sich an irgendwelche Uhrzeiten zu gewöhnen, weil sie alle Nasen lang später oder früher zur Schule müssen! Schrecklich, was die Evolution aus uns gemacht hat." Susi riss ein Stück Schinken aus der Verpacken und pfefferte es auf ihr Brot. Derweil wechselten Anastasia und Stephen verwirrte Blicke. "Wovon redest du?",sprach Ana schließlich aus, was beide dachten. "Na, früher herrschte Disziplin, aber heute machen alle Schulen, was sie wollen. Das ist ganz falsch! Kein Wunder, dass Deutschland die Arbeitsplätze fehlen, dieses Land ist viel zu liberal, wir lassen ja alles durchgehen", rief Susi aufgebracht. "Das nennt man Demokratie", kommentierte Anastasia kopfschüttelnd und Stephen fügte vorsichtig hinzu: "Sag mal Schatz, kann es sein, dass du ein wenig gestresst bist?" "Ach papperlapapp!" Irgendwo im Haus fing Torben an zu weinen. Susi schleuderte ihr Messer in die Ecke und sprang auf. "Ständig schreit dieses Kind hier rum, kann der nicht mal Ruhe geben!? Wo hab' ich den überhaupt hingelegt?" Sie polterte mich hochrotem Kopf aus dem Raum. "Gott, hat die was genommen?", fragte Anastasia, die den Schraubverschluss des Tetrapacks geöffnet hatte und die Öffnung über ihre Tasse hielt. Heraus kam gelbliches Gebräu mit Stückchen; es roch entsetzlich. "Hat Susi von der Milch getrunken?", fragte Ana mit gerümpfter Nase. "Ich glaube, die hat sie in ihrem Kaffee." Stephen steckte seinen Kopf in die Zeitung. "Kein Wunder, dass die so drauf ist", bemerkte Anastasia. "Die Milch ist ja auch abgelaufen." Mit einem Mal fuhr Stephen hoch. "Ist es schon halbacht?" "Es ist sogar schon zwanzig vor." "Scheiße, mein Termin!", jammerte er und rang die Hände. "Mist, mein Meeting! Dabei ist der neue Film mit Schweighöfer so wichtig, kacke aber auch!" Er stiefelte schnurstracks in den Flur. Um seine Wut noch einmal zu demonstrieren, rief er erneut "Scheiße!" "Hey Hey!", machte Susi, die die Treppe mit Torben an der Brust herunterkam. "Nicht dieses Wort vor dem Kind." Stephen, der sich den Mantel überwarf, verdrehte gereizt die Augen. "Das Kind versteht doch sowieso nichts!" "Es ist eh schon total verblödet und verstrahlt", meldete Anastasia aus dem Wohnzimmer. "Bestimmt hat sich der Schock über die Hausgeburt irgendwo in seinem Hirn festgesetzt und-" "Sei leise!", riefen Susi und Stephen gleichzeitig. Trotzig steckte Ana ihren Finger ins Nutellaglas. "Aber der Stress ist nicht gut für das Kind." Susi musterte Stephen mit bemängelndem Blick. "Du hast die Krawatte übrigens falsch gebunden, Schatz. Wenn das so weiter geht mit dieser Hektik, können du und Torben in ein paar Jahren eine Vater-Sohn Rehabitationsklinik besuchen!" Stephen schnappte sich den Schlüssel vom Regal. "Du hast ja Fantasien", murmelte er. "Als ob ich mit sowas meine Zeit verschwenden würde!" "Aber er ist dein Sohn!", rief Susi. "Samstag wieder, okay? Ich muss los." "Du willst doch jetzt nicht wirklich fahren?" "Sehe ich so aus, als ob ich Witze mache? Nein? Gut, ich habe nämlich ein wichtiges Meeting." Susi starrte ihn fassungslos an. "Schweighöfer ist doch nicht wichtiger als unsere Familie!" Stephen verdrehte erneut die Augen. "Schatz, Mensch! Du hast doch eben davon geschwafelt, dass Deutschland mehr Disziplin braucht und Pünktlichkeit gehört nun mal dazu." "Außerdem kann er kein Geld verdienen, wenn er nicht arbeiten geht!", rief Anastasia dazwischen. "Halt die Klappe!", riefen Susi und Stephen. Anastasia sprang auf. "Gut, dann geh ich halt hoch, da nerve ich wenigstens keinen!" Mit gereckter Nase und dem Glas Nutella in der Hand zog sie zornig an den beiden vorbei. "Ja, aber das meinte ich in einem anderen Kontext!", zischte Susi. "Ich will nicht, dass du zu einem dieser Ekel-Ehemänner wirst, die sich nur am Wochenende für Kinder interessieren." "Wir sind noch nicht einmal verheiratet und du redest hier von Ekel-Ehemännern! Außerdem haben Ekel-Ehemänner nicht täglich mit ihren Frauen Sex!" "Na, vielen Dank für die Info!", brüllte Anastasia von oben runter. "Du sollst dich da raus halten!", schrien Susi und Stephen. Irgendwo im zweiten Stock knallte schließlich eine Tür. "In einer Beziehung geht es doch nicht nur um Sex!", wütete Susi. Stephen wedelte mit verzerrtem Gesicht in der Luft herum. "Was stinkt denn hier so?" "Das wird wohl Torben sein", schimpfte Susi. "Kein Wunder, wenn man ihm nicht die Windeln wechselt." "Das wird mir zu bunt hier! Ich fahre jetzt!" Mit gezücktem Autoschlüssel stürmte Stephen zur Haustür hinaus. "Tschüss, du Ekel-Ehemann!", brüllte Susi, ehe sie wütend den Fuß vor die Tür donnerte.

                           --------

"Mensch Ana! Ich hoffe, es ist wichtig. Weißt du, wie lange ich die Gunner überreden musste, mich auf Klo zu lassen?" Ella verriegelte die Toilettentür und ließ sich mit einem tiefen Seufzer auf das Klo sinken. "Tim liebt mich!", sagte Anastasia trocken. "Ja, ich weiß.  Das hast du mir gestern Abend schon erzählt, und zwar sehr ausführlich." Ella schnipste die Plastikhülle eines gebrauchten Tampons vom Klopapierhalter. "Ja, und ich kann es immer noch nicht fassen." Anastasia schmiss sich auf ihr Bett, nachdem sie einen großzügigen Happen Nutella verschlungen hatte. Ella verdrehte entnervt die Augen. "Ist es so schlimm, geliebt zu werden? Ich wäre froh, wenn mich jemand lieben würde." Anastasia gab ein verächtliches Schnauben von sich. "Nur weil du vier Wochen keine Beziehung mehr hattest, musst du nicht gleich Panik schieben." "Es waren fünf", korriegierte Ella. "Fünf dann eben, mein Gott!" Anastasia hängte ihr rotes Minikleid - wie auch immer es auf Mira's Bett gekommen war - in ihren Schrank zurück. "Aber du schiebst Panik, weil ein Junge in dich verknallt ist, oh mein Gott, die Welt geht unter! Kauf dir eine Pistole in Amerika und lauf' Amok!", meldete sich Ella mit sich überschlagender Stimme aus den Lautsprechern. "Ella, ich habe einfach keine Erfahrung. Außerdem ist er mein Freund. Selbst wenn wir zusammen wären, irgendwann wäre es aus und dann? Dann ist Krieg und ich bin sicher, Henry und Frank halten zu ihm und ich stehe wieder alleine da." "Das ist eine ziemlich miese Ausrede, Fräulein. Du hast nicht Schiss vor Krieg, du hast Schiss vorm Geliebt-werden und nicht zurück Lieben-können. Und davor, ausgenutzt und verarscht zu werden, wie bei Kai." Ella schaute auf die Uhr. "Ich muss zurück zu Deutsch, sonst fällt's auf. Denk mal drüber nach, wir reden später. Tschuss mit Kuss!" Und schon war sie weg und ließ Anastasia völlig allein in diesem Gefühlschaos. Warum musste ihre beste Freundin einem auch immer alles von den Augen ablesen können? Jetzt fühlte Anastasia sich noch schlechter.  Weil sie keinen Grund mehr hatte, Kai für seine Gefühle für sie zu hassen. Sie hatte einfach überreagiert mit der Rose und mit dem Anschreien und Ella hatte einfach recht. Sie fürchtete sich davor, dass sie erneut richtig auf die Nase flog. Warum musste ihr Scheißleben auch immer so kompliziert sein!?

                              --------

Mit einer Handbewegung schaufelte Henry seine Hefte in seine Tasche, nachdem der Gong ihn von einer quälend langsamen Englischstunde erlöst hatte. Frank saß irgendwo bei Frau Könich in einer Doppelstunde Chemie fest und Tim war gar nicht erst gekommen. Weder zum Frühstück, noch zur Schule. Ihm setzte Anastasia's Korb ganz schön zu, das wusste Henry. Schließlich war Tim sein bester Freund seit der Grundschule. Frank hatten die beiden erst auf der Weiterführenden kennengelernt. "Hi Henry", sagte eine raue Stimme hinter ihm. "Hä?", machte er und drehte sich um. Vor ihm stand ein Mädel, super gebaut, knapp 1, 70 groß,  mit wallender, roter Mähne. "Na, erinnerst du dich nicht?", fragte sie. "Nein", sagte Henry nach angestrengtem Überlegen. "Herbstferien, die eine Nacht. Du hast mich rausgeworfen." "Richtig." Henry nickte, während er rot anlief. Da fiel ihm auf, dass sie die letzte gewesen war, die er abgeschleppt hatte. Krass, er war ja richtig auf Entzug! Obwohl... er hatte irgendwie auch keine Lust auf Mädels und Sex. Jedenfalls nicht im Moment. "Ich hab heute sturmfrei", hörte er die Rothaarige flüstern, bevor er seine Sachen nahm und einfach an ihr vorbeiging. Er musste sich beeilen, immerhin war er in zehn Minuten mit Stephen in dessen Büro verabredet. Es war nicht weit weg von der Schule, aber auf die Bahn war schließlich nicht immer Verlass. "Hey!", rief die raue Stimme ihm hinterher, aber er war schon aus dem Gebäude verschwunden.

Wenig später stand er vor einem Hochhaus aus Glas, bestimmt 20 Stockwerke oder so. Wie sollte er Stephen da bloß finden? Ein Glück, dass es Handys gab. Schnell hatte er seinen Stiefvater angerufen, der sich mit gehetzter Stimme am anderen Ende der Leitung meldete. "Hoppe hier." "Hi. Hier ist Henry." "Ach, mein Großer, gut, dass du anrufst! Ich bin in drei Minuten unten."

*********************

Joa, Scheißende, aber ist ja auch egal nh? :DD Freue mich wie immer riesig über eure Kommis und Votes, also seid bitte so lieb... ♥

Achtung Patchwork!Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt