Das Kapitel mit dem schlechten Ende

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Ihre Familie nannte es "Entscheidungen treffen", aber für Anastasia traf der Name "Horror" es so ziemlich auf den Punkt. Bis auf Mira, Moritz, Henry und Tim saßen sie alle am Wohnzimmertisch und versuchten, Anastasia ins Gewissen zu reden, da Kai's Nase noch immer nicht aufgehört hatte zu bluten und er nun mit einem Kühlakku im Nacken und einem Handtuch vor dem Gesicht im Sessel hing. Wenigstens konnte er so nicht reden... Ella war die einzige, die sich für Ana einsetzte und sie in den Schutz nahm. "Was machen wir denn nun mit euch?", fragte Susi und zog dabei ein Gesicht, als hätte sie Zahnschmerzen. "Ich bleibe eine Woche hier", sagte Ella. "Du hast Schule", warf Anastasia ein. "Nein, wie soll ich denn Schule haben, wenn ich hier bin?" "Du solltest aber zur Schule gehen." Ella berdrehte die Augen. "Sei doch nicht so spießig, Ana! Ich brauche eine kurze Pause." Okay, kurzes Brainstorming. Wenn Ella eine Woche hier wäre, welche Folgen würde das dann für Anastasia haben? Da ihr im Moment nur Positives einfiel, nickte sie. "Und was ist mit Kai?", fragte sie schließlich. "Der kann auch hier bleiben." Stephen knallte seine Tasse auf den Tisch, dann rieb er beide Hände aneinander. "Ich habe den Jungen doch so lange nicht gesehen. Und wir waren immer gute Freunde." Und sowas nannte sich Vater! Anastasia ließ unter weinerlichem Aufschreien ihren Kopf auf die Tischplatte fallen. Ella legte ihr einen Arm um die Schulter. "Das kannst du nicht machen, Stephen!", zischte sie. "Ana ist an diesem Spasti zerbrochen!" Stephen zuckte die Achseln. "Dann hättest du ihn nicht mitbringen dürfen!" "Er stand mitten in der Einfahrt. Er hatte sogar einen Schlafsack dabei, um die Nächte dort zuzubringen. Ich hätte ihn umfahren müssen, um ohne ihn hier aufzulaufen." "Anastasia muss mit dem Jungen abschließen, um wieder für neue Gefühle bereit zu sein. Lassen wir ihn hier." "Ich dachte, du bist Motivatonstrainerin", murnelte Anastasia gekränkt. Susi lächtelte sie an. "Oh, nur an Samstagen, Liebes." "Heute ist  Samstag." "Aber ich bin noch im Mutterschutz." Mutterschutz. Tierschutz. Alles wurde geschützt. Konnte nicht auch ein Ex-Freundinnenschutz gegründet werden? "Komm mal kurz mit", sagte Susi an Ana gewandt, welche erschrocken nach Luft schnappte. Dann stand sie jedoch auf und ging zur Tür. "Aber bitte nicht im Hauswirtschaftsraum", meinte sie. "Da stinkt's."

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Henry und Tim saßen im Garten auf der alten Liege hinter dem Kompost, wo sie damals mit Anastasia gesoffen hatten. Auch jetzt hielten beide eine Dose Bier in der Hand. "Ihr tut also so, als wie ihr zusammen wärt", schlussfolgerte Henry. "Als ob", korrigierte Tim, dann nickte er. "Ja genau. Damit dieser Hurensohn sie nicht abbekommt." Henry legte gedankenverloren die Stirn in Falten. "Die hat den K.O geschlagen. Nie im Leben lässt die sich noch einmal auf ihn ein." "Mich hat sie auch mehrmals K.O geschlagen", warf Tim ein. "Und trotzdem hatte ich immer gehofft, sie würde mich irgendwann nehmen." "Träum weiter." Henry lachte auf. Schließlich hielt er die Dose hoch. "Prost."

Sie wollten gerade den ersten Schluck nehmen, als ein Umzugswagen mit mindestens 80 kmH um die Ecke gebrettert kam und die Mülltonnen umfegte, die am Straßenrand standen. Die Frau hinterm Lenkrad hatte schwarzes, kräuseliges Haar, in welchem eine riesige, pinke Blume steckte. Sie sprang auf dem Sitz auf und ab wie ein Presslufthammer. Doch der Zusammenstoß mit den Mülltonnen hielt sie nicht davon ab, weiterhin zu rasen und keine drei Sekunden später schlenkerte der Wagen durch den sorgfältig bepflanzten Vorgarten der Nachbarn von gegenüber. "Hat die getrunken, oder was?", fragte Tim amüsiert. Henry jedoch hatte keinen Grund zum Lachen. Diese Frau war die Cousine seiner Mutter, die allerschrecklichste Frau auf der Welt. Mareike. Mareike rollte inzwischen quer über die Straße, um kurz danach vor eine Laterne zu knallen. Die Personen im Wagen flogen bei diesem akuten Bremsen beinahe gegen die Scheibe. Fassungslos betrachtete Henry die Spur aus Pizzakartons, Erde und Tulpen, die sie auf der Straße hinterlassen hatte. "Hier gilt Schrittgeschwindigkeit!", brüllte er von der Liege aus. "Was?" Mareike kurbelte das Fenster runter. "Schrittgeschwindigkeit!", rief er, so laut er konnte. "Ficken!", schrie Mareike und zeigte ihm den Mittelfinger. "Alter, ist die irre?", sagte Tim erschrocken. "Junge, das ist meine Großcousine, Tante, Oma, was auch immer", erklärte Henry hastig. "Die hat richtig eine weg, fuck, Alter!" Dann ließ er vor lauter Schock sein Dosenbier fallen, langsam suchte sich die schäumende, braune Flüssigkeit ihren Weg durchs Gras.

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Anastasia lag mit verschränkten Armen auf ihrem Bett, während Susi auf sie einredete. Mira stand in der anderen Zimmerhälfte, probierte die verschiedensten Schuhe durch und summte fröhlich Katy Perry's 'Teenage Dream'. "Ich habe bereits mit diesem Jungen abgeschlossen!", sagte Anastasia mittlerweile zum x-ten Mal. "Wie es aussieht ja nicht", sagte Susi, "wenn du mit ihm abgeschlossen hättest, könntest du ganz normal mit ihm reden, ohne auf ihn loszugehen. Jetzt aber hast du den Drang, ihn zu schlagen, du bist sauer, und das beweist, dass ihr euch noch nicht ausgesprochen habt." Es konnte sein, dass Susi recht hatte, aber nachgeben wollte Ana auf keinen Fall. Wenn sie Kai einfach vor die Tür setzten, brauchte sie nichts mit ihm klären und musste ihn, wenn es gut lief, auch nicht wiedersehen. "Ich denke, dass Anastasia noch Gefühle für ihn hat und deswegen nicht will, dass er bleibt", mischte Mira sich ein. Inzwischen trug sie ein weißes Top, darüber einen weinroten, knielangen Rock und Anastasia's weiße Converse, die sie am Morgen per Waschmaschine durch den Schleudergang geschickt hatte. "Ich bin mit Tim zusammen!", schrie Anastasia aufgewühlt. "Ja, und die Erde ist eine Scheibe", kicherte Mira. Susi sah Ana streng an. "Kläre das mit Tim. Danach gehen wir ein Eis essen." "Ich will kein fucking Eis!", brüllte Anastasia, "und ich werde gar nichts klären!" Draußen ertönte ein lautes, metallisches Geräusch. Susi blickte seufzend zum Fenster. "Die Nachbarn von gegenüber reparieren bestimmt wieder den Rasenmäher." Schließlich schüttelte sie den Kopf und stand auf. "Überleg dir das, Ana." Anastasia blitzte sie wütend an, ehe sie den Zeigefinger hob und ihn zur gegenüberliegenden Wand zeigte. "Tür." Susi verließ mit einem schnippischen Luftschnappen den Raum. Kaum war sie draußen, platzte Ella hinein, deren erster Blick Mira galt. "Sieht super aus." Ella hob den Daumen. "Viel Glück auf der Party." "Ja, viel Glück", brummte Ana schlecht gelaunt. "Hau Jerome eine von mir rein, wenn du ihn siehst. Und schick ihn zum Mond, wenn er dich angräbt." Ella und Mira wechselten einen vielsagenden Blick, ehe Mira zur Tür hinaus rauschte. "Ach Mäuschen", murmelte Ella und schlang ihre Arme um Anastasia. Unten klingelte das Telefon und wenig später hörten sie Susi schreien:"Das Krankenhaus hat angerufen! Moritz hatte einen Unfall." "Wer ist Moritz?", wollte Ella wissen. "Mein Bruder." Draußen brüllte Henry:"Mareike ist da!" "Und wer ist Mareike?", fragte Ella. "Keine Ahnung", murmelte Ana, doch zwei Sekunden später saß sie senkrecht im Bett. "Das ist Susi's beschissene Cousine!" 

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Mira nippte an ihrem Glas Cola, stellte es zurück auf den Thresen und schwang ihre Beine zur Tanzfläche. Heute war es so weit. Heute würden sie und Jerome endlich wieder das glücklichste Paar der Schule werden. Würden gemeinsam Mathe schwänzen. Würden sich mit Schokokuchen füttern. Würden in ihre eigene Traumwelt fliehen. Sie begann, sich im Takt der Musik zu bewegen, ließ ihre Hüften kreisen, schwang Arme und Beine umher. Ihr Lockenkopf sprang dabei auf und ab. Doch wirklich beim Tanzen war sie nicht. Ihre Augen suchten Jerome - wo steckte er bloß. Nach einiger Zeit tanzte sie zu seinen Freunden, die an der Wand standen, auf ihre Handys starrten und das Treiben ignorierten. "Wo ist Jerome?", fragte Mira außer Atem. Einer der Jungs - sie meinte zu wissen, dass er Lars hieß - sah zu ihr auf, machte ein unverständliches Gesicht und zeigte auf seine Ohren. Die Musik war zu laut. "Ob ihr wisst, wo Jerome ist!", rief Mira über den Bass hinweg. "Krank!", rief Lars zurück. "Krank?", wiederholte Mira ungläubig. Lars nickte.

Die Musik nahm sie nicht mehr wahr, als sie zum Ausgang taumelte. Beim Öffnen der schweren Tür schlug ihr die kalte Herbstluft entgegen. Sie würden nicht zusammen kommen, nicht heute. Alles war umsonst. Dieses ganze Outfit- völlig umsonst. Noch nie hatte Mira sich so verarscht gefühlt.

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