Am Samstagabend nach dem Essen versammelte sich die ganze Familie zum Fernsehen im Wohnzimmmer. Gut, nicht die ganze Familie. Mira war noch mitten im Hauptgang gefahren, damit sie pünktlich zu ihrem Date mit Jerome kam und Torben lag schon im Bett, aber sonst waren alle vollständig. Anastasia lümmelte sich in einem Ganzkörperanzug aus Polyester auf dem Sofa, während Moritz und Henry sich um die Chipsschüssel stritten. Stephen zappte durch die Kanäle, bis er auf WDR eine Talkshow fand, die er laufen ließ. Susi gähnte herzhaft. Henry deutete aufgeregt auf den Flachbildschirm, auf dem eine hüsche Frau mit goldener Mähne gerade auf dem hellen Sofa Platz nahm, auf dem alle Kandidaten saßen. "Die kenne ich!", rief er mit geröteten Wangen. Anastasia warf ihm einen schrägen Seitenblick zu, sagte aber nichts. Der Sprecher der Talkshow räusperte sich. "Na, dann erzählen Sie doch mal von Ihrer Karriere als Pornostar, Frau Sheilan." Die Blonde aus dem Fernsehen warf ihre Mähne zurück und klimperte mit den Wimpern, während Henry nur noch röter wurde. "Oh." Wie peinlich. Da prahlte er damit, dass er die Tussi aus der Talkshow kannte und dann kam sie aus irgendeinem Porno, den er mal geguckt hatte. Aber zum Glück sagte seine Familie nichts. Punkt für ihn. "Mach das weg, Schatz", meinte Susi zu Stephen und verdrehte die Augen. "Auf dem Ersten läuft eine ganz süße Schnulze. Henry kann uns auch morgen noch von der Pornokarriere von Frau Sheilan erzählen." Sie zwinkerte ihrem Sohn durchtrieben zu. Verdammt, sie hatte also doch mitbekommen, was er gesagt hatte. Henry wäre am liebsten im Boden versunken. "Linda kann das bestimmt auch", sagte Anastasia und räkelte sich auf dem Sofa. "Ist bestimmt ihr großes Vorbild oder so. Nicht, Vater?" Sie warf Stephen einen vernichtenden Blick zu. Er durfte wohl froh sein, dass sie es überhaupt im selben Raum mit ihm aushielt... Henry drehte sich reichlich irritiert zu ihr um. "Hä? Was willst du damit andeuten, Alter? Linda will wirklich Nutte werden? Ich dachte ja, das war heute morgen alles nur ein Scherz." "Weil wir ja auch alle so gelacht haben", sagte Susi und nahm ihm die Chipsschüssel aus der Hand. "Mensch, Sohnemann. Manchmal bist du ganz schön schwer von Verstand." "Ach du Scheiße!", keuchte Henry auf, während er Anastasia abwartend anstarrte. Sie starrte lange zurück, ehe sie ihm eine Grimasse schnitt. "Hab ich Scheiße im Gesicht, oder warum guckst du mich so dämlich an? Vogel." Er bedachte sie mit einem letzten verständnislosen Seitenblick, dann wandte er sich wieder dem Fernseher zu, wo ein mittelaltes Pärchen gerade Sex in der Dusche hatte. "Könnt ihr das nicht in Ruhe klären?", bat Moritz. "Ich will den Film gucken." "Ist ja auch so eine spannende Stelle", blaffte Anastasia ihn an, erhob sich aber dennoch vom Sofa. "Was soll's. Ich gehe Nutella löffeln und zieh mir Celine Dion rein, bis ich keine Tränen mehr habe. Eat, pray, love ohne love sozusagen." Schulterzuckend schlurfte sie Richtung Tür. Doch so einfach wollte Henry sie nicht davonkommen lassen. Sie sprachen hier immerhin von der Ex seines besten Freundes und er musste für klare Verhältnisse sorgen, wenn er die Beziehung verstehen wollte. "Ich muss mal", murmelte er, rutschte vom Sofa und folgte Anastasia in den Flur. Als sie gerade die erste Treppenstufe in Angriff nehmen wollte, packte er sie am Handgelenk und drängte sie in den Hauswirtschaftsraum. "Sonst noch Probleme?", fragte Anastasia geladen, während sie sich die schmerzende Hand hielt. Bevor sie weglaufen konnte, drückte Henry sie gegen die Wand und stützte sich mit beiden Armen an der Seite ihres Kopfes ab, sodass sie gar keinen Ausweg finden konnte, selbst wenn sie wollte. "Was ist eigentlich dein beschissenes Problem?", zischte er. Anastasia schossen augenblicklich Tränen in die Augen, auch wenn sie das selber niemals zugegeben hätte. "Hallo, Locco! Ich rede mit dir!" Langsam hatte er ihr neurotisches Verhalten satt. Er wollte Klartext und zwar jetzt! Das war sie ihm schuldig, auch wenn er selber nicht so genau wusste, wofür. Er hatte einfach im Gefühl, dass er lange genug den lieben Bruder gespielt hatte. Anastasia rieb sich das kleine Näschen. "Okay, wir machen es kurz und schmerzfrei, ja? Ohne großes Tam-Tam. Ich falle jetzt einfach mal mit der Tür ins Haus." "Dann fall endlich." Henry verdrehte ungeduldig die Augen. Er hasste es, wenn sie ständig um den Brei herumsprach, anstatt direkt zum Punkt zu kommen. Sie schloss die Augen und holte tief Luft. "Alles klar. Linda ist eine Nutte. So 'ne richtige. Ich hab sie gestern in ihrem Laden besucht, ich weiß also, wovon ich rede. Tim wusste das auch und er hat sie engangiert und sie dafür bezahlt, nur um mich eifersüchtig zu machen." Anastasia drückte mit beiden Fäusten vor Henrys Brust. "Und jetzt lass mich endlich los. Ich bekomme ja keine Luft mehr." Henry, dem gar nicht aufgefallen war, wie sehr er sie tatsächlich gegen die Wand gedrängt hatte, wich sofort ein Stück zurück. Ein Stück zu weit, denn Anastasia riss laut schluchzend die Tür auf und rannte die Treppen hinauf. "Hey!", rief er und lief so schnell er konnte hinterher. "Jetzt chill' doch mal!" Er folgte er bis auf ihr Zimmer, wo sie sich hysterisch heulend auf ihr Bett geworfen hatte. "Er ist ein Lügner!" Sie prügelte so lange auf ihr Kissen ein, bis sie keine Kraft mehr hatte und einfach nur noch weinte, wie heute Morgen im Bad. Henry setzte sich zögerlich auf ihre Bettkante und streichelte ihren Rücken. Zum Glück kannte er sich ein bisschen mit Mädchen aus, seine kleine Schwester war schließlich selber eines. "Aber es ist doch auch total lieb von ihm, meinst du nicht?", startete er nach einer Weile einen vorsichtigen Versuch. Zwar war er aus allen Wolken gefallen, als Ana mit dieser Information ins Haus gefallen war und er hätte auch irgendwie erwartet, diese Sache von Tim selber und nicht von ihr zu erfahren, aber was sollte er schon machen? Mit Anastasia über Tim abzulästern, würde keinem hier etwas bringen. Außerdem musste er seinem Kumpel irgendwie den Arsch retten, denn so wie Anastasia sich aufführte, fand sie ihn im Moment wirklich schrecklich. "Er hatte immerhin einen richtigen Plan und das alles nur für dich..." Er schaute so aufmunternd wie möglich auf sie herab. Tatsächlich beruhigte Anastsia sich ein wenig, jedenfalls wurde sie nicht mehr so geschüttelt, sondern schluchzte leise vor sich hin. "Schon, aber ich habe mit einem Mal das Gefühl, ihn nicht zu kennen. Ich meine, er hätte mich ja auch einfach nur fragen müssen! Er hätte nicht uns alle verarschen müssen, um das zu erreichen, was er jetzt hat." Henry seufzte. "Ein Junge kann schon mal überreagieren, wenn er ein Mädchen mag. Und er hat ja wohl eindeutig bewiesen, dass er alles für dich tun würde." "Ich will aber nicht das Ergebnis von dieser Nutten-Geschichte sein", meinte Anastasia düster, ehe sie beherzt in das Tuch in ihren Händen schnäuzte. "Wie muss Linda sich vor allem fühlen?" "Seit wann interessierst du dich denn für die Gefühle dieser Schlampe?", wollte Henry aufrichtig verblüfft wissen. Ana wiegte ihren Kopf hin und her. "Na ja... Sie war so nett zu mir, dabei muss sie mich wirklich hassen. Ich meine - hallo? Ich habe ihr den Kerl weggeschnappt. Ich habe das Gefühl, dass ich ihr etwas schuldig bin und wenn ich weiterhin Friede, Freude, Eierkuchen mit Tim spiele, dann komme ich mir wie eine Verräterin vor. Was denkst du?" "Ich denke, du denkst zu viel", seufzte Henry und raufte sich die Haare. Er wollte noch mehr sagen, wurde aber von Mira unterbrochen, die urplötzlich mit einem Teufelsgrinsen im Gesicht ins Zimmer platzte. "Leute", quietschte sie. "Ihr werdet es nicht glauben, aber Jerome hat - Ana! Ist es wieder so weit? Wir hatten das Thema doch erst heute Morgen noch." Sie blickte ihre Halbschwester vorwurfsvoll an, während sie den Lichtschalter betätigte, sodass Anas Gesicht noch schrecklicher aussah. Anastasia seufzte. "Ich kann das Thema trotzdem nicht vergessen. Und Henry weiß jetzt auch davon." Mira ließ den Kopf hängen. "Mensch, Ana! Das war die schlimmste Entscheidung, die du in der Hinsicht treffen konntest! Der ist immerhin Tims Bester. Wir können ihm nicht vertrauen." "Hallo", sagte Henry betont fröhlich. "Ich kann hören, schon vergessen?" Mira verdrehte nur die Augen und begann sich aus ihrer Jacke zu schälen. "Wie ich dir schon gesagt hab, Ana - du musst das hinter dich bringen. Am besten gleich Montag." Anastasia ließ traurig ihren Kopf auf das Kissen zurücksinken. "Ich bin absolut nicht bereit für dieses Gespräch." "Gut", meinte Mira, während sie ihre schlammigen Schuhe achtlos unter's Bett kickte. "Dann ist das jetzt der beste Zeitpunkt dafür. Wenn du bereit bist, ist es nämlich schon zu spät." "Mira", sagte Henry ruhig. "Ich will mich da ja wirklich nicht einmischen, aber dieser Satz hat null Sinn gemacht." "Er klang aber weise. So ein Spruch, der später mal in jedem Geschichtsbuch stehen wird." Sie bekam einen verträumten Gesichtsausdruck, was unmöglich an ihrem Satz liegen konnte, sondern in Verbindung mit ihrem Date stehen musste. Henry runzelte die Stirn. "Was guckst du so? Hat Jerome dir ein Kind gemacht?" Mira schnitt ihm eine Grimasse. "Garantiert nicht, du Ekel! Aber es war trotzdem schön..." "Gut", meinte Henry erleichtert. "Ich hätte auch echt Angst, wie dieses Kind aussähe... ist sein Sperma überhaupt weiß?" Anastasia stöhnte leise auf. "Leute - echt! Ich habe Verständnis für diese Diskussion, aber ich bereite mich mental gerade auf den schwersten Schritt in meinem Leben vor. Wenn ihr mich also nicht mit intimen Streitthemen wie diesen verstören würdet, wäre ich euch sehr verbunden." "Ich gehe eh wieder runter", sagte Mira achselzuckend. "Ist ja nicht auszuhalten hier." Sie machte auf dem Absatz kehrt und rauschte wieder zur Tür hinaus, wobei sie alle Verliebtheit wieder mitnahm und Ana allein in ihrem Gefühlschaos zurückließ.
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Achtung Patchwork!
HumorGroßfamilie? Nein danke! Zumindest in den Augen der siebzehnjährigen Anastasia, die ein ganz idyllisches Leben in Köln, allein mit ihrem Vater führt. Doch von heute auf morgen findet sie sich in einem Düsseldorfer Neubaugebiet wieder und soll ab sof...
