Das Kapitel mit dem Vorspiel am Frühstückstisch

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"Mareike, was hab ich nur für Eltern?", fragte Susi, den Tränen nahe. Sie saß mit ihrer Cousine auf der Couch, trank Espresso und wartete, dass Rosalie und Stephen in der Küche zuende geredet hatten. "Na ja, sie sind ziemlich erfolgreich." Mareike zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck Espresso. "Ach, das waren sie. Jetzt leben sie von den Zinsen ihrer Millionen-Kontos und verkaufen Aktien. Sie könnten mir ruhig mal ein bisschen davon abgeben!" Susi starrte verächtlich und enttäuscht vor sich hin. Nachdem sie Moritz und Torben ins Bett gebracht hatte, konnte sie endlich durchatmen. Es war nicht gut, wenn die Kinder in diese ganzen Konfliktsituationen involviert waren. Das färbte ganz schnell ab. "Versteh' mich bitte nicht falsch, aber auf mich macht es nicht den Eindruck, als wollte deine Mutter dich auch nur in irgendeiner Weise unterstützen", sagte Mareike in versöhnlichem Ton. Dann legte sie die Füße hoch und stellte ihre Tasse weg. Susi seufzte abgrundtief. "Mein Vater würde, wenn er könnte. Wo ist er überhaupt. Ernst?", schrie Susi und drehte suchend den Kopf. Als sie aufstehen wollte, drückte Mareike sie ins Sofa zurück. "Lass, Darling. Du musst doch auch mal relaxen." "Mareike, ich habe mit der Liebe meines Lebens eine Patchworkfamilie gegründet, die in diesem Neubaugebiet den sozialen Brennpunkt darstellt. Entspannen ist jetzt nicht mehr!" Susi warf ihr Haar zurück und sah zur Küchentür. Sie hörte lediglich gedämpfte Stimmen und die Schuhe ihrer Mutter, die die Fliesen auf und ab liefen. Sie zuppelte unruhig an dem Zipfel eines indischen Kissens. "Ganz wohl ist mir bei dem Gedanken, dass die dadrin alleine sind, nicht", murmelte sie. Mareike verdrehte die Augen. "Darling, du bist viel zu verspannt! Es wird Zeit, dass du wieder mit arbeiten anfängst und dieses horrible house hinter dir lässt." Irgendwo pfiff der Wind durch ein offenes Fenster und ließ eine Tür zuknallen. Susi starrte ihre Cousine empört an. "Mensch, Mareike, du kannst manchmal so widerlich sein wie deine Affäre mit deinem Chefarzt!", zischte sie. Mareike strich ihr grau-schwarzes Lockenhaar zurück. "Shut up, honey! Den Kerl hab ich hinter mir gelassen. Aber ich brauche unbedingt wen Neues..." Ihr Blick schweifte gelassen durch den Raum, sie schien sich überhaupt nicht für ihr unmoralisches Leben zu schämen. Susi schnappte nach Luft. "Wie wäre es denn, wenn du mal wieder mit deinem Ehemann schlafen würdest?" Sie drehte eine blonde Strähne um ihren Finger und zog eine Augenbraue in die Höhe. "Jochen ist so schrecklich slow im Bett. Da kann's mir ja ein alter Esel besser besorgen!", sagte Mareike und lachte auf, als wäre alles ein riesengroßer Spaß. Sie musste nach ihrer Gehirnerschütterung wirklich in die Pubertät zurückgekehrt sein. "Mareike, das ist ja furchtbar!" Susi schüttelte den Kopf, legte ihrer Cousine dann aber mitfühlend eine Hand auf's Bein. "Wenn es sexuell nicht mehr funktioniert, solltest du Jochen vielleicht verlassen." Mareike lachte wieder auf, diesmal spöttisch. "Ich brauche ihn für's Geld", winkte sie ab. Susi klappte die Kinnlade herunter. "Du bist wirklich ein asozialer Mensch", fuhr sie Mareike an, die hilflos die Hände rang. "Susi, wir Hebammen verdienen nun mal nicht so viel! Jeden Monat schaue ich auf mein Gehalt und denke, ich habe meinen Beruf zum Hobby gemacht." Susi beobachtete nachdenklich eine einsame Ameise, die das Bein des Couchtisches emporkrabbelte. "Hm", machte sie schließlich. "Bist du sicher, dass Hebamme der richtige Beruf für dich ist?", fragte sie vorsichtig, bevor ihre Cousine an die Decke gehen konnte, welche heftig nickte. "Auf jeden Fall. Kinder sind mein Leben." ... Wahrscheinlich, weil sie selbst noch eines war. "Und warum hat sich deine Tochter dann in die völlig falsche Richtung entwickelt?", fragte Susi weiter, diesmal sicherer. Was Annabell anbelangte, konnte man sich nur sicher sein: Sie ging sowas von gar nicht klar! Susi schüttelte unbewusst den Kopf. "Hey, sag nichts gegen meine Tochter, solange dein Sohn Frauen aufreißt und auf der Autobahn des Lebens als Geisterfahrer herumschleicht!", rief Mareike. Susi runzelte die Stirn. "Was Henry tut, ist im Grunde gar nicht mal sooo falsch. Immerhin weiß er später, was guter und was schlechter Sex ist und er sammelt eine Menge körperliche Erfahrungen." Sie bearbeitete mit den Fingern den Henkel ihrer winzigen Tasse und sah Mareike eindringlich an, die im selben Moment aufstand. "Ich geh rüber. Dein Talking wird mir ein bisschen zu intellektuell. Bye!" Sie schnappte ihre Jeans-Clutch und lief zur Haustür. "Ich vergaß, dass bei deinem Unfall damals ein paar Gehirnzellen abgestorben sind!", rief Susi ihr entschuldigend hinterher. Mareike drehte sich um, um ihr eine Kusshand zuzuwerfen. "Love you, Darling!" Kurz darauf war sie hinaus gegangen. Das war der Vorteil an Mareike: Sie war null nachtragend. Susi stellte ihr Tässchen weg und ging hoch, um sich bettfertig zu machen. Ihre dreiste Mutter konnte den Weg zur Tür wohl selber finden.

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