Nur mit großer Mühe und Überwindung schälte Anastasia sich am Mittwochmorgen aus ihren Decken. Am liebsten wäre sie natürlich im Bett geblieben, was es ihr nicht leichter machte, sich tatsächlich für die Schule fertig zu machen. Immerhin hatte sie in diesem Jahr noch kein Mal gefehlt und die wichtige Klausurphase stand erst in ein paar Wochen an - da konnte es sie sich ja wohl leisten, einmal nicht zu erscheinen. Sie konnte Stephen erzählen, sie hätte Migräne, dann würde sie sogar entschuldigt werden. Doch Ana schüttelte energisch den Kopf und schwang ihre Beine entschlossen über den Bettrand. Sie musste Tim gegenübertreten, auch wenn sie dazu nicht annähernd bereit war. Aber wer sagte ihr, dass sie das morgen wäre? Die Konfrontation mit dem schlechten Gewissen und der fehlenden Erklärung ihm gegenüber ließ sich höchstens verschieben, nicht verhindern. Und wie sagte man so schön? Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.
Schwer seufzend zog Anastasia ihre Vorhänge zur Seite und ließ die Rollos hoch. Schließlich drehte sie sich ihrem Kleiderschrank zu, um sich ein passendes Outfit für den heutigen Tag auszusuchen. Sie musste unbedingt unschuldig aussehen, also am besten helle Farben mit sorgenlosen Blümchenmustern. Vielleicht würde sie auch den roten Haarreif tragen, der einst ihrer Mutter gehört hatte, um die Ehrlichkeit und das Mädchenhafte zu unterstreichen, das sie heute vortäuschen wollte. Tims einfältiges Denkmuster musste doch irgendwie zu manipulieren sein, Herrgott nochmal! "Morgen", gähnte Mira von ihrer Seite des Zimmers aus, ehe sie sich noch einmal im Bett umdrehte. Die Mädchen hatten noch zehn Minuten Zeit, bis sie offiziell aufstehen mussten, aber an Schlaf war für Anastasia seit drei Uhr morgens nicht mehr zu denken gewesen. "Morgen", erwiderte sie mürrischer als beabsichtigt, während sie eine blütenweiße Bluse mit leichten Puffärmelchen und Perlenkragen vom Bügel nahm. Mit einem zufriedenen Lächeln warf sie das Teil auf ihr Bett und suchte nach einer Hose, die sie mit der Bluse kombinieren konnte. Recht schnell fand sie eine beige-farbene Jeans mit Glanzeffekt, die sie in einem kleinen portugeisischen Laden bei ihrem letzten Sommerurlaub gekauft hatte. Damals war sie noch mit ihrem Vater allein gewesen. Sie hatten einen gut durchstrukturierten Lebensplan verfolgt, eine tägliche Routine voller Harmonie und Liebe. Jetzt meinte sie, Stephen nicht mehr wiederzuerkennen in diesem Großfamilienchaos. Aber sie war nicht traurig, nein, das war das falsche Wort. Ihr Leben war damals vielleicht sorgenfreier gewesen, dafür aber umso langweiliger, und sie gönnte ihrem Vater das endliche Glück. Einer von ihnen musste ja derjenige sein, der sich für die Träume des anderen opferte. So redete sie sich das jedenfalls ein, um nicht vollkommen in Kummer zu versinken.
Mira richtete sich jetzt ebenfalls auf, um mit kleinen Augen dabei zuzusehen, wie Anastsia in die Bluse schlüpfte und die Jeans überzog. "Wow", meinte Mira tonlos. "Plötzliche Stilumwandlung über Nacht?" "Haha." Ana schnitt ihrer kleinen Stiefschwester eine Grimasse, ehe sie in einer Schublade nach dem Haarreif ihrer Mutter kramte. Als sie ihn gefunden hatte, trimte sie ihr dunkles Haar auf einen braven Seitenscheitel und drapierte den Reif mit größter Zuversicht. So sah sie aus wie die Annika bei Pippi Langstrumpf und braver ging es ja wohl nicht. "Ich trete doch heute Tim unter die Augen", meinte sie schließlich und zuckte die Achseln. "Ich dachte, wenn er mich in diesem Fummel sieht, reagiert er vielleicht... gemäßigter." "An der Tatsache, dass du gestern grundlos mit ihm Schluss gemacht hast, ändert diese Bonzen-Bluse aber auch nichts", meinte Mira und unterdrückte ein Gähnen. "Ich habe sehr wohl Gründe für diese Trennung", empörte sich Anastasia, während sie einen Arm in die Seite stemmte. Grundlos Schluss machen und dann auch noch mit jemandem wie Tim, so weit kam's noch! So tief musste sie erst einmal sinken. Sie hätte diesen Jungen niemals einfach so aufgegeben und nach fünf läppischen Tagen erst recht nicht. Ein bisschen Würde hatte sogar sie. "Aber das weiß Tim doch nicht", sagte Mira nachsichtig und schlug die Decke zurück. "Deswegen rede ich ja heute mit ihm", entgegnete Anastasia würdevoll. "Und ich werde lügen. Für Linda. Deswegen ziehe ich mich so an, damit er mir glaubt, weißt du?" "Für Linda", äffte Mira sie mit albernem Akzent nach, ehe sie gespielt euphorisch die Hände rang. "Welch eine Heldentat! Du deckst die dämliche Hure, die dir das Leben zur Hölle macht." "Mira", rief Anastasia, entsetzt dass sie dieses Wort aus dem Mund ihrer Stiefschwester gehört hatte. "Ist doch so." Mira verdrehte ein letztes Mal missbilligend die Augen, dann stand sie auf und riss ihr Fenster auf. "So, und jetzt atme mal frische Luft. Vielleicht wird dein Gehirn dann wieder zu dem, was es einmal war." Mit den Worten machte sie auf dem Absatz kehrt und rauschte zur Tür hinaus, um zu duschen. Anastasia blieb mit trotzig verschränkten Armen zurück. Ihr Gehirn war ja wohl nicht das Problem! Das Problem war, dass sie nicht wusste, was sie Tim auftischen sollte, damit er sie endlich in Frieden ließ, bis sie das dramatische Scheitern ihrer zweiten Beziehung verarbeitet hatte. Warum konnte sie nicht einmal eine Beziehung haben, die normal in die Brüche ging? Oder die wenigstens länger als eine Woche hielt? Mit Kai war es ein einziger Reinfall gewesen, weil er sie ohnehin beschissen hatte und hinter Tims makelloser Fassade steckte ein gerissener Betrüger. Vielleicht sollte sie sich Kerle zulegen, deren Namen über drei Buchstaben hinausgingen. So was wie Maximilian oder Alexander oder so. Doch sobald es an der Tür klingelte, verwarf Anastasia derlei hirnlose Gedanken und war drauf und dran, sich unter ihrem Bett zu verkriechen. Mit hundertprozentiger Sicherheit war das Tim und mit fünfzigprozentiger Sicherheit wollte er zu ihr. Die anderen fünzig Prozent zog es ihn zu Henry, der ja immerhin sein bester Freund war, aber bei Fifty-fifty-Chancen hatte Ana bis jetzt immer die Arschkarte gekriegt. Verdammt. Sie biss sich so lange auf die Unterlippe, bis sie Blut schmeckte und lauschte in den Flur hinaus. Sie konnte nur hoffen, dass Susi die Tür öffnete und Tim wieder fortschickte. Oder ihr Vater, der Tim ja ohnehin nicht tolerierte. Letztendlich war es Isolde, die ihre Zimmertür aufstieß. "Anastasia", krächzte die alte Frau fröhlich. "Du hast Besuch." Dann trat sie einen Schritt zur Seite und gab den Blick auf Linda frei, die wie immer nicht zu übersehen war, in dem neongelben Wickelkleid und den lila Leggins. Anas erster Gedanke war, dass sie vor Erleichterung am liebsten laut aufgeschrien hätte, ihr zweiter, dass sie hinten und vorne nicht verstand, was Linda hier wollte. "Hey." Linda schob sich mit einem schmallippigen Lächeln an Isolde vorbei und schloss dann die Zimmertür, um die Haushälterin von ihren Gesprächen auszuschließen. Oh Gott. "Linda - was machst du hier?" Anastasia wurde heiß und kalt zugleich. Linda ließ sich nicht zu einer Antwort herab, sondern musterte wortlos Anas Outfit. "Schicke Bluse." Sie lächelte jetzt breiter, ehe sie sich auf's Bett setzte, als sei das selbsverständlich. Anastasia starrte sie an. "Danke. Kann ich leider nicht zurückgeben." Letzteres sagte sie mit Nachdruck, denn schließlich war das ihr Zimmer und ihr Zuhause, und das gab ihr Mut. Linda war der Gast und sie konnte sie rausschmeißen, wann sie wollte. Ihre Bemerkung wischte Linda allerdings nicht das Lächeln aus dem Gesicht, sondern stärkte es nur. "Ich glaube", sagte das Mädchen gedehnt, "ich glaube, ich verstehe, was Tim an dir so toll fand." "Ach ja?" Anastasia verschränkte die Arme vor der Brust. Was wollte diese Tussi hier? Nur weil sie im Puff ein halbwegs tiefgründiges Gespräch geführt hatten, musste sie doch nicht vor dem ersten Kaffee hier auflaufen. "Weswegen bist du hier?", fragte Anastasie skeptisch weiter. Lindas Lächeln erlosch und machte Platz für ein verzweifeltes Gesicht. "Hör zu. Ich hab mitbekommen, dass du gestern mit Tim Schluss gemacht hast und wollte wissen... na ja, ob du vielleicht-" "Nein, hab ich nicht", unterbrach Ana sie und verdrehte die Augen. "Ich hab ihm nichts von dir erzählt." Linda atmete erleichtert auf, ehe sie Anastasia um den Hals fiel. Jesus. "Huh", fand auch Mira, als sie frisch geduscht ins Zimmer zurück spaziert kam. "Ist das hier der Treffpunkt für anonyme Lesben?" Linda ignorierte sie und strahlte Anastasia über beide Ohren an. "Das ist der Beginn einer großartigen Freundschaft! Also los, erzähl schon. Was hast du ihm eingetrichtert?" Ana verzog das Gesicht. "Eingetrichtert hab ich ihm noch gar nichts. Das hab ich heute vor mir, deswegen sehe ich ja so aus." Sie deutete kläglich an sich herunter. Auf einmal war sie gar nicht mehr so sicher, ob sie Tim vielleicht nicht doch die Wahrheit erzählen sollte. Immerhin war sie wütend auf ihn, dass er sie angelogen hatte, aber was sie tat, war auch nicht viel richtiger. Linda machte Augen, als fiele ihr Anastasias spezielles Outfit erst jetzt auf. "Du hast recht. Manipulation durch Äußeres." "Äh, möglicherweise?" Ana kratzte sich unsicher am Unterarm. "Das ist zumindest der Plan." "Und der ist feige", mischte sich Mira wieder ein, die inzwischen in ihrem Schmuckkästchen nach dem passenden Armband für ihre nerdige Blusen-Rock-Kombination suchte. Fehlte nur noch die Brille...! "Halt die Klappe", herrschte Anastasia sie an, ehe sie sich wieder an Linda wandte, die ihr wie gebannt an den Lippen hing. "Gestern hab ich ihm einfach nur gesagt, dass ich Schluss mit ihm mache, aber nicht wirklich einen Grund genannt. Dieser Part der Geschichte steht heute an." Sie seufzte tief, dann vergrub sie das Gesicht in den Händen. "Was bin ich nur für ein Untermensch?" "Du bist kein Untermensch", sagte Linda prompt und tätschelte liebevoll Anas Schulter. "Du tust das Richtige." "Meinst du echt?" Anastasias Augen blitzten hoffnungsfroh auf. "Ja", sagte Linda in dem Moment, in dem Mira "Nein" rief. Wow. Das erleichterte einem die Entscheidung nicht im Geringsten! "Einer von euch beiden muss ich glauben." Anastasia tauchte mit verzogenem Gesicht aus ihren Händen empor. "Ja, und die bin ich." Mit einem Presse-Lächeln zupfte Linda an Anas dunkelbraunen Haaren herum, bis sie wieder so lagen wie am Anfang. Mira zog scharf die Luft ein. "Ich bin deine Schwester, Ana", sagte sie dann eindringlich. "Ich will das Beste für dich, während diese Schlampe" - sie bedachte Linda mit einem abfälligen Seitenblick - "nur an sich denkt." "Das stimmt überhaupt nicht", entgegnete Linda resigniert. "Doch." Mit Nachdruck verschloss Mira ihr Schmuckkästchen wieder - heute würde sie wohl doch kein Armband tragen. "Sag ihm doch einfach, es hat dir nicht gereicht, was ihr hattet", schlug Linda Ana vor, ohne weiter auf Mira einzugehen. "Das wird ihm nicht genügen." Anastasia verknotete ihre verschwitzten Hände. "Dann sag, dass du ihn nicht geliebt hast und dass du dich erst richtig hier einleben willst, bevor du eine Beziehung eingehst. Sag, du musst nachdenken. Dass ihr es überstürzt habt und du in einer schlaflosen Nacht in dich gegangen und zu dem Schluss gekommen bist, dass es nicht das war, was du brauchst. Sag ihm von mir aus sogar, dass das mit mir eine billige Eifersuchtsnummer war, die dich abgeturned hat. Aber erwähne auf keinen Fall das Geld! Ich brauche das, wirklich." "Wofür?", warf Mira ein. "Brustinplantate?" "Ist gut", meinte Anastasia, womit sie ganz offensichtlich nicht ihre Schwester meinte. "Du hast recht, Linda. Das sind genug Gründe. Und so viel dazuerfunden hab ich ja auch nicht, wenn ich das so sage. Im Grunde stimmt das ja auch..." "Bis auf die Tatsache, dass du über beide Ohren in ihn verschossen bist, obwohl du ihm heute auftischen willst, dass genau das nicht der Fall ist." Mira zog den Rock aus und zog stattdessen eine schwarze Thermo-Leggings über. Der Mainstream-Look schien ihr wohl doch besser zu gefallen als der schöne Rock. "Wie sollst du ihn so nur überzeugen können, Ana?", setzte sie hinzu. Es war ihr überhaupt nicht peinlich, dass Linda für zehn volle Minuten ihre Orangenhaut-Oberschenkel zu sehen bekam. "Ich habe mich für sie entschieden, Mira", sagte Anastasia und klang dabei ein wenig melodramatisch. Aber das durfte sie auch, angesichts der Tragödie, die ihr bevorstand.
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Achtung Patchwork!
HumorGroßfamilie? Nein danke! Zumindest in den Augen der siebzehnjährigen Anastasia, die ein ganz idyllisches Leben in Köln, allein mit ihrem Vater führt. Doch von heute auf morgen findet sie sich in einem Düsseldorfer Neubaugebiet wieder und soll ab sof...
