Das Kapitel mit dem perfekten Antrag-Team

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Anastasia zog ihre Patin Yun eilig durch die Schulflure. Die letzte Stunde war vorbei und sie musste schnellstmöglich nach Hause, um mit ihrem Vater die Sache mit dem Antrag zu klären. Es sah zwar nicht so aus, also würde sie die kleine, anhängliche, extrem stille Chinesin bis dahin loswerden, aber die konnte sie ja einfach mitnehmen. Ein bisschen weiblicher Einfluss von Gleichaltrigen konnte immerhin nicht schaden, fand sie. "Komm, der Bus fährt in fünf Minuten!" Sie zog an Yuns Ärmel. "Ich glaube, ich habe meinen Atlas im Spint vergessen", piepste diese in Mikrolautstärke. Sie war genau das Gegenteil von Opa Ernst: nämlich furchtbar leise. Ihre schmalen braunen Augen lagen hinter einem breitrandigen Fehlkauf von Brille und funkelten vor Sorge. Anastasia verdrehte die Augen. "Mann, das ist doch egal jetzt." Sie zerrte ihre neue "Freundin" weiter, auf den Schulhof hinaus. Dort traf sie prompt auf Tim und Linda, die sich wild knutschten, als sie vorbeilief. Sofort wurde ihr schlecht und sie blieb stehen. Das durfte doch nicht wahr sein! Was fand Tim nur an dieser Schlampe? Die war doch total künstlich und aufgetakelt. Yun folgte ihrem Blick und seufzte tief. "Wieso sahen die Jungs bei uns nicht so gut aus?" Anastasia blinzelte eine Träne weg. Ja, wieso? Wieso fand sie Tim mit seinen dreckig blonden Haaren auf einmal so schön? Warum konnte sie sich nicht einfach entlieben? Jetzt, da ihre Familie Bescheid wusste, war es umso peinlicher, dass sie ihn nicht bekommen hatte und stattdessen mit diesem Arschloch geschlafen hatte. "Oh, hi", sagte Tim, als hätte er Ana gerade erst gesehen. Er betrachtete die mickrige Yun in ihren hellblauen Hosen und dem weißen Rollkragenpulli voller Spott. "Suchst du dir deine Freunde jetzt im Asylantenheim?", fragte er Anastasia. Gemeiner Hund! "Nein!", fauchte sie und eine Windböe fegte ihr die Haare aus dem Gesicht. Auf einmal war da diese riesige Wut in ihrem Bauch... "Wenigstens habe ich eine Freundin, die nicht aussieht wie Barbie, und die ich nicht bezahlen musste!", rief sie wütend. Der Bus, den sie hatte nehmen wollen, brauste am Schulhof vorbei. Scheiß drauf. Der Antrag war ihr in diesem Moment eh egal und Yuns erschrockene Blicke auch. "Ich bin nicht Barbie", sagte Linda und zupfte an ihrer silbernen Falschlederjacke. Tim lachte Anastasia aus. "Lass meine Freundin in Ruhe." Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Sie waren zusammen? So verdammt schnell? "Ey, Linda", sagte Anastasia kühl und versuchte, sich die Übelkeit nicht ansehen zu lassen. Sie bemerkte nur schwach, wie Yun sich duckte, als erwartete sie einen Luftangriff. Bescheuerte Chinesin. "Ja?" Linda schmatzte auf ihrem Kaugummi und sah gelangweilt zu Anastasia auf. Tim hatte seinen Arm beschützerisch um ihre Hüfte gelegt und Ana fragte sich, ob der Kaugummi vielleicht ursprünglich aus seinem Mund stammte. "Da ist noch ein Stück Gesicht in deinem Make Up", sagte Anastasia und wechselte möglichst cool ihr Standbein. Linda runzelte irritiert ihr Gesicht. "Hau ab, du Idiotin", murmelte Tim unfreundlich, was Ana sich nicht zweimal sagen ließ. Sie warf ihre zwei geflochtenen Zöpfe zurück, packte Yun bei der Hand und machte einen filmreifen Abgang. Die Halloweenparty war nun nicht mehr nur Miras, sondern auch ihre Mission Liebe. Es würde kein aufblasbares Kürbiskostüm geben, denn es war an der Zeit, dass sie mal ordentlich auspackte!

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Donnerstage waren die anstrengensten Tage in Miras Schulwoche: neun Stunden Unterricht und dann Proben vom Schulchor, dem sie beigetreten war. Meistens war sie an solchen Tagen erst um sechs oder sieben zu Hause. Aber heute musste sie ihre Mittagspause wenigstens nicht alleine verbringen, denn sie hatte eine Bekanntschaft namens Larissa gemacht. Larissa war fünfzehn Jahre alt, ging in ihre Parallelklasse und sang im Chor mit Mira die Alt-Stimme. Außerdem waren sie im selben Französischkurs. Larissa war ein sehr zuvorkommendes, einfühlsames Mädchen mit warmem Herzen und einem gutmütigen Wesen. Manche bezeichneten Menschen wie sie als spießig, aber so schlimm war es gar nicht. Sie konnte nämlich auch witzig sein. Auf jeden Fall hatte sie braune, dicke Haare, die ihr bis zum Kinn reichten, warme braune Augen, eine Zahnspange und ein Dauerlächeln. Ihre Klamotten fand Mira ziemlich süß, auch wenn sie es so nicht tragen würde: Meistens helle Jeans und dazu irgendwelche geblümte Blusen mit Rüschen und Perlenohrringen. Aber Larissa stand das. Und weil diese junge Lady die erste war, die Mira wirklich integrierte, verbrachten sie die Mittagspause zusammen. Sie kauften sich in der Cafeteria zwei Brezeln und Cola und wollten sich gerade setzen, als Mira entsetzt zum Fenster sah und ihre Brezel fallen ließ. Über den Schulhof rannte eine Frau mit blonder Föhnfrisur, einem rosa Sweatshirt und Khakihosen. Ein dicker grauer Wollschal war um ihren Hals geschlungen und im Arm hielt sie einen Maxikosi. Susi. "Was macht die denn hier?", entfuhr es Mira. Sie wäre am liebsten im Boden versunken. "Wer?", fragte Larissa neugierig und spähte aus dem Fenster. Kurz darauf grinste sie. "So eine ähnliche hab ich in den Sommerferien am Flughafen gesehen. Die hatte acht kleine Hunde, zwei Babys, und hat da praktisch gewohnt." Larissa zuckte gleichgültig die Achseln und biss herzhaft in ihre Brezel. "Das ist meine Mutter", sagte Mira mit zittriger Stimme. Susi hatte das Gebäude inzwischen erreicht und trat schweratmend durch die Schwingtür der Cafeteria. Torben knatschte. "Ups." Larissa kicherte entschuldigend, ehe sie Susi in Augenschein nahm. "Mira!", keuchte diese und stürzte zu ihrer Tochter. "Mama, geh!", zischte Mira zornig. "Jerome ist bei uns." Susi rang die Hände, dann arrangierte sie ihren Schal neu. Ihre Stirn lag in Falten. "Jerome Zycatelli aus der Acht a?", wollte Larissa wissen und lächelte ganz liebenswürdig. Mira hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Warum war Jerome bei ihr zuhause und ihre Mutter hier? Wieso, verdammt nochmal? "Keine Ahnung, wie der mit Nachnamen heißt", meinte Susi schulterzuckend. Torben knatschte immer noch, wurde aber von allen Seiten ignoriert. "Dunkelhäutig, Afro, Vorliebe für dunkle Klamotten?", sagte Larissa und Susi nickte eifrig. "Genau der! Ein Hübscher, Mira. Würdest du mir erklären, was das soll?" "Dasselbe könnte ich dich fragen!", entfuhr es Mira. Susi zog ihre Brauen hoch und stemmte einen Arm in die Hüfte. "Junges Fräulein, nicht in diesem Ton! Außerdem habe ich zu tun. Ich bin nicht zum Spaß hier, hörst du? Ich muss mich um eine Haushälterin kümmern und darum, ein Büro in der Stadt zu finden, damit ich wieder arbeiten kann. Außerdem haben Mareike und Jochen Eheprobleme. Noch dazu der Antrag, den ich vorbereiten muss... Jedenfalls habe ich gerade echt keine Zeit für deine verkorkste Beziehung!" Susi ließ die angehaltene Luft in einem Schwall raus, ehe sie sich auf einen Stuhl plumpsen ließ und den Maxikosi hin und her wiegte. "Jerome und ich führen keine Beziehung!", entgegnete Mira mit weinerlicher Stimme. Larissa mischte sich ein: "Dann bist du  also das Mädchen, von dem er immer redet, aber dessen Namen er nicht nennen will!" Mira verstand nicht. "Hä? Woher kennst du ihn so gut?" Ihre Mutter sah neugierig zwischen den beiden Mädchen hin und her, während sie von Miras Cola trank. "Wir kennen uns seit dem Kindergarten", erklärte Larissa. "Unsere Eltern sind sowas wie beste Freunde und wir auch. Er liebt dich, wirklich. Wart ihr nicht mal zusammen?" "Ja. Für zwei Tage." Mira schluckte schwer. Auf einmal schämte sie sich für die Vorwürfe, die sie Jerome an den Kopf geschmissen hatte. Sie gehörten zusammen, das zählte. "Ich liebe ihn auch", hauchte sie. "Ach, ihr Süßen. In eurem Alter ist man noch so spontan und leicht zu beeindrucken", seufzte Susi resigniert, aber sie lächelte. "Soll ich ihn zu dir schicken? Er sitzt bei uns im Wohnzimmer und trinkt Tee. Moritz unterhält ihn, er hat ja immer so früh Schule aus." "Schick ihn nach Hause", sagte Mira. "Aber sag ihm, dass ich ihn liebhabe. Und dass ich ihm morgen alles erklären werde." Susi nickte und stand auf, ohne nachzufragen. In diesem Moment war es Gold wert, dass sie einfach schwieg und dafür liebte Mira sie. "Danke Mama." "Kein Ding", antwortete Susi lächelnd. Im Gehen drehte sie sich noch einmal um. "Auf dem Einkaufszettel stehen Tampons. Brauchst du Normal oder Super?", rief sie so laut, dass es von den Wänden der Cafeteria widerhallte. Okay, von Peinlichkeiten hatte sie dann doch keine Ahnung. "Das hat Anastasia auf den Einkaufszettel geschrieben", log Mira mit hochrotem Kopf. Ein paar Jungs am Colaautomaten brüllten vor Lachen. Verdammt! Mira biss sich auf die Lippe, die gefährlich zitterte. "Quatsch. Anastasia kauft sich ihre Tampons immer selbst. Nur du bist dazu noch zu feige", rief Susi augenzwinkernd zurück. Wieso zwinkerte sie denn jetzt? Merkte sie nicht, wie sie Mira blamierte? "Normal", sagte Mira ergeben und setzte sich, um ihre Brezel aufzuessen. Sie konnte sich dann wohl darauf einstellen, dass sie bis zu ihrem Abi das Tamponmädchen sein würde.

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"Ich habe den perfekten Plan", sagte Stephen eifrig, während er ein paar Schokoladenkekse auf einem Teller arrangierte. Er hatte sich das perfekte Antrag-Team zusammengestellt: Anastasia, Yun Tsu Wing, Henry und Jerome, der aber eher aus Zufall in die Sache hinein geraten war, weil er eben am Wohnzimmertisch saß und auf Mira wartete. Anastasia als Stephens Tochter gehörte einfach aus Prinzip dazu und hatte immer gute Ideen. Henry kannte Susi sehr gut, weswegen er sehr hilfreich sein würde. Und Yun und Jerome als Außenstehende waren sicher auch von Vorteil. Nur Moritz hatte Stephen auf sein Zimmer geschickt, weil er nichts vor seiner Mutter verheimlichen konnte und dem perfekten Antrag-Team eher Schwierigkeiten bereiten würde. Anastasia schnappte sich einen Keks. "Hau raus." Sie und die anderen lümmelten sich auf dem großen Sofa, während Stephen einen Ordner hervorholte. "Also." Er zog das Wort in die Länge. "Es gibt zwei Möglichkeiten. Eine romantische und eine noch romantischere." Er blickte mit leuchtenden Augen in die Runde. "Hört zu: Plan A. Ich mache den Antrag auf Torbens Taufe. So richtig im Anzug und vor allen Leuten. Natürlich ist dann der Priester mit eingeweiht und es läuft ein passendes Orgelstück. Ihr Kinder dürft dann Rosen werfen. Oder aber ich mache das im Kino. Ich gehe mit ihr in einen Film und in der Werbung werde ich eingeblendet und mache den Antrag. Natürlich ist das Video vorher schon gedreht, ich muss also nur an den Ring denken. Was sagt ihr?" Stephen sah sein perfektes Antrag-Team stolz und erwartungsvoll an. Ja, das waren wirklich tolle Ideen und sicher war es möglich, sie umzusetzen. Aber egal wie romantisch sein Antrag wäre, Susi würde sich nicht freuen, weil sie  dann verloren hatte. Dessen war sich zumindest Anastasia ziemlich sicher. "Krass", brach Henry das Schweigen. "Echt krass." "Die erste Idee finde ich schöner", sagte Yun mit ihrer piepsigen Stimme und Jerome nickte bestätigend. "Jap." "Wieso? Mögt ihr die zweite nicht?", fragte Stephen gekränkt und zupfte seinen Kragen zurecht. "Doch", entgegneten Yun und Jerome aus einem Mund. "Aber wieso seid ihr für die erste?" Stephen lehnte sich vor. "Es ist persönlicher, Papa", meinte Ana besänftigend. "Kein Grund zur Aufregung. Du kannst nun mal nur einen Antrag machen. Du musst dich eh entscheiden." "Hmpf", machte Stephen. In dem Moment schwang die Haustür auf und Susi kam ins Haus. Henry verschluckte sich vor Schreck an seinem Keks und Stephen warf den Ordner hinters Sofa. "Was macht ihr denn hier?", fragte Susi, stellte den Maxikosi ab und zog sich den Schal über den Kopf. "Wir essen Kekse." Stephen rang sich ein Lachen ab, das sehr künstlich klang. Susi schüttelte irritiert den Kopf. "Putzig. Jerome, liebe Grüße von Mira, ich soll dich nach Hause schicken. Sie hat dich lieb und wird dir morgen alles erklären. Anastasia, ich hab Tim und Linda zusammen gesehen. Mein Beileid. Es ist außerdem ein Brief für dich angekommen. Von Ella." Ein Brief von Ella? Ana sprang jauchzend auf und sah nach dem  Briefschlitz. Tatsächlich, da lag ein Kuvert auf der Matte! Sie schnappte sich den Umschlag und riss ihn eilig auf.

Hey Ana,

ich bin's, Ella, die tollste beste Freundin auf der Welt. Ich habe eine Idee für die Rache an Rosa. Pass auf: Du schreibst ihr ein paar Liebesbriefe und setzt irgendwann die Nummer des Direktors unten drauf. Dann ruft sie dort an und alles wird ein Riesenspaß. Ich muss jetzt schon lachen, wenn ich an ihr dämliches Gesicht denke. Mach das so! Das ist gut.
Wir skypen, okay? Bis dann
Ella

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Das war's dann auch schon wieder. ♥ Bitte kommentiert ganz eifrig! ♥ Bis zum nächsten Kapitel.. :)


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