Nachdem Moritz von der Schule gekommen war und sich im Wohnzimmer mit Torben beschäftigte, der in seiner Wiege lag und mit seinem zahnlosen Mund seinen Daumen bearbeitete, hatte Susi endlich die Zeit zum Kochen gefunden und sie begann, die Kartoffeln zu schälen, während sie die Lieder aus dem Radio mitsummte.
"Wie war's in der Schule, mein Spatz?", rief sie über die Schulter, als sie sich die Hände wusch. "Hmmm...", gab Moritz zurück. Verwundert drehte Susi sich zu ihm um und trocknete sich die Hände an ihrer Schürze ab. "Wieso, was ist passiert?" Normalerweise antwortete Moritz auf die Frage, wie sein Unterricht verlaufen war, stets mit "Super!" oder "Ganz gut." oder "Interessant.", aber heute schien irgendwas nicht zu stimmen mit ihm. Er zuckte die Schultern und Susi kam herbei, um seine dunkelblonden Locken zu streicheln. Er liebte diese Art von Zuneigung. "Hast du eine schlechte Note geschrieben?", fragte Susi. "Schlimmer", murmelte Moritz und schüttelte traurig den Kopf. Susi grübelte angestrengt weiter. "Du hast dich verliebt!" "Mama!" Empört sah Moritz zu ihr auf. Zeitgleich sabberte Torben in seinen Strampler und Susi ging in die Hocke und rubbelte es ruppig mit dem Handtuch weg, woraufhin der Kleine ein leises Knatschen von sich gab.
"Jemand wollte dir Drogen verkaufen", überlegte sie unterdessen. "Viel viel schlimmer." Moritz stützte den Kopf in beide Hände, während seine haselnussbraunen Augen unruhig über den Teppich flitzten. Susi legte besorgt die Hand an seine Wange und hörte auf, den Sabberfleck an Torben's Strampler zu bearbeiten. "Was ist denn los?" "Das darf ich nicht sagen..." Sie schaute verdutzt drein und schüttelte ratlos ihre blonde Föhnfrisur. "Also, da machst du mich erst neugierig und dann sowas!" Sie lächelte. "Wenn ich es sage, verprügeln sie mich", jammerte Moritz mit zittriger Stimme. Er war schon ganz blass im Gesicht, doch das schien Susi gar nicht aufzufallen. Sie beugte sich vor und raunte verschwörerisch:"Es muss ja keiner wissen, dass du es mir erzählst! Wir sind ganz unter uns." Moritz drehte den Kopf weg, während die erste Träne über seine Wange lief. Warum kapierte seine Mutter den Ernst der Lage nicht?! "Es ist nicht witzig!", weinte er. Erschrocken über sein Aufschluchzen schloss Susi ihn in die Arme und strich über seinen Rücken.
"Du musst drüber reden, Spätzchen. Wenn es dich so runterdrückt, muss ich einschreiten!" "Also gut." Moritz holte Luft und begann. "Da sind diese Jungs, aus der Klasse über mir. Sie sind zu viert, aber ich kenne nur den Anführer beim Namen. Er heißt Stefan. Und seit zwei Wochen zwingen sie mich, Geld mit in die Schule zu nehmen, sonst, drohen sie mir immer, sonst wollen sie mich schlagen." Er sackte traurig in sich zusammen und heulte in Susi's Sweatshirt. Seine Tränen waren nicht wie die der anderen Kinder. Seine Tränen waren groß und kugelrund.
Sie erschrak und versteifte in ihren Bewegungen. "Schutzgelderpressung!" Moritz nickte verloren. Susi stand auf und kratzte sich am Kopf. "Also, ich gebe dir morgen eine Dose Pfefferspray mit, ja? Nur keine Hemmungen, einfach lossprühen, wenn sie dir drohen. Und wenn das nicht hilft, müssen wir deine alte Karnevalspistole ein wenig aufpolieren!" Moritz sah sie an wie eine Geisteskranke, willigte dann jedoch ein.
Ihr Gespräch wurde von einem lauten Knall und unregelmäßigen Schritten unterbrochen. Ein Schluchzen ließ sie umherfahren. "Mira, in diesem Haus werden keine Türen geknallt, ist das klar!?", rief Susi. Mira funkelte sie böse an, ehe sie die Treppe hinaufstürzte und auf der dritten Stufe hinflog. Sie heulte auf. "Mensch was ist denn los mit dir?", rief Susi, während sie angerannt kam und beinahe über Mira's Tasche stolperte. "Jerome hat Schluss gemacht!", schniefte Mira und rappelte sich auf. Dann humpelte sie laut schluchzend weiter. "Willst du drüber reden?", fragte Susi und sah zu ihr empor. "Nein!", schrie Mira und knallte wenig später die Badezimmertür hinter sich zu.
Als Susi die Treppe wieder hinunterlief, wurde die Tür erneut aufgerissen und Anastasia rannte herein. Sie warf die Tasche in die Ecke und wollte sich an Susi vorbei die Treppe hochquetschen, doch diese hielt sie auf. "Jetzt beruhig dich mal!",sagte sie streng. Anastasia schob wütend ihren Arm zur Seite und stürmte an ihr vorbei. "Ich gehe zum Boxen!", rief sie. "Seit wann boxst du?", fragte Susi verwundert und rannte ihr hinterher. "Seit heute!", brüllte Anastasia und verschwand in ihrem Zimmer. Nicht natürlich, ohne die Tür zu knallen. Seufzend folgte Susi ihr und beobachtete sie, wie sie wütend ein paar Sportsachen in einen Beutel stopfte. Sogar ein Paar verstaubte Boxhandschuhe fand sie in den Tiefen ihres Kleiderschrankes. Zufrieden betrachtete sie sie, ehe sie sie zuoberst in den Beutel quetschte und ihn zuschnürte. Dann rauschte sie an Susi vorbei und hastete die Treppe hinunter in die Küche. Verwirrt verfolgte Susi das Geschehen und trat ebenfalls in den Raum, wo Anastasia in großen Schlucken ein Glas Wasser in sich hineinkippte. "Ist das mit deinem Vater abgeklärt?", wollte Susi wissen, die nun mit dem Kartoffelschälen fortfuhr. Anastasia zog die Augenbrauen hoch, während sie das Glas keuchend auf den Tisch knallte. "Seit wann frage ich den um Erlaubnis?" Sie lachte kurz angebunden. "Und hast du dich schon bei einem Kurs angemeldet?" Susi schob mit einem Messer die Kartoffelschalen in die Biotonne. "Nö, mach 'ne Schnupperstunde." Anastasia verließ den Raum und verschwand im Flur, um sich Schuhe und Jacke überzuwerfen. "Wie, willst du nicht erst was essen?", rief Susi verwundert. Zur Antwort fiel die Haustür ins Schloss und drei Sekunden später erhaschte sie einen Blick auf das Küchenfenster, an welchem Anastasia vorbeirannte. Kopfschüttelnd widmete sie sich wieder dem Kochen.
Dass Moritz noch immer leise weinend auf dem Sofa saß, hatte sie schon längst vergessen. "Mama, wo ist Anastasia?" Erschrocken drehte sie sich um und feuerte aus Reflex das Messer in den alten Holzschrank der Küche. "Henry, erschreck mich nicht so!" Fluchend zog sie das Messer aus dem hellen Holz, wo es einen dünnen Schlitz hinterließ. Henry stand nach Luft schnappend im Flur. "Was gibt's?", seufzte sie nun. "Wo ist Ana?" Henry rang unruhig die Hände und zappelte umher. Susi verdrehte die Augen. "Sie kam eben so wie du ins Haus gestürmt, ist aber schon wieder weg. Sie wollte zum Boxen, frag nicht wieso!"
"Fuck, fuck, fuck!", murmelte Henry aus dem Flur und stürzte wieder zur Tür hinaus. Wenig später hastete auch er am Küchenfester vorbei; seine Flüche drangen bis ins Haus durch. Wütend pfefferte Susi die Kartoffeln in den Topf und regte sich lautstark darüber auf, dass sie ja nicht kochen brauchte, wenn eh niemand zum Essen kam. Sie schaltete das Radio lauter und öffnete das Fenster, um den Zwiebeldunst zu vertreiben.
Kurz darauf hörte sie erneut hastige Schritte im Flur. Wenige Sekunden später stand Tim vor ihr. "Wie kommst du denn jetzt hier herein?", fragte sie empört. "Die Tür stand offen. Haben Sie Henry gesehen, Frau Kreschmeyer?" "Ach, der ist eben raus gerannt." "Danke danke!" Tim drehte sich um und rannte aus dem Haus, während er laut Henry's Namen rief.
Dann klopfte Frank ans Fenster. "Leute, echt!", schrie Susi entnervt und eilte durch den Raum. "Sind die dalang?", schrie Frank zurück und deutete in die grobe Richtung, in die auch Anastasia, Henry und Tim verschwunden waren. Sie nickte nur kurz und knallte dann das Fenster zu. Im Wohnzimmer begann Torben zu weinen, woraufhin sie die Arme rang und sich auf den Boden fallen ließ. "Ich halte es hier nicht mehr aus!", brüllte sie, während ihre Hände auf die Fliesen einprügelten. Warum war diese Familie so chaotisch!?
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Henry rannte durch die Straßen, gefolgt von Tim's und Frank's Rufen.
"Bleib doch mal stehen, Alter!", schrie Tim, doch Henry hastete weiter durch Pfützen und über Pflastersteine. Sein Ziel war die Bushaltestelle, an der Anastasia höchstwahrscheinlich auf den Bus wartete, der sie zur Boxschule bringen würde und - ein Bus brauste an ihm vorbei und wirbelte ihm seine Benzinwolke ins Gesicht. Der Bus. Er konnte nur flüchtig einen Blick auf Anastasia werfen, die sich in der letzten Reihe auf einen Platz fallen ließ. Wie es zu diesem Chaos gekommen war?
Nun, in der großen Pause hatte Anastasia sich lautstark darüber aufgeregt, dass sie von Rosa so schamlos ausgenutzt worden war und dass Henry ja Recht gehabt hätte und sie tatsächlich niemals Freundinnen werden würden und dass sie überhaupt jetzt auf Rache-Kurs war.
Er musste sie abhalten, etwas unüberlegtes zu tun! Wenn sie Rosa morgen mit frisch gelernten Kenntnissen übers Boxen ins Koma schlagen würde, würde dies ihren ersten Tadel bedeuten und das innerhalb anderthalb Schulwochen...! Oh nein, oh nein, oh nein...
Henry raufte sich die Haare, während Tim und Frank neben ihm nach Luft ringend zum Stehen kamen. "Wir müssen dem Bus hinterher!" Tim spuckte auf den Boden und stützte die Hände auf die Knie, während Frank hustend nach Henry's Arm griff. "Geht's dir noch gut? Den Bus holen wir niemals ein und außerdem würde ich ganz gerne wissen: Wozu das Ganze hier?" Er machte eine Geste, die den Bus, die drei Jungs, den Gehweg, alles mit einschloss. "Die geht zum Boxtraining!", schrie Henry, als sei es doch ganz offensichtlich, dass Anastasia Rosa krankenhausreif prügeln wollte. "Lass sie doch", keuchte Tim und schloss kurz die Augen, während seine Atmung wieder ruhiger wurde. Derweil verschwand der Bus um die nächste Ecke. "Was wenn sie Rosa schlagen will?" "Alter, das macht die doch nicht!" Frank schüttelte den Kopf. Henry rang die Hände. "Warum meinst du das?" "Weil Rosa ein Mädchen ist, du Lappen!", schnauzte Tim, der sichtlich angepisst davon war, dass er 900 Meter durch Itter hatte sprinten müssen. "Das ist kein Argument!", brüllte Henry. Ein älterer Herr, der vorbeihumpelte schüttelte den Kopf. "Glaubst du allen Ernstes, Anastasia riskiert einen Tadel mit einer solch einfallslosen Rache? Denkst, die startet da eine Schlägerei? Alter, sei doch mal ehrlich: Die würde sich doch was viel besseres einfallen lassen!" Allmählich kam Henry zur Ruhe. "Möglich", murmelte er und das hoffte er wirklich. Am besten, er wartete einfach, bis sie wieder heimkäme.
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Es ist mir klar, dass es ziemlich lang ist, aber YOLO xD
Nun, bitte votet doch einfach. :) Wenn ihr 3 Kommis schreibt, fange ich das neue Kapitel an :-*
♥♥♥xxx
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Achtung Patchwork!
HumorGroßfamilie? Nein danke! Zumindest in den Augen der siebzehnjährigen Anastasia, die ein ganz idyllisches Leben in Köln, allein mit ihrem Vater führt. Doch von heute auf morgen findet sie sich in einem Düsseldorfer Neubaugebiet wieder und soll ab sof...
