Unter Jeromes und Miras rosa Wolke 7 mussten an diesem Samstag, dem ersten elften, noch sämtliche Mitglieder der Hoppe-Kreschmeyer-Familie leiden. Die beiden fingen an, Henry zu nerven, der in der Küche ein Buch über irgendwelche Ureinwohner in Mexiko las, das er für den Geschichtsunterricht brauchte. Nebenbei mixte er sich einen Smoothie, man konnte also nicht wirklich sagen, dass er es las. Es lag vielmehr neben ihm auf der Anrichte und musste unter Smoothieklecksen leiden. Auch Jerome und Mira zog es in die Küche, allerdings nicht zum lesen, sondern zum backen. Henry stöhnte genrvt auf, als Mira scheppernd zwei Backbleche aus dem Schrank holte. "Verpisst euch! Ich muss mich hier konzentrieren." Als er auf das Geschichtsbuch deutete, lachte Mira laut auf. "Das verstehst du doch eh nicht." Sie band ihre Locken im Nacken zusammen und griff nach Jeromes Hand, der ein bisschen mit seiner sich beschlagenden Brille zu kämpfen hatte. "Ey, brauchst du erst 'ne Respektschelle, oder was?", keifte Henry seine Schwester an. "Raus jetzt, ich war zuerst hier." Doch Mira machte keine Anstalten zu gehen, sondern hievte summend ein Backbuch aus dem Regal. Seelenruhig und pfeifend blätterte sie durch die Seiten, wohlwissend, wie sehr sie ihren Bruder damit provozierte. "Raus hier, hab ich gesagt!" Henry drohte, handgreifllich zu werden, konnte sich aber gerade noch am Riemen reißen. Schnaubend wischte er den verdreckten Smoothi-Löffel an seinem weißen Unterhemd ab. "Du brauchst den Backofen doch nicht zum lesen, oder?", sagte Jerome mit einem strahlenden Lächeln. "Wir können doch alle hier sein." "Halt die Fresse, du Pimpf, du hast hier gar nichts zu melden!", schalt Henry ihn und Jerome hob abwehrend die braunen Hände. Mira baute sich vor ihrem Bruder auf. "Stress doch nicht so rum, Alter!" Aber Henry ging gar nicht auf sie ein, sondern stierte immer noch Jerome an. "Also, ich weiß ja nicht, was du an meiner Sis findest, Bruder. Die ist zwar ganz gut bestückt, aber geistig ein bisschen behindert oder so. Übrigens, ich würde sie ja nicht küssen. Die hat heute morgen noch zwei Liter oder so gekotzt." Henry schüttelte den Kopf, während er den Mixer anstellte. "Boah, du Arschloch!", schrie Mira ihn an. "Man macht keine Witze über Behinderte! Außerdem solltest du dich für mich freuen." Sie verschränkte die Arme vor der Brust und zog einen Schmollmund, was sie sich ganz sicher bei Anastasia abgeguckt hatte. Anastasia... Henry gönnte sich ein paar Sekunden, um an sie zu denken, aber dann widmete er sich wieder der Katastrophe vor seinen Augen. "Du bist viel zu jung für einen Freund." Er stellte den Mixer ab und füllte sich ein Glas mit einem Protein-Smoothie. Ja, Mira war erst vierzehn. Wenn man bedachte, dass er in dem Alter noch GTA gezockt und mit seinen Kumpels Pornos geguckt hatte und jeden Morgen mit einer Hand in der Hose aufgewacht war, wurde die Jugend heutzutage tatsächlich immer schlimmer. Vor allem seine Schwester, so viel stand mal fest. Und den Neger hatte sie bestimmt im Asylheim gekauft, das traute er ihr zumindest zu. Mira kniff wütend die Augen zusammen. "Du hast einen an der Waffel, Henry. Ich bin nicht zu jung. Für die Liebe ist man nie zu jung." An der Stelle umschlang sie demonstrativ Jeromes durchtrainierte Mitte. "Alter.." Henry nahm kopfschüttelnd einen Schluck von seinem Smoothie. "Ich als dein großer Bruder bin für dich verantwortlich und deswegen verbiete ich dir..." "Pah", rief Mira dazwischen. "Du weißt doch nicht mal, wie man Verantwortung buchstabiert." Henry legte den Kopf schief. Okay, er musste zugeben, dass das stimmte. Aber wen interessierte es schon, wie man dieses dämliche Wort schrieb, es war doch viel wichtiger, wenn man seine Bedeutung kannte! "Mama ist bestimmt auch nicht einverstanden mit euch", sagte er gewichtig. "Das werden wir ja sehen. Mama!" Miras Stimme klang nicht länger wie ein Fauchen, sondern glockenhell, wie die eines Engels. Als auf der Treppe Schritte ertönten, lächelte sie Henry siegerisch an, welcher hastig seinen Smoothie austrank. "Ja?", meinte Susi, als sie in der Tür stand. Bei Jeromes Anblick erhellte sich ihr Gesicht. "Jerome, wie schön, dich zu sehen!" Sie machte einen Schritt vor, um ihn in eine herzliche Umarmung zu ziehen. Mira warf Henry einen schadenfreudigen Blick zu. Na toll, Punkt für sie. "Was ist denn, mein Schatz?", fragte Susi, nachdem sie sich von Jerome gelöst hatte, der erst mal seine Brille richten musste. "Henry will mir verbieten, mit Jerome zusammen zu sein und er meint, du hättest ebenfalls was dagegen." Henry staunte nicht schlecht, wie gehoben sich seine Schwester ausdrücken konnte, wenn sie gewinnen wollte. Wütend krampfte er seine Hände um die Anrichte. Seine Mutter sah sehr erstaunt aus, als sie diese Worte hörte. "Aber nein." Sie schüttelte ihre blonde Föhnfrisur. "Nein, wie kommt er denn darauf?" Hier warf sie Henry einen vorwurfsvollen Blick zu. "Es freut mich, dass ihr zwei zueinander gefunden habt, Mira. Du weißt doch, wie ich dazu stehe, hm? Und jetzt mach dir keinen Kopf, dein Bruder hat nur etwas zu viel Testosteron geschluckt und will sich beweisen." Das sollte wohl ein Witz sein, denn sie zwinkerte in die Runde, aber Henry blieb das Lachen im Halse stecken. Das war ja mal wieder typisch für seine Mutter: Das eine Kind in Schutz nehmen, das andere bloßstellen. Ganz toll. "HAHAHA!", stieß er ironisch hervor, dann schnappte er sich sein Buch über die Maya und verschwand aus dem Raum. "Wie gesagt:", sagte Susi kopfschüttelnd, "Er will nur seine Männlichkeit beweisen." Mit den Worten ließ auch sie die beiden Turteltäubchen in der Küche zurück, wo an diesem Nachmittag noch einige Bleche Kekse gebacken wurden. Aber natürlich nur mit der ein oder anderen Unterbrechung...
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Achtung Patchwork!
HumorGroßfamilie? Nein danke! Zumindest in den Augen der siebzehnjährigen Anastasia, die ein ganz idyllisches Leben in Köln, allein mit ihrem Vater führt. Doch von heute auf morgen findet sie sich in einem Düsseldorfer Neubaugebiet wieder und soll ab sof...
