"Anastasia, ich würde gerne mal mit dir sprechen. Unter vier Augen." Stephen bedachte seine Tochter mit einem strengen Blick, als diese mit Tim das Wohnzimmer betrat, wo sich die Familie zum Abendessen versammelt hatte. Er musste nicht erst sehen, dass sie Händchen hielten, um herauszufinden, dass die zwei ein Paar waren. Die Information hatte sich dank Mira und Susi verbreitet wie ein Lauffeuer. Erst dieser Jerome, und jetzt auch noch Tim! Stephen fand nicht, dass die Mädchen in guten Händen waren, und er sah es daher als seine Aufgabe, auf sie aufzupassen. Anastasia rollte mit den Augen. "Was wird das denn jetzt schon wieder, Papa?" Sie warf Tim einen Seitenblick zu, doch dieser schien in keinster Weise beeindruckt. Sein Lächeln war strahlend breit, wenn auch gekünstelt. Aber bei der Familie seines Mädchens konnte man ruhig ja ein bisschen schleimen. Stephen schob geräuschvoll seinen Stuhl zurück, es war inzwischen komplett still im Wohnzimmer geworden. Nur Isolde summte beim Essen fröhlich vor sich hin. "Es ist mir wirklich wichtig", sagte Stephen und räusperte sich. Anastasia gab seufzend auf, ließ Tims Hand los und sah ihn entschuldigend an. Er beugte sich jedoch nur lächelnd vor, um ihr einen Kuss auf die Wange zu hauchen. Mira stöhnte auf. "Leute, ihr seht euch doch gleich wieder. Macht mal keine dramatische Titanicszene." Sie schüttelte vehement ihr blondes Lockenköpfchen. "Also echt!" "Du bist kein Stück besser!", fauchte Anastasia zu ihrer Verteidigung zurück und deutete auf Jerome. "Er ist doch auch nicht von dir wegzukriegen, seit ihr wieder zusammen seid. Du tust auch so, als ob ihr füreinander bestimmt wäret." "Anastasia!", mahnte Stephen mit in Falten gelegter Stirn. Aber seine Tochter ignorierte ihn. "Na, Mädchen!", raunte Susi mehr abwesend als anwesend, da sie gerade sehr konzentriert mit ihrem Handy zugange war. Wahrscheinlich suchte sie gerade die Taste für die Tastensperre oder sowas. Man wusste ja, wie Frauen über vierzig mit Technik umgingen. "Jerome ist ja auch mein Ein und Alles!", sagte Mira und warf möglichst hoheitsvoll ihr Haar zurück. Es rutschte ihr trotzdem gleich wieder ins Gesicht. "Hallo?" Anastasia zeigte ihr einen Vogel. "Ich bitte dich, Mira Kreschmeyer. Du bist zwei Tage mit dem Kerl zusammen, also spiel dich mal nicht so auf." Jerome räusperte sich. "Ich kann euch hören, Leute", sagte er dann trocken, doch keines der beiden Mädchen ging darauf ein. Mira verengte die Augen zu Schlitzen. "Und ihr erst einen, du Opfer. Und weißt du was? Wir sind uns schon näher gekommen als ihr!" "Mira!", stieß Susi entsetzt hervor. Sie ließ beinahe ihr frauenfeindliches Handy fallen, als sie die Augen aufriss. Mira lehnte sich mit triumphierender Miene zurück und schien sich in keinster Weise zu schämen. "Ist Henry oben?", warf Tim ein, um das Thema zu entschärfen. Susi blinzelte, als fiele ihr erst jetzt wieder auf, dass sich noch weitere Personen im Haus befanden. Ihr Gesicht wurde weicher. "Er wollte sich eigentlich nur die Hände waschen. Aber du weißt ja nur allzu gut, wie das bei euch jungen Herren dann so ist. Im Bad wäscht man sich ja nicht nur die Hände. Ich hoffe nur, er macht's nicht wieder in seine Socken." Sie zwinkerte Tim an, welcher irritiert den Kopf schief legte. "Mama!", kreischte Mira empört und sprang auf. Sie fasste Jerome am Arm, um diesen nach oben zu zerren, wobei sie ihrer Mutter unentwegt böse Blicke zuwarf. "Susi!", sagte Stephen erschrocken, ehe er Anastasias Hand griff. "Was habt ihr denn alle?", fragte Susi in die Runde. "Bah", machte Ana, die den Satz erst jetzt verstand, während sie das Gesicht verzog. "Also wirklich, Susi", schimpfte sie sogleich. "Das war ein vollkommen unqualifizierter Beitrag." Sie rümpfte die Nase. Pfui. Sie hatte wirklich die ekelhafteste Stiefmutter überhaupt. "Was ist denn hier los?", fragte Moritz, der als nächstes das Wohnzimmer betrat. Susi winkte ab. Und bevor noch mehr Streitigkeiten entfachten, zog Stephen seine Tochter in die Küche.
"Wow", machte Anastasia mit großen Augen, nachdem er die Tür hinter ihr geschlossen hatte. "Ist hier etwa aufgeräumt?" Stephen nickte, ließ sich jedoch nicht davon ablenken. "Das haben wir Isolde zu verdanken. Aber, Ana, hör zu. Ich bin nicht hier, um mit dir über unsere Haushälterin zu sprechen. Es geht mir um Tim." Als er seinen Namen erwähnte, wurde das Gesicht seiner Tochter sofort wieder abweisend und sie ließ sich lustlos auf einen Stuhl plumpsen. Stephen wusste nicht, wohin mit seinen Armen. "Schieß los", sagte Anastasia, ehe sie sich eine Strähne aus den braunen Augen pustete. "Was hat er angestellt?" "Nichts", räumte Stephen wahrheitsgemäß ein. "Aber ich glaube trotzdem nicht, dass er der beste Junge für dich ist." Anastasia starrte ihren Vater an, als sei er von allen guten Geistern verlassen. Genau sieben Sekunden hörte man nur das Ticken der Küchenuhr, dann zischte sie: "Willst du ihn mir etwa verbieten?" "Nein", sagte Stephen und schüttelte den Kopf. "Das natürlich nicht. Ich will dich nur warnen, dass du acht gibst bei ihm. Er war gestern noch mit dieser freizügigen Puff-Praktikantin zusammen und jetzt entscheidet er sich für meine Tochter." Stephen raufte sich schnaubend die Haare. Er hatte angefangen, in der Küche auf und ab zu tigern und nun bildete sich auf seiner Stirn ein Schweißfilm. Anastasia rümpfte die Nase. "Linda macht ein Praktikum im Puff?" Jetzt wurde es aber interessant! Sie fand die Vorstellung nur ein bisschen ekelig, dass ihr Vater sich in der Puff-Gegend herum getrieben hatte. "Nun ja." Stephen zuckte mit den Schultern. "Ich habe sie letztens in so einem Auflauf davor herumlungern sehen. Die hatte dieses Netzkostüm an, das du damals für Kai gekauft hast." Er setzte sich ebenfalls an den Tisch und sah seine Tochter ernst an. Sie starrte nur zurück. "Ich wusste gar nicht, dass man da Praktika machen kann", sagte sie schulterzuckend. War das Tim's Trennungsgrund gewesen? Gut, sie hätte ihm vorher schon sagen können, dass Linda eine kleine Schlampe war, aber dass sie wirklich damit Geld machte, war verdammt... erschreckend. Tim war mit einer Nutte zusammen gewesen! Stephen musterte besorgt die wandelnden Emotionen im Gesicht seiner Tochter. Fast bereute er es, die Sache mit dem Puff erwähnt zu haben, doch es war zu spät. Ana nahm sich das nächstbeste Glas und kippte es ihren Hals hinunter. "Und jetzt?", fragte sie. "Nun." Stephen kratzte sich im Nacken. "Ich weiß nicht, ob es so schlau ist, mit dem Jungen zu gehen, Ana." Er beugte sich vor, um seine Hände um ihre zu legen, aber sie entzog sich seinem Griff und lehnte sich zurück. "Er hat sie nie geliebt", hielt sie dagegen. Das war zumindest die Information, die sie von Linda bekommen hatte und wenn selbst die es zugab, musste es ja stimmen. "Ach, komm schon!", brauste Stephen und sprang wieder auf. Mit einem Taschentuch tupfte er sich die Stirn ab. "Ich finde es nicht gut. Ich kann das nicht dulden." "Blabla." Anastasia verdrehte die Augen. Ihr Vater konnte so nervig sein...! "Aber Anastasia...", setzte Stephen erneut an. "Nee, Papa!" Auch sie sprang nun auf, während sie ihn zornig anfunkelte. "Warum darf ich nicht auch glücklich sein?" Stephen verzog verzweifelt das Gesicht. "Das ist es doch, was ich will. Ich glaube nur eben nicht, dass er derjenige ist, der dich glücklich macht." "Du hast doch keine Ahnung!", schrie Ana. Sie zitterte beinahe vor Wut, aber sie konnte sich gerade noch beherrschen. Sie wollte sich immerhin nicht vor versammelter Mannschaft die Blöße geben, so weit kam's noch! Stephen sah so aus, als finge er gleich an zu weinen. "Du verstehst nicht..." "Nein, du verstehst nicht!", fauchte Ana, ehe er ausreden konnte. Ihr Vater blies resigniert die Backen auf. "Dann eben nicht", sagte er schließlich, hob aber dennoch warnend den Zeigefinger. "Aber komm mir ja nicht an, wenn er dir das Herz gebrochen hat, Fräulein!" Anastasia verengte die Augen zu Schlitzen. "Kannst dich drauf verlassen!" Mit den Worten knallte die Küchentür ins Schloss und der Windzug, der dabei entstand, fuhr Stephen durch die dünnen roten Haare.
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Achtung Patchwork!
HumorGroßfamilie? Nein danke! Zumindest in den Augen der siebzehnjährigen Anastasia, die ein ganz idyllisches Leben in Köln, allein mit ihrem Vater führt. Doch von heute auf morgen findet sie sich in einem Düsseldorfer Neubaugebiet wieder und soll ab sof...
