Susi rannte die Treppe so eilig hoch, dass sie jede zweite Stufe übersprang. Auf dem Flur rannte sie fast Moritz über den Haufen, der mit Torben im Arm aus dem Bad kam, aber sie konnte gerade noch zur Seite springen, um einen tödlichen Unfall zu verhindern. Schließlich platzte sie in Miras Zimmer. Ihre Tochter saß am Schreibtisch über ein Lexikon gebeugt, drehte sich aber nun erschrocken um. Die andere Zimmerhälfte war leer. Über Anastasias Bett lag eine rosa Tagesdecke. "Es hat funktioniert!", krakeelte Susi, während sie die Tür zuschlug. Dann rümpfte sie die Nase. "Warum liegt hier eigentlich alles auf dem Boden, Spatzi?" "Schwerkraft, Mama." Mira verdrehte die Augen. Sie ließ ihre Finger knacken, gähnte und fragte schließlich: "Ich komme gerade nicht ganz mit. Wovon redest du?" "Na, von den Sachen, die hier rumliegen." Susi deutete auf das glorreiche Chaos auf Miras Boden. Dort lagen die zwei letzten Ausgaben der Teen Vogue, ein altes Fotoalbum, leere Tüten Trockenpflaumen, drei Nylonstrumpfhosen, die alle gigantische Laufmaschen hatten, fünf Pullis, ein Mathebuch mit zwei ausgerissenen Seiten, eine auf links geschlagene Röhrenjeans mit einem Joghurtfleck, Kopfhörer und vier oder fünf ineinander verknotete Kabel. Dazwischen fanden sich flockige Wollmäuse und ein leerer Wäschekorb wieder. Susi nieste. "Das meine ich nicht." Mira schüttelte ungeduldig den Kopf. "Ich will wissen, wovon du sprachst, als du sagtest, es hat funktioniert. Was ist es?" Sie stand auf, um sich auf ihrem Bett niederzulassen. Susi setzte sich mit leuchtenden Augen neben sie. "Also, ich habe dir doch von meinem Plan erzählt, Stephen zu verarschen, oder?" Mira schüttelte den Kopf, aber sie fuhr einfach fort. "Nun, jedenfalls habe ich den per-fekten Übergang gefunden. Ich meine, es macht mir natürlich nichts aus, dass Mareike mich eine Spießerin findet." Sie lachte bei der Erinnerung kurz auf. "Ich meine, hallo? Aber er hat es mir abgenommen. Er ist zwar ausgerastet, als ich mit der Eheberaterin kam und wir haben uns fett gestritten, aber es ist offiziell: Ich werde ihm nächsten Mittwoch um siebzehn Uhr dreißig einen Antrag machen. Klingt das nicht herrlich, mein Schatz?" Mira blinzelte. Mehrmals. "Hä?", machte sie schließlich, woraufhin Susi ihre Schulter schüttelte. "Verstehst du denn nicht? Stephen denkt jetzt, wir haben einen Termin bei einer Eheberaterin, dabei fahren wir in Wirklichkeit in die Aussellungshalle einer Künstlerin, die mit Mareike befreundet ist. Zwar stehen da dann ein paar Bilder von der rum - sie bevorzugt es, Mordszenen zu zeichnen - aber was soll's? Hauptsache, ich kann den Antrag machen. Und jetzt, meine liebe Tochter, will ich von dir hören, dass deine Mutter die klügste Frau im Universum ist." "Mama - nein." Mira nahm die Hände ihrer Mutter von ihrer Schulter und sah sie verständnislos an. "Oxford hat dich abgelehnt, bevor du dich überhaupt richtig bewerben konntest und Stephen ist mega wütend auf dich. Erstens könnte er schon kotzen, wenn er merkt, dass du ihn nur verarscht hast, und zweitens wird er deinen Antrag niemals annehmen - weil er ihn nämlich selber machen will." "Ach, so ein Blödsinn", winkte Susi ab. Dann stand sie auf und sah zum Fenster hinaus. "Der wird sich freuen." Daraufhin seufzte Mira nur, zog ihre Tasche unterm Bett hervor und fegte willkürlich ein paar Bücher und Hefte hinein. "Wie auch immer", sagte sie, während sie ihre blonden Haare zu einem krausigen Dutt bändigte. "Ich muss zur Schule." "Hä?" Susi drehte sich verblüfft zu ihr um. "Was ist denn heute für ein Wochentag?" Mira verdrehte die Augen und scheuchte ihre Mutter aus dem Zimmer. "Es ist Freitag. Die erste Stunde ist schon zur Hälfte um, es wird also allerhöchste Eisenbahn. Bis später." Sie drückte ihr einen halbherzigen Kuss auf die Wange, ehe sie die Stufen hinunter polterte. Sekunden später war sie zur Haustür hinaus und auf dem Weg zur Bushaltestelle.
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Anastasia lungerte mit aufgeknabberter Unterlippe vor Spind Nummer 110 herum und wartete, dass keiner sie beobachtete, wenn sie den zweiten Liebesbrief an Moritz' Schließfach pappte, das jetzt offiziell den Austauschpunkt von Rosa und ihrem geheimen Liebhaber darstellte. Wenn Anastasia nur daran dachte, wie dieses Blondchen ihr auf den Leim ging, konnte sie sich das Lachen schon kaum unterdrücken. Doch sie hielt sich zurück und holte stattdessen den hellgelben Umschlag heraus, ehe sie einen Blick über beide Schultern warf. Jetzt oder nie. Sie riss sich einen Streifen Tesa ab, den sie sie stets bei sich trug, klebte diesen an den Rand des Kuverts und knallte ihn an Spint 110. Dann ging sie weiter, als sei nichts passiert. Es stellte sich heraus, dass sie unglaublich Glück gehabt hatte, denn keine zwei Sekundne später, prallte sie gegen Tim, der sie anlächelte wie ein verliebter Dackel. Gerne hätte Anastasia genauso geguckt, allerdings musste sie prompt an Linda und den Puff denken und sie schaute eher drein wie ein begossener Pudel. "Hi." Tim beugte sich herab, um ihr einen Kuss zu geben. Sie schloss die Augen, in der Hoffnung, die Berührung so genießen zu können, doch es fühlte sich blöd an. "Was ist los?", fragte Tim. "Ich muss mit dir reden", räumte Anastasia zerknirscht ein. Wenn sie wollte, dass diese Beziehung auf Treue und Vertrauen beruhte, blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als ehrlich mit der Wahrheit herauszurücken. "Oh Gott", sagte Tim und sah aufrichtig entsetzt aus. "Wir sind gerade mal zwei Tage ein Paar und du haust schon so einen Spruch raus... Das kann echt nichts gutes bedeuten, Ana." "Jetzt beruhig dich mal." Anastasia nahm seine Hand und drückte ermutigend zu. Allerdings wollte sie nicht ihn aufmuntern, sondern sich selbst, doch das musste er ja nicht wissen. "Keine Sorge, ich will nicht mit dir Schluss machen." Sie rang sich ein gequältes Lächeln ab, während sie ihn zu der Nische zwischen dem Chemiesaal und den Jungs-Toiletten zog. Tim musterte sie eingehend. "Du hast eine blutige, aufgeknabberte Lippe und du suchst eine leise Stelle auf - was zur Hölle willst du mir sagen?" Anastasia wischte sich peinlich berührt über die Lippen. Na toll. "Meine Lippe hat nichts mit dir zu tun, ehrlich", beteuerte sie wahrheitsgemäß. Tim schien ihr nicht zu glauben. "Hör zu", sagte sie eindringlich und nahm auch seine andere Hand in ihre. "Es geht um... um Linda." Tim seufzte vor Erleichterung tief auf. "Mensch, Ana! Ich dachte du hast Krebs, oder bist schwanger oder keine Ahnung!" Er blickte vorwurfsvoll auf sie herab. "Musst du mir so einen Schrecken einjagen?" "Tim, du Spinner", erwiderte sie grinsend. "Wir hatten nicht einmal Sex, wie soll ich da schwanger sein?" Er fiel in ihr Kichern ein. Sie waren beide erleichtert - er weil sie keinen Krebs hatte und Anastasia, weil er nicht wütend war, dass sie Linda ansprach. "Ich muss dich etwas fragen", sagte sie und hörte augenblicklich auf zu kichern. Das Thema war immerhin dennoch ernst, Tims Reaktion hin oder her. Sie schluckte schwer. "Was war in Wirklichkeit dein Trennungsgrund?" "Du." Er lächelte auf sie herab, doch konnte sie dieses Lächeln nicht erwidern. Gut, es war süß, dass er es so sagte, aber Linda hatte genau dasselbe gemeint - und dann tischte ihr Vater ihr eine Geschichte vom Puff auf. "Tim, ich meine es ernst." Anastasia schluckte erneut. "Mein Vater hat gesagt, er hätte sie vor einem Puff gesehen und ich weiß echt nicht mehr, was ich glauben soll." "Was?" Tim riss die Augen auf. "Linda arbeitet im Puff?" Anastasia blickte verblüfft zu ihm auf. "Du hast es nicht gewusst?" "Nein!" Er nahm seine Hände zurück, um sich die Haare zu raufen. Okay, dieses Entsetzen war keinenfalls gespielt - er hatte es tatsächlich nicht gewusst. "Ih!", rief er aus, ehe Ana ihm eine Hand vor den Mund halten konnte. Eine Gruppe Siebtklässler drehte sich zu ihnen um, ehe sie aufgeregt zu tuschlen begann. Wundervoller Start in den Tag, aber wirklich. Anastasia nahm Tims Hände wieder in ihre. "Bitte, reiß dich zusammen", zischte sie, woraufhin er sich auf die Unterlippe biss. "Aber das ist ekelig", stieß er hervor. "Ich meine, ich war mit einer Schlampe zusammen!" "Das hätte ich dir auch vorher sagen können." Anastasia warf einen besorgten Blick zur Uhr - in weniger als drei Minuten klingelte es und es gefiel ihr auf einmal gar nicht mehr, dass sie Tim eingeweiht hatte. Es fühlte sich zwar gut an, ihm die Wahrheit gesagt zu haben, aber es war nicht auszudenken, was er nun tun würde - und es sah alles danach auf, als wolle er Linda boxen. Das konnte Anastasia auf keinen Fall zulassen. Sie musste diese Sache alleine regeln, und zwar mit Linda. "Ich hab mit ihr Schluss gemacht, weil das von Anfang an geplant war", sagte Tim und beschwor Ana mit seinen Blicken. "Ich wollte dich nur eifersüchtig machen und Linda dann absägen. Genau das habe ich ihr auch erzählt an dem Tag, an dem sie dir das gleiche erzählt hat. Sie hat darauf bestanden, es dir selber zu erzählen, damit sie nicht als Voll-Loserin dasteht." Er räusperte sich. "Jetzt kennst du die Wahrheit." Anastasia zögerte einen Moment, doch dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen. Sofort legte er seine Hände an ihren Nacken, um den Kuss zu vertiefen. Die Siebtklässler neben ihnen pfiffen anerkennend durch die Zähne, zwei Mädchen brachen in hysterisches Gekicher aus. Ein anderes seufzte sehnsüchtig und sah Anastasia und Tim neidisch an. Ana spürte, wie sie rot wurde. "Sorry, dass ich dich so aufgeregt habe", sagte sie schnell. "Vergessen wir Linda einfach." Sie hätte sagen sollen 'Vergiss du Linda doch einfach', weil sie sich ja darum kümmern würde, aber etwas in ihr sagte, dass Tim von ihren weiteren Ermittlungen ausgeschlossen werden sollte. Es war einfach besser so. "Okay", sagte er nickend. "Aber wenn die kleine Nutte mir über den Weg läuft, werde ich ihr ein paar Takte sagen." "Tu das", erwiderte Ana, auch wenn sie sich innerlich schwor, genau das zu verhindern. Aber das musste sie ihm ja nicht unter die Nase binden. Sie verabschiedete sich schweren Herzens von ihrem Schätzchen, ehe sie in den Mathe-Kurs aufbrach. Es war Freitag. Tim würde mit Frank und Henry einen Männerabend veranstalten, also hatte sie den Abend frei. Und sie wusste auch schon genau, wie sie ihn verbringen würde.
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Achtung Patchwork!
HumorGroßfamilie? Nein danke! Zumindest in den Augen der siebzehnjährigen Anastasia, die ein ganz idyllisches Leben in Köln, allein mit ihrem Vater führt. Doch von heute auf morgen findet sie sich in einem Düsseldorfer Neubaugebiet wieder und soll ab sof...
