Henry sah von Anastasia zu diesem Kai und von Kai zu Ella, die entschuldigend die Schultern hob. "Ich konnte ihn nicht abwimmeln", meinte sie, dann schob sie sich durch die Tür. Im nächsten Moment fiel ihr Blick auf Henry. "Und du bist wer?" Henry lächelte flüchtig. "Henry. Ihr Stiefbruder." Sie nickte und fiel schließlich Anastasia um den Hals. "Lass dich doch erst mal drücken, Süße!" Henry musterte Ella abschätzend. Er mochte den Rotstich ihrer langen Haare, jedoch war sie etwas zu klein für seinen Geschmack. Außerdem war sie nicht sonderlich schlank oder schön geformt. Für Anastasia lief also schon mal keine Gefahr, dass er mit ihrer besten Freundin im Bett landete. Doch die schien im Moment sowieso ganz andere Probleme zu haben. Wütend schob sie Ella von sich weg. "Kai!", schrie sie den Blondschopf mit dem Macho-Lächeln an. "Verschwinde!" Wow. Mit dem war sie zusammen gewesen. Echte Konkurrenz. Aber nun gut, er war schließlich abgehakt. "Aber Anastasia, nun warte doch mal ab, was ich zu sagen habe", grinste Kai. "Ich will gar nichts von dir hören! Nichts! Rien. Kapito?" Sie trat auf ihn zu. "Was heißt 'rien'?", fragte Kai verwirrt. "Das heißt, dass du dich verpissen sollst!", fauchte Anastasia weiter. Henry verschränkte amüsiert die Arme vor der Brust. Er liebte es, wenn an Wochenenden etwas los war. "Was bist du denn so gemein?", fragte Kai empört und voller Ernsthaftigkeit. Anastasia tippte den Zeigefinger an ihre Stirn. "Weißt du Kai, es ist nicht so, dass ich dich hasse, aber wenn ich Wasser hätte und du würdest brennen... ich würd's trinken!" Er starrte sie mit geöffnetem Mund an, dann schien er sich zu fangen. "Anastasia", sagte er weich. "Die Zeit heilt alle Wunden." Das brachte das Fass zum Überlaufen und Anastasia ballte ihre Rechte zu einer Faust und schlug ihm volle Kanne ins Gesicht, sodass er himtenüber auf den Gehweg flog. "Ach ja?", zischte sie. "Dann ist ja gut. Das mit deinem Gesicht ist auch gleich wieder gut." Kai fasste sich an die Nase, während Ella einen erschrockenen Schritt zurückmachte. "So temperamentvoll hatte ich dich gar nicht in Erinnerung", japste sie, wofür sie sich einen vernichtenden Blick einfing. Anastasia wollte gerade ansetzten, weiter auf Kai einzudreschen, da kam Tim um die Ecke geschossen und hielt sie zurück. "Schatz, wer ist das?", fragte er und legte ihr besitzergreifend einen Arm um den Bauch. Anastasia blickte geschockt über seine Handlung zu ihm auf. Wo war die versteckte Kamera? Kam gleich endlich der Mann mit der Scherzmaske aus dem Gebüsch. "Ihr Ex", beantwortete Ella die Frage mit gerunzelter Stirn. Fragend blickte sie zu Anastasia, die weiterhin verkrampft in Tim's Armen hing. Kai rappelte sich auf; ein Schwall Blut schoss aus seiner Nase. "Ist das dein Neuer?", lallte er, sichtlich angeschlagen von ihrer Faust. "Äh", machte Ana perplex. "Jawohl. Der bin ich", log Tim, ohne mit der Wimper zu zucken. Anastasia bemühte sich darum, möglichst gleichgültig zu wirken. Ella schnappte nach Luft. Im selben Moment tauchte Susi am Fuß der Treppe auf, eingewickelt in einen Bademantel. "Was ist denn hier los?" "Das ist der neue Nachbar. Der wollte sich kurz vorstellen." Anastasia deutete auf Kai. "Soso. Und wieso blutet er aus der Nase?" Susi legte ihre Stirn in Falten. "Kunstblut. Er ist Schauspieler", gab Ella prompt zurück. "Und du?", bohrte Susi weiter, die Ana's beste Freundin anscheinend glatt übersehen hatte." Stephen, der nun ebenfalls dazustieß, nahm Ella die Antwort ab. "Ella!" Sein Blick schwenkte zu Kai. "Kai!" In seinen Augen blitzte etwas wie Freude auf. "Kommt rein!" Anastasia krallte ihre Fingernägel in Tim's Arm. Okay, das war ihr Untergang.
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Moritz radelte auf dem alten Hollandrad seiner Oma die menschenleere Straße entlang, die von Itter nach Himmelgeist führte, ein ebenso winziger Stadtteil Düsseldorfs. Dort gab es einen Bäcker und da zu Hause sowieso keiner bereit war, Frühstück zu machen, kaufte er sich lieber ein frisches Brötchen. Vielleicht hatten ja auch einige seiner Freunde Lust, mit ihm zum Bolzplatz zu gehen. Wäre eine nette Abwechslung zu all den hysterischen Weibern daheim... Verträumt sah er auf die Felder hinaus. Wenn er groß war, würde er einen Pferdehof gründen, jawohl, einen Pferdehof wie bei Bibi und Tina. Oder Horseland. Nur leider gab es im echten Leben keine solchen Pferde wie bei Horseland. Und hexen wie Bibi Blocksberg konnte auch keiner. Trotzdem, Pferdehöfe waren toll. Es gab in Itter sogar einen, aber er hatte noch nicht den Mut gehabt, sich bei einem Reitkurs anzumelden, da er befürchtete, in eine Gruppe voller pinker, quietschender Mädchen gesteckt zu werden. Und pinke, quietschende Mädchen gab es in seiner Klasse genug. Vor allem, wenn man bedachte, dass es, ihn eingeschlossen, lediglich fünf Jungen in seiner Klasse gab. Manchmal vergaßen die Mädchen sogar, dass sie welche waren, und dann saß man eine ganze Doppelstunde Politik zwischen kichernden, quatschenden Bezopften, die über Tina aus der Parallelklasse lästerten, die keine Wimperntusche auftragen konnte und nur Markenklamotten trug, oder wie sie von Joschua schwärmten, der ganz vorn sitzen musste, weil er solch ein Rabauke war. Und die Mädchen in seiner Klasse mochten Rabauken. Vor allem, wenn sie lakritzfarbene Haare und schokobraune Augen hatten. Und einen Geschmack für Mode. Mode. Mode war für Morirz eins der unnötigsten Dinge, mit denen man sich beschäftigen konnte. Aber die Mädchen zwitscherten ihn in Politik trotzdem damit zu. Ein Jammer, weil Politik das einzige Fach war, das ihn einigermaßen interessierte. Aber vielleicht dachte er das auch nur, denn eigentlich wusste er nur, dass sie zuletzt über Vorurteile gesprochen hatten. Und zum Thema Vorurteil war den Mädchen ganz viel zur Tina aus der Parallel eingefallen und sie hatten ihn mit Fakten über Abdeckstift zugebombt. Da sollte noch einer behaupten, Mädchen seien süß!
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Achtung Patchwork!
فكاهةGroßfamilie? Nein danke! Zumindest in den Augen der siebzehnjährigen Anastasia, die ein ganz idyllisches Leben in Köln, allein mit ihrem Vater führt. Doch von heute auf morgen findet sie sich in einem Düsseldorfer Neubaugebiet wieder und soll ab sof...
