Das Kapitel mit dem Milchregen

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Es gab Mädchen auf der Schule, die sahen einfach scheiße aus. Aber es gab auch welche, die waren einfach ein göttlich heißes Geschenk, für die man sich beim Herrn bedanken musste. Das fiel Henry auf, als er, wie jeden Montag Morgen in der Sporthalle saß. Und diesmal spielten sie kein Basketball, nein, sie machten Ausdauersport. So konnte er seinen Blick für den Rest der Stunde auf den perfekten Hintern der Blondine vor ihm heften und den Stress von daheim vergessen. Frank joggte neben einer Schwarzhaarigen, die dumm genug war, um nicht zu bemerken, dass er ihr durchgängig auf den Busen starrte. Tim hingegen merkte man seine Trauer selbst beim Laufen an. Er ließ Kopf und Schulter hängen, hämmerte förmlich mit den Füßen über den Boden anstatt vernünftig zu rennen und legte sich, passend zum Gong, der Nase lang hin. Ein Kichern ging durch die Runde, aber das schien ihn ebenso wenig zu interessieren wie sein aufgeschürftes Knie. Henry wusste, was sein Kumpel wollte: Anastasia. Und zwar wahr, richtig, nicht in dieser jämmerlichen Fake-Beziehung, die niemand ernstnahm. Und Henry wusste, dass Tim die Sache mehr zu schaffen machte, als es den Anschein hatte. Deswegen war er einer der wenigen, die nicht über Tims Ausrutscher lachen konnten. Die Blondine mit dem tollen Hintern joggte auf ihn zu, um ihm aufzuhelfen. "Alles klar?", zwitscherte sie. Doch Tim interessierte sich nicht dafür, dass vor seiner Nase eine Körbchengröße von Doppel D baumelte, sodass er ihre Hand einfach von seiner Schulter schlug und aufstand. Henry schüttelte den Kopf. Nein, Tim war definitiv nicht mehr wie er und Frank, es war anders, seit er verliebt war. Klar, Henry tat es auch nicht mehr so häufig wie früher, aber es herrschte auch sehr viel mehr Stress, seit Ana, Stephen und Torben in sein Leben getreten waren. "Mir kannst du gern aufhelfen, wenn ich fallen sollte", sagte er zu der Blondine, die Tim enttäuscht hinterherschaute. Es fiel auf, dass sie eine andere Reaktion von ihm erwartet hatte. Doch als Henry ausgesprochen hatte, sah sie Henry empört an. Hatte sie etwa sofort verstanden, worauf er hinauswollte? "Ich stehe nicht auf brünette Jungs", sagte sie schnippisch und zwirbelte in ihrer Frisur. "Und auf Spanner, die mir beim Joggen den Arsch abstarren, erst recht nicht." Jap, sie hatte verstanden, worauf er hinaus wollte. Für Henry war es wie ein Schlag ins Gesicht - auch er war es nicht gewohnt, abgeblitzt zu werden. "Und auf Japsen?", rief Frank der Blondine hinterher. "Stehst du auf Japsen?" Das Mädchen drehte sich zu ihm um. "Ich glaube", sagte sie, "ich glaube, ich stehe auf Jungs, die nicht fragen, auf was ich stehe." Mit den Worten joggte sie Tim hinterher, der inzwischen aus der Sporthalle humpelte. Henry und Frank wechselten einen vielsagenden Blick und zuckten dann gleichzeitig mit den Schultern. Mädchen gab es schließlich wie Sand am Meer.

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"Morning!", rief Mareike, während sie die Haustür hinter sich zuknallte. Susi, die im Bademantel die Treppe hinunterkroch, unterdrückte ein Gähnen. "Wie kommst du denn hier rein?" "Mit der hier." Zur Antwort hielt Mareike eine Haarklammer in die Höhe. Susi verdrehte die Augen. "Was machst du?", fragte Mareike und klapperte in die Küche, wo sie sich auf die Anrichte setzte. "Frühstück", sagte Susi und streckte sich. "Jetzt erst?" Mareike runzelte die Stirn und sah zur Uhr. "Es ist acht Uhr. Die Kinder sind längst in der Schule!" "Anastasia, Ella und Kai nicht." Susi zuckte die Achseln, dann stellte sie die Kaffeemaschine an. "Ich hab schlecht geschlafen", erklärte sie ihr Verhalten. Mareike kicherte amüsiert und griff zu einer verschimmelten Möhre, in die sie herzhaft hineinbiss. "Ist es spät geworden bei euch zweien?" Susi nickte gequält. "Anastasia hat Stephen mit der Bibel geschlagen und dann wollte er sich wohl seinen Frust abvögeln. Du lieber Scholli, das hab ich jetzt nicht gesagt, oder?" Erschrocken hielt sie sich die Hand vor den Mund. Mareike legte die Möhre in den Obstkorb zurück. "Si, Darlin", zwitscherte sie. "Wie geht's Moritz?" Vor Schreck ließ Susi ihre Tasse fallen. "Den hab ich ja ganz vergessen!", rief sie aus. "Er wird morgen entlassen", beschwichtigte ihre Cousine sie. "Annabell hat es vorhergesehen." Susi blickte sie verärgert an. "Wir sind hier nicht in einer Twilight-Verfilmung, sondern im echten Leben. Ich muss zu ihm!" "Wer ist nicht in Twilight?", fragte Anastasia, die soeben den Raum betreten hatte, dicht gefolgt von Ella. "Wir", sagte Susi knapp, denn bevor sie erklären konnte, fiel Mareike ihr ins Wort. "Erst wird gefrühstückt, Darling! Und außerdem glaubst du selber an energetische Energien und spirituelle Sichtweisen, die durch den starken Glauben an das Überirdische möglich sind!", empörte sie sich. Ella und Anastasia sahen verwirrt zwischen den beiden Frauen hin und her. Susi schloss die Augen und atmete tief ein. "Ich glaube an körperlich übertragbare Energien im yogischen Bereich!", korrigierte sie ruhig. "Nicht an Erscheinungen wie deine Tochter." Mareike schnappte nach Luft. "Meine Tochter ist keine Erscheinung, sie ist Fleisch und Blut, und zwar aus Jochen und mir!" Susi füllte den Kaffee in vier Tassen und ging dann zum Toaster, um Brot einzuwerfen. "Bist du dir sicher, dass es Jochen's Blut ist? Vielleicht ist der Chefarzt ja auch an Annabell's Zeugung beteiligt", sagte sie, immer noch die Ruhe in Person. "Grrr", machte Mareike. "Grrr", äffte Ella sie nach, dann prustete sie los und setzte sich an den Tisch. "Leute, das will echt keiner hören", stöhnte Anastasia. "Wer auch immer Annabell's leiblicher Vater ist - irgendwas ist da schief gelaufen. Vielleicht liegt es auch an ihr. Hat ihr schonmal jemand vorgeschlagen, den Dealer zu wechseln?" "Tse", machte Mareike und raufte sich die dunklen Locken. "Sie nimmt keine Drogen. Und wenn schon, dann bin ich  ihr Dealer." Anastasia nickte langsam. "Jetzt macht's Sinn." In dem Moment kam Kai in die Küche geschlendert. "Morgen", sagte er fröhlich. "Morgen", erwiderte Susi lächelnd, während sie ihm eine Scheibe Toast in die Hand drückte. "Du siehst ja schick aus - und du riechst gut. Was hast du vor?" Kai fuhr sich lächelnd durch die perfekt gestylten Haare. Anastasia hasste diese Geste von Arroganz, weswegen sie die Augen verdrehte. Arschloch,  dachte sie, während sie zur Milchpackung griff und sie in großen Schlucken leerte. "Ich habe ein Date", erklärte Kai und wenig später regnete es Milch. "Was?", fragte Anastasia. "Was?", fragte Ella, nachdem sie aufgesprungen war. "Was?", fragte Susi mit geweiteten Augen. "Die Milch, die du ausgespuckt hast, sah aus wie Sp... was anderes", gluckste Mareike und deutete lachend auf Anastasia. Niemand beachtete sie. "Mit wem das denn?", fragte Ella an Kai gewandt, wobei sie klang wie eine wütende Wildkatze. "Ein ganz besonderes Mädchen", erklärte Kai und blinzelte kurz zu Ana, die ungläubig den Kopf schüttelte. "Wer geht denn mit dir aus? Und das um halb neun morgens..." "Mädchen, die schrecklich tief in der Scheiße stecken, und jemanden zum anlehnen brauchen, weil ihr Ex-Freund ein Arsch ist und zu Hause nichts so läuft,  wie es laufen sollte. Mädchen, die im Trubel irgendeiner Großfamilie vollkommen untergehen. Es gibt viele Möglichkeiten." Kai grinste in die Runde. Und er blieb ein Wixxer! Auch wenn er seine lustige Art beibehalten hatte und... nein - Er war einfach die geborene Pappnase! Anastasia zwängte sich zornig an ihm vorbei. "Du kannst mich mal", zischte sie. Tim behielt das Grinsen auf den Lippen - Er wusste, dass seine Botschaft angekommen war. Und nun würde sich Anastasia umziehen, um erst die Lateinklausur zu schreiben und danach ein Date zu haben. 

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"Mira?" Jeroma kam über den Schulhof auf sie zugestürmt. Mira legte verwirrt den Kopf schief - Was sollte das werden? "Mira", keuchte Jerome, als er vor ihr zum Stehen kam. Kleine Wölkchen stiegen aus seinem Mund und waderten durch die Luft. Es wurde von Tag zu Tag zunehmend kälter. "Ja?", fragte Mira, wobei sie versuchte, ihre Nervösität zu überspielen. "Wegen Samstag... Es tut mir leid, dass ich krank -" "Das macht doch nichts!", winkte Mira lachend ab. Dass sie das ganze Wochenende deswegen geheult hatte, musste sie ihm ja nicht unter die Nase reiben, da sie jetzt neue Pläne hatte. Und Freitag, auf Mareike's Halloweenparty, würde nichts dazwischenkommen. Alles würde perfekt ablaufen und sie würden das  Paar der Jahrgangsstufe sein. Aber davor durfte nichts passieren. Sie durften sich nicht küssen und sie durften nicht zusammenkommen, das würde ihr alles versauen. "Ich hatte das eigentlich für Samstag geplant, aber sonst frag ich dich eben jetzt..." Jerome setzte das schiefe Grinsen auf, das sie so mochte. Trotzdem ahnte sie schreckliches. "Nein!", sagte sie schnell. "Was nein?" Sie rang sich ein Lachen ab. "Also nicht, dass ich Nein sagen würde, aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt, also ich äh, du weißt schon. Ich hab es anders geplant." Sie trat bibbernd von einem Fuß auf den anderen. Das Ganze war ihr mehr als peinlich - so etwas war einfach zum 'Im-Boden-Versinken'! "Wovon redest du?", wollte Jerome wissen und wirkte dabei ehrlich verwirrt. "Von deiner Frage", antwortete Mira. "Achso. Tschuldige, du hast mich irgendwie aus dem Konzept gebracht. Ja, was ich dich fragen wollte -" "Findest du nicht auch, dass es echt kalt geworden ist?", plapperte Mira dazwischen. "Also, das wollte ich dich fragen und ich dachte: Ladies first." Sie lächelte unbeholfen. Irgendwas ging hier nach hinten los. Beziehungsweise, es ging viel zu früh los! "Ähm... okay, ja, also du hast natürlich Recht, aber eigentlich -" "Müsst ihr auch so ein dämliches Buch in Deutsch lesen?", fragte Mira, theatralisch seufzend. "Lass mich doch mal ausreden!", wetterte Jerome. "Genau das wäre ja mein Fehler!", jammerte sie, als sie Kai am Schulhof auftauchen sah. "Warum?", fragte Jerome verwirrt. "Weil.. ach, denk dir was aus, ich hab keine Zeit mehr. Wir sehen uns Freitag." Sie knuffte ihn gegen die Schulter, bevor sie auf Kai zurannte. "Was machst du schon hier?", zischte sie. "Du sollst Ana erst nach der Schule abholen!"

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Hey. ♥ Also, ich hab ein neues Buch veröffentlicht und die Panem-Fans unter euch könnten ja mal reinlesen. ♥ Es heißt.  Die Tribute von Panem - mörderisches Vergnügen. Es wäre echt toll, wenn ihr da mal vorbeischauen könntet. Ansonsten wie immer voten und kommentieren! ♡♡♡♡

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