"Hey, Darlin'!", rief Mareike, bevor sie Susi einen Kuss auf den Mund schmatzte. In den Händen hielt sie eine große Tupperdose und sie trug ein schwarzes Kleid mit langen, weiten Ärmeln. Mit dem wirren, schwarzen Haar und den Schlitzaugen sah sie ein bisschen so aus wie Draculas Ehefrau, aber den Kommentar verkniff Susi sich lieber. Lächelnd nahm sie die Tupperdose an sich. "Was ist das denn?" Mareike klapperte ins Wohnzimmer. "Anti Pasti, Vorspeise!" Susi sah ihr fragend hinterher. "Sie hat doch immer so ein schlechtes Gewissen, wenn sie nichts zu etwas beitragen kann", raunte Jochen ihr zu und ging zur Gaderobe. Annabell schloss die Tür und lächelte die Kreschmeyers an. Auch heute trug sie rote Kontaktlinsen, dazu ein Batikhaarband und eine blau gepunktete Tunika, die sie mit einem pinken Faltenrock kombiniert hatte. Sie sah aus wie ein Altkleidercontainer. Mira und Anastasia waren dagegen Supermodels. "Hi", sagte Annabell mit einer seltsamen Handbewegung. "Hallo", murmelte Ana, aber Mira nahm ihre Großcousine herzlich in die Arme. "Schön, dich zu sehen. Gibt's Neues von der Halloweenparty?" Sie bugsierte Annabell ins Wohnzimmer. Anastasia verdrehte die Augen. Natürlich, die Party am Freitag. Sie hatte immer noch kein richtiges Kostüm. Wahrscheinlich würde sie sich einfach einen dieser aufblasbaren Kürbisanzüge kaufen und sich die Haare grün sprühen. Es klingelte erneut an der Tür. "Oh Gott, das sind meine Eltern!", rief Susi erschrocken. "War ja auch so geplant." Anastasia stellte sich in Position, Mira sprang ihr zur Seite. "Leute, die Aufstellung!", schrie Susi. Die beiden Familien versammelten sich im Flur, während es erneut klingelte. Susi riss die Tür auf. "Mama!" "Mein Gott, Beate, wie oft noch: Ich will nicht 'Mama' von dir genannt werden! Für dich bin ich Rosalie", schimpfte eine tiefe Frauenstimme. Stephen verzog mitleidig das Gesicht. "Ich heiße Susanne", berichtigte Susi mit schriller Stimme. Anscheinend hatte sie sich diesen Empfang anders vorgestellt. Anastasia lehnte sich gespannt vor, um ihre Stiefoma erkennen zu können, aber sie sah nur einen roten Hut mit schwarzen Federn. Oh Gott! "Susanne war die Entscheidung deines Vaters, du weißt, dass ich dich immer Beate nennen wollte", motzte die tiefe Stimme. Susi überging diesen Kommentar mit einem Seufzen und beugte sich hinab, um einen kleinen, zerbrechlichen Mann zu umarmen. "Hallo, Papa." Der Mann erwiderte mit einem Nicken. "Susi!", brüllte er krächzend. Henry und Ana stießen vor Schreck zusammen. "Er ist schwerhörig", raunte er ihr zu. "Er denkt, wir alle sind schwerhörig, deswegen schreit er so." Anastasia nickte - davon hatte sie gehört. "Nenn' ihn Ernst und nicht 'Papa'", herrschte die Frauenstimme Susi an. "Er hört doch sowieso nichts", erwiderte Susi trotzig wie ein kleines Kind. Dann zog sie die Tür auf und machte einen Schritt zurück. "Kommt rein." Endlich konnte Anastasia die Frau erkennen: Sie hatte golden gefärbte Locken, die unter dem Hut hervorlinsten. Ihre Augen waren braungrün und für eine alte Frau ziemlich stark geschminkt. Die dünnen Lippen waren knallrot. Anastasia verzog das Gesicht, als sie den Rest des Körpers betrachtete. Oma Kreschmeyer war sehr schlank, auch wenn sie klein war. Sie trug einen Leopardenmantel und rote, hochhackige Schuhe, in denen Tänzerinnenfüße steckte. "Tante Rosalie!", zwitscherte Mareike und nahm Oma Kreschmeyer in die Arme. Susi verschränkte die Arme vor der Brust und Jochen half Opa Kreschmeyer ins Haus. Er war klein, faltig, hatte knittrige Haut und braune Altersflecken. Über seinen zugekniffenen Augen prangte eine weiße, dicke Monobraue. Haare besaß er kaum, lediglich ein silberner Kranz zog sich um seinen glänzenden Kopf. An seinem Ohr hing ein graues, unförmiges Gerät. Die Hand, mit der er seinen Stock hielt, zitterte, genau wie seine dürren Beinchen, die ein beige farbenen Leinenhosen steckten. Er sah Anastasia an. Sie setzte ihr Kleinmädchen-Lächeln auf, machte einen Schritt auf ihn zu und gab ihm die Hand. "Hallo!", sagte sie laut. "Ich bin Anastasia." Sie versuchte so deutlich wie möglich zu sprechen, doch er reagierte kaum. Susi winkte ab. "Lass mal. Mein Vater ist nicht mehr ganz bei uns." Sie hakte sich bei Opa Kreschmeyer unter und brachte ihn ins Wohnzimmer. Derweil verteilte Oma Kreschmeyer 50-Euroscheine an ihre Enkel. "Na, Henry." Sie tätschelte gutmütig seine Wange. "Was macht dein Penisproblem? Deine Mutter hat mir erzählt, dass du morgens oft Schwierigkeiten hattest, ihn unter Kontrolle zu halten." Sie kicherte vergnügt. Henry starrte mit hochrotem Kopf auf den Schein in seinen Händen, während Anastasia krampfhaft das Lachen unterdrückte. "Mira", sagte Rosalie. "Hi, Oma", piepste Mira. "Hast aber ganz schön zugenommen", sagte Oma Kreschmeyer und musterte ihre Enkelin. "Frustfraß", antwortete Mira gepresst. "Verstehe. Na ja, wenn ich das Gesicht hätte, würde ich wahrscheinlich nur noch essen." Mira starrte ihre Oma empört an, doch diese drückte nun Annabell 50 Euro in die Hand. Ana fragte sich, was sie zu den roten Augen sagen würde... "Hat dich ein Vampir gebissen?" "Ach nein", winkte Annabell lächelnd ab. "Das trage ich nur so." Rosalie runzelte die Stirn. "Schläfst du auch im Sarg, 'nur so'?" Sie schüttelte verständnislos den Kopf und blickte zu Moritz. "Hallo, kleiner Hosenscheißer. Das letzte Mal, als ich hier war, hattest du so schrecklichen Durchfall, stimmt's?" Anastasia sah Moritz an und wartete auf seine Antwort. "Oma, ich hatte eine Salmonellenvergiftung", zischte er, während er rasch das Geld in seine Hosentasche steckte. "Ich erinnere mich." Rosalie lächelte dünn, dann wirbelte sie plötzlich zu Anastasia herum. Ihr sackte das Herz in die Knie. "Anastazie, richtig?" Das klang wie eine Mischung aus Ananas und Pistazie...! "Anastasia", korrigierte Anastasia, ehe sie die Hand ausstreckte. "Freut mich, Sie kennenzulernen, Frau Kreschmeyer." Rosalie verengte die Augen zu Schlitzen. "Freu dich nicht zu früh."
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Achtung Patchwork!
HumorGroßfamilie? Nein danke! Zumindest in den Augen der siebzehnjährigen Anastasia, die ein ganz idyllisches Leben in Köln, allein mit ihrem Vater führt. Doch von heute auf morgen findet sie sich in einem Düsseldorfer Neubaugebiet wieder und soll ab sof...
