Ich erwachte von aufgebrachten Stimmen unmittelbar neben mir.
„Und was machen wir jetzt?"
„Ich bin ja immer noch dafür, sie umzutauschen."
„Du weißt genauso gut wie wir alle, dass das nicht geht."
„Warum nicht? Du bist sonst auch immer dafür, dass Undenkbare möglich zu machen."
Ich blinzelte verwirrt. Ein Mädchen beugte sich über mich. Sie hatte lange, schwarze Haare - ein Rabenkind. Und mit diesem Gedanken brach die Erinnerung über mich herein und mit ihr eine heiden Angst.
Was würde nun mit mir geschehen? Und was wollten sie von Mark? Ging es ihm gut? Und wenn ja, wie lange würde das noch der Fall sein?
Ich ließ mich wieder in die Kissen sinken, wollte die Taubheit der Bewusstlosigkeit zurück. Aber ich konnte mich nicht verstecken. Nicht vor meinen eigenen Gedanken und vor den Rabenkindern schon gar nicht.
"He Leute! Ich glaube sie ist aufgewacht."
Ich hörte wie sich stampfende Schritte näherten. Jemand schnaubte wütend. Dann wurde ich unsanft in die Backe gezwickt. Aufgeschreckt fuhr ich in die Höhe und knallte mit dem Kopf gegen etwas dünnes, hartes. Es knackte.
"Aaahhh!" Kreidebleich taumelte Rabenklaue, besser bekannt als "Der Schnösel" zurück und hielt sich seine Nase.
"Da habt ihrs! Habe ich es nicht gleicht gesagt?" nuschelte er durch seine Handflächen hindurch. "Sie taugt nicht als Champion! Ich plädiere dafür, dass wir sie umtauschen!"
Tja, da wären wir also schon zu zweit. Wer hätte gedacht, dass ich und Rabenklaue jemals einer Meinung sein würden?
"Komm doch endlich wieder zur Vernunft. Wir würden unser Gesicht verlieren, wenn wir die Wahl der Göttin in Zweifel stellen. Das geht nicht, Rabenklaue," erwiderte die Rabenmutter ungewöhnlich sanft, aber bestimmt.
"Ja und? Andernfalls würde ich den Tron verlieren! Ist es das was du willst?
Sagen wir doch einfach, Götter können auch mal irren?
Was haltet ihr davon, wenn ich einen Traum habe? Die Göttin spricht zu mir und bittet mich die Zeremonie zu wiederholen? Und dieses Mal will ich aber sichergehen, dass die Raben richtig abgerichtet sind. Ich will große starke Männer, keine kleinen, dummen Mädchen!"
"Oh nein, mein Lieber!" flüsterte die Rabenmutter ihm ins Ohr, aber nicht leise genug. "Ich habe einen Plan..."
Wenige Minuten später lief ich an der Seite der Rabenmutter an einer nicht enden wollenden Reihe von Portraits vorbei. Die anderen Adeligen folgten uns im Schlepptau.
Die Gemälde zeigten allesamt Vorfahren der Rabenkinder. Ab und an waren unter den Rahmen in ein paar knappen Sätzen besondere Taten der Dargestellten erklärt.
Siege in Kriegen, Abschlüsse bedeutender Handelsverträge, Niederschlagung von Aufständen, ...
Mir fiel auf, dass die Adeligen nicht immer so umwerfend ausgesehen hatten. Erst ab einem gewissen Punkt änderte sich das gravierend.
Nach einer gefühlten Ewigkeit hatten wir endlich das Ende des Ganges erreicht. Dort befand sich eine Art Altar, vor dem die Rabenmutter nun ehrfürchtig niederkniete. Die restlichen Rabenkinder folgten umgehend ihrem Beispiel.
Ich war die einzige, die noch stand.
Verwirrt betrachtete ich die Gemälde über dem Altar. Zwei von ihnen zeigten große, stattliche Männer mit dunklen Augen und schwarzem Haar.
"Das, meine Liebe, sind die einzigen beiden Herrscher, die unsere Familie je hervorgebracht hat. Und diese beiden hier unten, das waren ihre Champions."
Andächtig strich die Rabenmutter über die Rahmen der Herrscherportraits. Und natürlich würdigte sie die Champions, die ja die eigentliche Arbeit geleistet hatten, kaum eines Blickes. Wir waren eben nur das Mittel zum Zweck.
Direkt daneben hing allerdings ein Portrait von jemandem, den ich nur zu gut kannte.
"Ganz Recht, das wird unser neuer König," sagte die Rabenmutter.
Und mit einem gebieterischen Lächeln fügte sie hinzu: "Verstanden?"
Ich dachte eigentlich, das Mädchen, das sich vorhin über mein Bett gebeugt hatte, wäre ganz in Ordnung. Bis die Rabenmutter ihr befahl, mich zu meinen Schlafgemächern zu geleiten.
Pausenlos vor sich hinplappernd führte sie mich durch die Gänge, zeigte hier hin und dort hin, Esszimmer rechts um die Ecke, Ballsaal, Spieglelzimmer, Forschungszentrum, ...
Sie hieß übrigens Rabenfeder und war in etwa so alt wie ich. Und sie hatte einen liebreizenden, kleinen Zuchtraben namens Cubert, dessen Federn Lila schimmerten, wenn die Sonne im richtigen Winkel darauf schien, außerdem wünschte sie sich schon seit Ewigkeiten einen kleines, süßes Schoßhündchen, was die Rabenmutter aber nicht erlaubte, und sie war noch am überlegen, ob sie es Matilda oder Eugenie nennen würde...
Die hatte vielleicht Probleme.
Der Palast war allerdings ganz interessant. Ich vergaß sogar für den Moment, mir Sorgen wegen Mark und dem ganzen Champion-Dings zu machen. Dennoch blieb ein ungutes Gefühl. Wohin ich auch schaute, alles war hochmodern, blitzsauber und nigelnagelneu. Aber trotzdem wohnte dem Gebäude eine schlichte Eleganz inne, die ihresgleichen suchte.
Ein bisschen zu schaffen machte mir die Bauweise allerdings schon. Bereits nach wenigen Abzweigungen hatte ich völlig die Orientierung verloren. Wohin man auch ging, überall waren großzügige Fenster eingelassen. Und sie alle boten einen atemberaubenden Ausblick auf die Lichter der Stadt unter uns. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht gewusst, dass unsere Stadt so schön sein kann.
Bestimmt fragt ihr euch jetzt, was um Himmelswillen mein Problem daran war. Und nein, diesmal war es nicht die Höhe.
Passt mal auf: die Fenster zeigten zu beiden Seiten nur die Stadt, dabei war ich mir ziemlich sicher gewesen, dass zu meiner Rechten Mauern und Räume liegen mussten. Außerdem konnte ich keine Türen erkennen. Obwohl Rabenfeder ständig behauptete:
"Links von uns liegt der Versammlungsraum, die Türe Rechts führt zum Auditorium,..."
Ich spürte, wie meine Konzentration nachließ und unterdrückte ein Gähnen. Jetzt, wo mein Adrenalinspiegel zu sinken begann, fing der fehlende Nachtschlaf langsam aber sicher an, sein Tribut zu fordern.
Ich bemühte mich wenigstens einen interessierten Eindruck zu machen und versuchte von Zeit zu Zeit verständnisvoll zu nicken.
Ich muss sagen, dass mir das erstaunlich gut gelang. Zu gut, wie sich wenig später herausstellen sollte.
"... so, jetzt bist du dran."
Bitte was? Reflexartig blickte ich mich um. Aber da war niemand. Sie meinte mich. Verdammt!
"Oh Mann, ich habe es dir doch gerade eben schon erklärt. Du musst deine Hand hier drauflegen, damit sie ins System eingelesen wird. Sonst kannst du keine wichtige Türe öffnen."
Resolut packte sie mein Handgelenk und drückte meine Handfläche gegen ein ovales Feld während sie wild auf irgendwelche Zeichen und Symbole tippte. Und siehe da, eines der angeblichen Fenster sprang auf und offenbarte mein so genanntes Schlafgemach. Erstaunt sah ich mich um. Es war um einiges größer als die bescheidenen Räumlichkeiten, die ich mir mit meiner Familie geteilt hatte. Und deutlich luxuriöser. Ich hatte zum Beispiel einen Hängesessel und einen eigenen Leibroboter, der mich sogleich mit einer tiefen Verbeugung und den Worten: "Stehts zu diensten, Mylady," begrüßte.
Außerdem bestand die vordere Wand nur aus Glas. Man hatte einen wunderbaren Ausblick auf einen atemberaubenden Sonnenuntergang über dem Meer. Es sah so echt aus. Zumindest, solange man den logischen Teil seines Gehirns nicht gebrauchte. Was sich wohl sonst noch so alles hinter dieser scheinbaren Glasfassade verbarg? Überwachungskameras, die jeden meiner Schritte dokumentierten? Fallen und Waffendepots? Am Ende schlief ich noch direkt neben einer Atombombe. Ich schauderte.
Ich weiß nicht, ob ihr die Tatsache auch so cool findet wie ich, aber ich hatte sogar ein eigenes Bad! Ein ziemlich spaciges sogar.
Allerdings hielt Rabenfeder die Bewohner der Unterschicht im Allgemeinen und mich im Besonderen, für äußerst dumm und rückständig oder aber sie startete gerade den vergeblichen Versuch, die Atmosphäre mit einem schlechten Scherz auf meine Kosten aufzulockern, erklärte mir doch ernsthaft, was eine Dusche war und wie man eine Toilette benutzte!
Peinlich berührt starrte ich auf den Boden, wusste nicht wie ich angemessen reagieren sollte. Mal im Ernst, was hättest du denn gemacht?
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Im Zeichen des Raben
Science FictionIn ferner Zukunft. Kriege, Klimawandel und Umweltverschmutzung haben ihren Tribut gefordert. Unsere heutige Zivilisation wurde vom Erdboden getilgt. Aus ihren Ruinen sind neue Hochkulturen entstanden. Neue Königreiche regieren nun die Welt. Für viel...
