Wendelin schreckte auf als der durchdringende Schlag großer Glocken dumpf durch das Gemäuer des Klosters der aufrechten Diener der Rabengöttin hallte.
Hastig klappte er das Abendblatt zu und schob es zwischen seine Hausaufgaben, die überall verstreut auf dem Schreibtisch herumfuhren. Irgendwie hatte er völlig die Zeit vergessen.
Er blickte sich in dem kleinen Zimmer um, das ihm und seinem Klassenkameraden Ilija als Arbeits- und Schlafraum diente. Abgesehen von einem hohen, aber schmalen Schrank, ihren Betten und zwei dazugehörigen Schreibtischen, war der Raum leer.
Erleichtert atmete Wendelin aus. Ilija hatte sich also doch nicht unbemerkt hereingeschlichen, wie er insgeheim befürchtet hatte.
Er fuhr sich mit der linken Hand durch die kurzen, braunen Locken und betrachtete nachdenklich die vollgekritzelten Blätter.
Eigentlich hätte er den Aufsatz über die Heilige Susanne längst fertig haben sollen.
Und Lernen wäre wohl auch ganz gut gewesen. Morgen war Rechtskunde, gleich nach dem Gottesdienst. Da wurde häufig abgefragt.
Er seufzte. Die Ausbildung zum Priester war wirklich nichts, was man nebenbei erledigte.
Vielleicht war das auch ganz gut so. Es sollte schließlich nicht jeder Idiot Unsinn über die Rabengöttin im Volk verbreiten oder Recht sprechen, wie es ihm gerade in den Kram passte. Die Priesterschaft musste sich schon penibel an das Gesetzeswerk der Rabenkinder halten.
Auch wenn das hieß, dass sie sich nicht eigenständig in weltliche Dinge einmischen sollten. Religion war schließlich nichts, womit man Politik machte.
Das galt gerade für Novizen wie ihn. Er durfte keinen engeren Kontakt zur Außenwelt pflegen, um sich ganz auf die heilige Lehre konzentrieren zu können. Wenn er ehrlich war, hätte er die Zeitschrift, die er sich heute Abend heimlich besorgt hatte, nicht einmal besitzen dürfen.
Aber die Neuigkeiten ließen ihm keine Ruhe.
Er massierte sich die Schläfe und blickte aus dem Fenster.
Ein letzter Hauch von Lila lag auf den grauen Wolken, die über den tristen Bergen am Horizont dahinzogen. Die akkurat in Form gestutzten Sträucher im Innenhof waren kaum mehr als blasse Silhouetten im schwindenden Sonnenlicht.
Vor wenigen Tagen erst war Wendelin dem alten König persönlich begegnet.
Wenn er die Augen schloss, sah er das dickliche lächelnde Gesicht noch vor sich. Fast so, als wäre er noch da.
Wendelin schüttelte melancholisch den Kopf. Der alten König.
Jetzt dachte er auch schon so.
Eben noch war er quietschlebendig auf seinem Thron gehockt und hatte sich die Anliegen der Priesterschaft angehört. Jetzt, kaum eine Woche später, war er tot.
Und alle Welt sprach nur vom alten König. Wenn überhaupt.
Seine Beerdigung, kaum mehr als eine Notiz am Rande.
Vergessen war sein Leben, seine Werke, seine Ziele. Alles, was zählte, war scheinbar das, was kommen würde. Rabenklaue. Möglicherweise. Oder einer der anderen.
War das immer so?
Dass sich die Menschen nur für die Zukunft interessierten und nicht für die Vergangenheit?
Und was war eigentlich mit der Gegenwart?
Er nahm einen Stift in die Hand und trommelte abwesend auf dem Tisch herum. Das Abendblatt lag noch immer gut versteckt zwischen seinen Notizen zum Regelwerk des Frank Lulle über das Leben eines göttingefälligen Priesters und wie die Thesen der Heiligen Susanne ihn inspiriert hatten.
Wobei ... wenn man genau darauf achtgab, konnte man erahnen, dass sich etwas darunter verbarg.
Nervös blickte er zur Tür.
Sein Zimmernachbar müsste jeden Augenblick hereingestürmt kommen. Das erste Abendgeläut war das unmissverständliche Signal, sich unverzüglich auf sein Zimmer zu begeben. Wenn die zweite Abendglocke erklang, hatte sich ein jeder auf seinem Zimmer zu befinden und es war an der Zeit, ein kurzes Nachtgebet zu sprechen, bevor man sich zu Bett begab. So war es Vorschrift. Priester sollten ruhen, wenn es Nacht war und rührig sein am Tage.
Kurz überlegte er, ob es nicht klüger wäre, die Zeitschrift unter seiner Matratze zu verstecken. Aber was, wenn Ilija genau in diesem Moment die Tür aufriss?
Wendelin blickte zu den zwei schmalen Pritschen, die sich kaum einen Schritt entfernt gegenüberstanden. Seine auf der Ostseite, Ilijas an der Westwand.
Sie wirkten kalt und leer. Die, seiner Meinung nach, viel zu dünne, schwarze Bettdecke mit dem silbernen Rabenlogo lag ordentlich gefaltet am Fußende.
Vielleicht wäre das ein ganz geschickter Ort. Die meiste Zeit wurde der Spalt zwischen Matratze und Lattenrost von der Decke verdeckt.
Andererseits war das Fußende am weitesten vom Schreibtisch entfernt und wenn Ilija ihn erwischte, bevor er wieder am Schreibtisch saß, würde er wirklich ein gute Erklärung dafür abliefern müssen, was genau er da machte.
Und Ilija fragte immer nach. Er gehörte nicht zu den Menschen, die Dinge einfach so hinnahmen.
Vielleicht könnte er behaupten, dass er versehentlich die Bettdecke hinuntergeschmissen hatte. Das würde zumindest erklären, warum er an seinem Bett herumfurwerkelte.
Andererseits konnte er förmlich Ilijas feixende Stimme hören: "Und wie genau hast du das jetzt schon wieder angestellt? Normalerweise läuft man ja nicht einfach so am Bett vorbei und schwupps liegt die Decke unten."
Aber selbst wenn er sich eine halbwegs passable Antwort zurechtlegte, würde das alles nichts bringen, wenn Ilija ihn erwischte, bevor er die Zeitschrift in Sicherheit gebracht hatte.
Vermutlich würde sein Zimmernachbar zwar den Priestern gegenüber die Klappe halten, aber was die anderen Novizen anging, war Wendelin sich nicht so sicher.
Und sollte ihn jemand tatsächlich verpetzen, hätte er ganz sicher ein Problem. Und zwar ein gewaltiges. Der Erhalt von Informationen, die nicht unmittelbar mit der Ausbildung zum Priester zu tun hatten, war bei Strafe verboten. Auch wenn es sich dabei um Nachrichten von den eigenen Eltern handelte.
Die Priester drückten zwar ab und an ein zwei Augen zu, aber wenn jemand so offensichtlich gegen die Regeln verstieß wie er mit dem Kauf der Zeitschrift, verstanden sie keinen Spaß mehr.
DU LIEST GERADE
Im Zeichen des Raben
Science FictionIn ferner Zukunft. Kriege, Klimawandel und Umweltverschmutzung haben ihren Tribut gefordert. Unsere heutige Zivilisation wurde vom Erdboden getilgt. Aus ihren Ruinen sind neue Hochkulturen entstanden. Neue Königreiche regieren nun die Welt. Für viel...
