"Wie genau geht es jetzt für mich weiter?"
"Was?" fragte Rabenklaue spöttisch. "Dein weiblicher Monatszyklus?"
Ich warf ihm einen giftigen Blick zu, der ihn zum Schweigen bringen sollte.
Er tat mir den Gefallen, grinste aber auf eine Art und Weise in sich hinein, die verriet wie amüsant er den Verlauf unsere Unterredung fand.
"Ich meinte den Wettlauf," stellte ich klar, obwohl ich den Verdacht hatte, dass er das sehr wohl wusste. Oder zumindest ahnte. "Es steht schon seit einer gefühlten Ewigkeit fest, dass ich dort für dich antreten muss. Bisher hat es allerdings noch niemand für nötig befunden, mir zu sagen, was genau ich eigentlich tun soll, wenn es soweit ist. "
Rabenklaue betrachtete mich mit zusammengezogenen Augenbrauen.
"Das hat dir noch niemand erklärt?"
Er klang ehrlich verblüfft.
Ich schüttelte energisch den Kopf.
"Ihr hattet ja nichts Besseres zu tun als mich euren Vorstellungen von Ästhetik anzupassen und Professor Dr. Dr. Lohnmeyer damit zu beauftragen, mich mit tausenden, auch so wichtigen, Benimmregeln zu bombardieren.
Wie gesagt, keiner hat es für nötig befunden mich aufzuklären, aber ich bezweifle trotzdem stark, dass mir dieses Wissen beim Wettlauf weiterhelfen wird. Ich meine, ich werde die anderen wohl kaum damit umhauen, dass ich weiß wie man standesgemäß in ein Taschentuch niest."
Nachdenklich strich sich Rabenklaue mit Daumen und Zeigefinger über das Kinn. "Ich dachte eigentlich, die Rabenmutter - wobei die vermutlich davon ausging, dass ich oder Mr. Lohnmeyer ..."
Er verstummte und fuhr sich mit der Linken durch die Haare.
"Wenn ich ehrlich bin, wissen wir selber nicht so genau wie das alles im Detail abläuft."
Jetzt war ich es, die ihn entgeistert anstarrte.
Die Rabenkinder wussten es nicht? Nicht mal die?
"Was hast du denn gedacht? Dass wir dich absichtlich völlig im Dunkeln tappen lassen?" Er schüttelte grinsend den Kopf. "Manchmal bist du echt witzig.
Aber um auf deine anfängliche Frage zurückzukommen, nein, wir wissen in der Tat nicht genau, wie der Wettlauf im Einzelnen vonstattengehen wird.
Allerdings muss ich ehrlich zugeben, dass wir vielleicht ein bisschen besser hätten kommunizieren können. So ein paar grundsätzliche Dinge wissen wir schon, aber leider keine Details. Du hättest dich deswegen auch ruhig schon früher melden können. Ich beiße nicht. Nur bei Mr. Lohnmayer bin ich mir nicht ganz so sicher." Er zwinkerte mir schelmisch zu, bevor er wieder ernst wurde.
"Dir ist sicherlich bekannt, dass der Wettlauf von allen zehn Adelshäusern gemeinsam ausgerichtet wird, um fair und ohne Kriege den nächsten König zu bestimmen. Deshalb darf jedes Adelshaus eine Aufgabe einreichen, die den künftigen König auf seine Eignung prüfen soll. Die Priesterschaft genehmigt das und stellt die letzte Aufgabe. Vereinfacht gesagt kannst du sie als Schiedsrichter betrachten, die gewährleisten sollen, dass niemand sich einen Vorteil ertrickst.
Deshalb legen sie auch jedes Mal aufs Neue die Strecke fest und die einzelnen Abschnitte den Adelshäusern zu, damit sie sie der Aufgabe entsprechend gestalten können.
Wir wissen noch nicht, wo die Strecke dieses Mal liegen wird. Oder ob, es Sonderregelungen gibt. Geschweige denn, was die Aufgaben der anderen Häuser sein werden."
"Moment, warte mal ne Sekunde." Ich musste diesen Informationsschwall erst einmal sacken lassen.
"Wenn ich das richtig verstanden habe, dann prüft ihr mich und die anderen Champions darauf, wie gute Herrscher wir wären."
Er nickte.
"Aber das ergibt doch überhaupt keinen Sinn!"
Rabenklaue nahm das offenbar als Einladung, sein dämliches Grinsen wieder aufzusetzen.
"Sehr scharfsinnig, mein lieber Champion. Vielleicht steckt ja doch ein wenig mehr in dir, als ich dachte. Und hier kommt mein Rat an dich: akzeptier besser zeitig, dass die Welt keinen gerechter Ort ist und nicht alle Regeln immer einen Sinn ergeben." Er machte eine kurze Pause und blickte mich ernst an, ehe er fortfuhr. "In Wirklichkeit werden natürlich alle Adelsdynastien versuchen ihren Teil der Strecke so zu gestalten, dass der eigene Champion ein möglichst leichtes und alle anderen ein möglichst schweres Spiel haben."
Er zwinkerte mir verschwörerisch zu. "Aber keine Angst, wir werden dich schon nicht hängen lassen. Im Zweifel müssen wir zwar Rechenschaft bei den Priestern ablegen und begründen warum wir uns für bestimmte Aufgaben und Regelungen auf unserem Abschnitt entschieden haben, aber wenn man nur aufmerksam genug nach einer Begründung sucht, kann man immer etwas an den Haaren herbeiziehen.
Außerdem mischen sich die Priester sowieso so gut wie nie in unsere Angelegenheiten ein.
Zumal die Vorschrift, dass die Aufgaben sozusagen auf den perfekten König zugeschnitten werden müssen, noch aus der Zeit stammt, als die Thronanwärter selbst zum Wettlauf antraten. Seit wir das System mit den Champions haben ist das natürlich ein wenig lächerlich. Das wissen auch die Priester.
Und ob du es mir glaubst oder nicht, ich bin auch kein Fan davon, wie die Dinge hier zurzeit laufen. Aber das ist ein anderes Thema.
Wobei, eigentlich stimmt das so nicht mal ganz.
Es ist kein Geheimnis, dass es dem ursprünglichen Sinn des Wettlaufes nicht entspricht, andere an unserer Stelle kämpfen zu lassen.
Aber genau aus diesem Grund, wirst du die Reise auch nicht völlig allein antreten."
Er machte eine kurze Pause, bevor er würdevoll verkündete: "Ich werde dich begleiten. Zumindest in gewisser Weise."
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Im Zeichen des Raben
Science FictionIn ferner Zukunft. Kriege, Klimawandel und Umweltverschmutzung haben ihren Tribut gefordert. Unsere heutige Zivilisation wurde vom Erdboden getilgt. Aus ihren Ruinen sind neue Hochkulturen entstanden. Neue Königreiche regieren nun die Welt. Für viel...
