26. Kapitel - Die Schatten der Nacht

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Nervös kniddelte Mark das winzige Papierstück, das Zaarah ihm heute Nachmittag zugesteckt hatte zwischen den Fingern, faltete es und steckte es hastig zurück in die Hosentasche, nur um es gleich darauf wieder hervorzuholen.
Er ging schnurstracks zur einzigen Straßenlaterne dieser Gasse, die ihren Geist noch nicht völlig aufgegeben hatte, und bemühte sich die winzige, verschnörkelte Handschrift im Halbdunkeln zu entziffern. Dann suchte sein Blick das Straßenschild und die Hausnummer auf dem gegenüberliegenden Gebäude.

Schattengasse 27e

Es stimmte. Er hatte es schon mehrfach überprüft.
Unruhig blickte er auf die Uhr. Schon zwanzig nach eins.
Er steckte den Zettel zurück in die Hosentasche und begab sich erneut in die Dunkelheit vor der Haustüre von 27e. Was hatte Zaarah mit dieser Nachricht bezweckt?
Würde sie überhaupt kommen?
Und wieso um alles in der Welt hatte sie ihn ausgerechnet um diese Uhrzeit herbestellt?
Nur ein Idiot wagte sich nachts völlig alleine auf die Straßen. Oder Leute, die etwas zu erledigen hatten, das tagsüber nicht ratsam war. Er schauderte.

Was machte er eigentlich hier? Es dumm gewesen einfach so auf die Forderung auf dem Zettel einzugehen.

Schattengasse 27e
1:00 Uhr

Er verschränkte die Arme vor der Brust. Nachts wurde es noch empfindlich frisch. Er hätte eine Jacke mitnehmen sollen. Langsam ging er die Straße auf und ab. Seine Schritte verursachten leise, schmatzende Geräusche auf dem durchweichten Boden. Zumindest hatte der Regen endlich aufgehört.
Mit einem Mal blieb er stehen und blickte sich hastig um. Es war nicht klug so laut zu sein. Schon gar nicht in dieser Gegend.
Doch es war niemand zu sehen. Erleichtert atmete er auf.

Er blickte erneut auf die Uhr. Immer noch zwanzig nach eins.
Er sollte gehen.

Doch gerade als er sich umgedreht hatte, knarzte es leise hinter ihm. Sofort wirbelte er herum. Aber es war nur Zaarah, die den Kopf vorsichtig aus der Türe von 27e streckte. Als sie ihn entdeckte lächelte sie. Er öffnete den Mund um zu fragen, wieso sie erst so spät kam und warum genau sie sich gerade um diese Zeit hatten treffen müssen, doch Zaarah legte warnend den Zeigefinger auf den Mund. Er sollte still sein.

Wachsam blickte sie sich um, zog sich eine Kapuze tief ins Gesicht und bedeutet ihm mit einer knappen Geste ihr zu folgen. Sie bewegte sich selbst in der Dunkelheit erstaunlich geschickt durch das Gassengewirr. Ganz im Gegensatz zu ihm. Ständig rutschte er auf irgendwelchen matschigen Dingen aus, die in der Gosse lagen. Oder er trat gegen scheppernde Dosen, was ihm jedes Mal aufs Neue einen wütenden Blick von Zaarah einbrachte. Glaubte sie etwa er würde es absichtlich machen?

Kurze Zeit später zupfte Zaarah ihn am Ärmel. "Warte kurz. Hab' was vergessen," hauchte sie und bückte sich, um an ihren Schuhen herumzunesteln. Nervös blickte Mark sich um. Hatte er eben Schritte gehört?
Neben ihm richtete sich Zaarah wieder auf. "Komm," murmelte sie leise und marschierte zügig weiter. Erst auf den zweiten Blick bemerkte Mark, dass sie nun ein langes, scharf aussehendes Messer in der Hand hielt. Während sie ihren Weg fortsetzten achtete sie sogrsam darauf, dass es stehts gut zu sehen war. Abschreckung, vermutete Mark. Ganz sicher war er sich aber nicht.

Nach einer gefühlten Ewigkeit bogen sie schließlich in eine große, breite Straße ab, die Mark erst auf den zweiten Blick erkannte. Die Prachtstraße. Obwohl die Räumung erst wenige Tage zurücklag hatten sich schon wieder erste Verkaufsstände gebildet. Manche bestanden aus nicht mehr als einem baufälligen Tisch oder einer aufgespannten Plane. Hin und wieder bemerkte er aus den Augenwinkeln dunkel gekleidete Gestalten, die rasch von Schatten zu Schatten huschten. Er spürte, wie sein Herz begann, schneller gegen seine Rippen zu klopfen. Was zum Teufel wollte Zaarah hier?

Sie hatte ihm versprochen, dass sie ihm einen Weg zeigen würde Mia zu befreien. Was aber mochte das für ein Weg sein, wenn man sich dazu um eine Zeit herumtreiben musste, in der jeder, auch nur halbwegs rechtschaffene Mensch längst Zuhause im Bett lag? Und wieso mussten sie ausgerechnet hierherkommen?

Tagsüber mochte die Prachtstraße vielleicht den Anschein einer ganz normalen Straße mit einem relativ normalen Markt und weitestgehend legalen Produkten erwecken, aber sobald sich Dunkelheit über die Gassen senkte, konnte man für nichts mehr garantieren. Es war dumm gewesen Zaarah zu vertrauen.
Er wollte es sich zwar nicht gerne eigestehen, aber sie wirkte, als täte sie das alles nicht zum ersten Mal. Woher wusste sie von solchen Dingen?
Und was genau bezweckte sie mit dieser Aktion?

Eines war jedenfalls sicher, sie war ganz gewiss nicht das schüchterne, kleine Mädchen, für das er sie immer gehalten hatte. Aber was war sie dann?
Und noch viel wichtiger: wie viel hatte Mia davon gewusst?

Im Zeichen des Raben Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt