11. Kapitel
Als ich am Morgen aufwachte, war Chris nicht so gutgelaunt, wie sonst. „Was ist los?“ fragte ich vorsichtig. „ Die Dunkelheit. Wir sind nun am Anfang der dunklen Energie angelangt“ antwortete er mir mies gelaunt. Tatsächlich, wir saßen nur wenige Meter von einer Art unregelmäßigen Grenze entfernt. Der Himmel und der Boden wirkte schwarz, und wurde dunkler und finsterer, je weiter man in die Ferne blickte. Es erschien einfach trostlos. Auch schwebten im Himmel keine bunten Traumenergien und Traumblasen umher, sondern schwarze. Ein violetter Energiefaden streifte die dunkle Zone, und wurde sofort blasser, und anschließend schwarz. Chris sprang auf, spurtete zum Faden, ergriff ihn mit bloßen Händen, und wider meiner Erwartung konnte er ihn anfassen und halten wie eine gewöhnliche Schnur. „Halt das mal, bitte“ bat er mich, und drückte mir den Schwarzen Energiestreifen in die Hand. Er fühlte sich eiskalt an, und wie ein Luftstrom, nicht wie irgendetwas Materielles. Chris zeichnete währenddessen auf seinem Block, doch er saß mit dem Rücken zu mir, also konnte ich nicht erkennen, wie sein Bild von positiven Gefühlen aussah. Er wandte sich mir zu, betrachtete den Faden, und seufzte: „vollkommen verseucht, da kann man nur noch hoffen!“ Dann griff er in das Blatt hinein, und hielt ein gleißend helles Licht in den Händen. Er legte es auf meine Hände, in denen der leblose Energiefaden lag. Dieses Licht war angenehm warm, und machte mich glücklicher, je länger ich es in der Hand hielt. Es wurde kleiner und kleiner. „Die Traumenergie wird positiv aufgeladen, die guten Gefühle werden aufgenommen!“ Chris Stimme triumphierte. Umso kleiner das Licht wurde, desto heller schien der Energiefaden. Das Schwarz wich vollkommen und das violett wurde immer kräftiger. Als das Licht verschwunden war, war die Traumenergie warm und hell. Sie begann sich zu kringeln, und entwich mir wieder. Gerade durfte ich Zeuge der Arbeit eines Sendatu werden.
Die Landschaft der dunklen Zone wirkte verdorrt, und bestand nur aus abgestorbenen Bäumen und Steinboden. Ziemlich trist, das alles hier wirkte einschüchternd und beängstigend. „Los geht´s!“ rief Chris mit aufmunternder Stimme. Er wollte uns beiden Mut machen, doch leider war er wenig erfolgreich. „Da rein? NEE GANZ SICHER NICHT!“ wieso sollte ich da bitteschön reinwollen? „Wenn du jemals wieder nach Hause willst, musst du da rein. Und zwar jetzt und nicht irgendwann in ein paar Jahren, weil dann existiert diese Welt nicht mehr. Und du übrigens auch nicht!“ Seine Grünen Augen wirkten streng und ernst, doch sein Chris-Lächeln machte das locker wieder wett. „Okay, na dann…los geht´s!“ gleichzeitig schritten wir über die Grenze. Ich warf einen letzten Blick zurück zur Lichtzone, blickte dann wieder starr gerade aus und lief in die Dunkelheit hinein. Je länger wir liefen, desto düsterer wurde die Welt um uns. Und je länger wir in der Dunkelheit liefen, desto schlechter fühlte ich mich. Zuerst nur unwohl, aber irgendwann wurde ich wütend und traurig. „ICH WILL NICHT MEHR!!!DAS ALLES HIER ERGIBT ÜBERHAUPT KEINEN SINN!!! ICH HASSE DICH UND DEINE SCHEIß WELT, UND ICH HAB SOWAS VON NULL BOCK, DEINE BEKNACKTE WELT ZU RETTEN!!!LASS MICH DOCH EINFACH HEIM!!!“ Tränen stiegen mir in die Augen, als ich Chris so anfuhr. Ich war so stocksauer, und wusste gar nicht wieso. Das war so schleichend und hinterlistig gekommen, dass ich es gar nicht bemerkt hatte. „ Lu, du kleines Dödelchen, beruhige dich erst mal! Das macht die Dunkelheit mit dir, du kannst nichts dafür!“ redete Chris mit besänftigender Stimme auf mich ein. „Setzen wir uns mal hin“ schlug er vor, und ich setzte mich auf einem verdorrten umgefallenen Baum. Auch der tote Baum wirkte schwarz. Chris zeichnete schon wieder, und wieder hatte er mir den Rücken zugewandt. Dann griff er in das Blatt hinein, und holte ein helles, gleißendes Licht hervor. „Lu, leg dich hin, und mach die Augen zu.“ „Wieso sollte ich das machen, nur weil du das sagst? Du bist nicht mein Bestimmer!“ Ich war pampig wie ein kleines Kind. Er näherte sich mir, doch ich schlug in von mir fort. „ LASS MICH IN RUHE!!!“ „Lu, leg dich jetzt hin!“ jetzt war auch er wütend. Seine Augen glänzten vor Zorn, und er machte mir Angst. „DU SOLLST DICH HINLEGEN HAB ICH GESAGT!“ ich legte mich auf den Rücken und schloss die Augen. Seine wunderschönen Augen sprühten wahrlich vor Wut, und ich wollte ihn nicht noch wütender machen. Etwas angenehm warmes berührte meine Stirn. Ich wurde durchflutet von Glück und Zufriedenheit. Ich öffnete die Augen. Chris strich sich mit einem kleinen Teil des Lichts über die Stirn. Seine Augen wurden wieder sanft. Als er sah, dass ich meine Augen geöffnet hatte, grinste er sein Chris-Grinsen. Ich wollte aufstehen, und taumelte etwas. „Setz dich noch eine Weile hin, das war grad ziemlich krass“ was du nicht sagst. „nein, es geht schon!“ sagte ich und stand problemlos auf. „Sorry, wegen gerade eben…“ flüsterte ich kleinlaut. „Hey, schon okay. Ich war auch nicht gerade freundlich. Mir tut es auch leid. Das macht die Dunkelheit. Du kannst nichts dafür. Die negative Energie verseucht dich und deine Traumenergie.“ Ich blickte mich um. Ich konnte nirgendwo einen Energiefaden entdecken. „Wo ist meine Traumenergie?“ Als du nach Somniorbis gekommen bist, hast du dich mit deiner Traumenergie vereint. Das merkt man als Mensch nicht. Sie ist jetzt in dir drinnen, zusammen mit deiner Lebens- und Herzenergie. Es heißt, wenn alle 3 menschlichen Energien vereint werden, ist man unsterblich, solange die Energien zusammenbleiben. Man soll zwar getötet werden können, aber nicht altern. Du könntest ewig hier bleiben, und würdest wie ich nie älter werden!“ – „Cool!“ – „Ja, aber weil ich nur halb Traumelf bin, bin ich viel verletzlicher als ganze. Traumelfen wachsen normal wie Menschen, bis sie ungefähr 16-20 sind. Dann verändert sich ihr körperlicher zustand nicht mehr“ erzählte er. „Interessant!“ das war wirklich ziemlich cool. Wir liefen eine Weile weiter durch die gruselige Landschaft. Jeder weitere Schritt schien noch mehr zu schmerzen als der zuvor, und bei jedem Schritt dachte ich, es kann nicht mehr schlimmer werden. Doch es wurde schlimmer, mit jedem Schritt. Ich fühlte mich die ganze Zeit beobachtet, aber nicht von Chris. Die ganze Zeit drehte ich mich um, um nachzusehen, was hinter mir war, doch ich konnte nichts oder niemanden entdecken. Der Gedanke verfolgt zu werden, hörte einfach nicht auf. Ich redete mir ein, dass das von der Dunkelheit kam, aber ich konnte es nicht so recht glauben, so in etwa, wie ich nie glauben konnte, dass meine Eltern tot waren. „Wie spät ist es?“ fragte ich. Hier in Somniorbis hatte ich überhaupt kein Zeitgefühl. Ich konnte nicht mal sagen, ob es morgens, mittags oder abends war, denn es war hier komplett finster, wie in der Nacht. Chris blickte auf eine kleine Taschenuhr. „ Hier etwa vier Uhr nachmittags, in der Welt der Menschen viertel nach zehn am Morgen, immer noch der Tag, an dem du nach Somniorbis gekommen bist.“ – „ Zeigt deine Uhr die Zeit von hier und der normalen Welt an?“ Chris schaute zum Boden, dann nickte er. „Mein Vater hat sie für mich gemacht…“ Er gab mir die Uhr in der Hand. Aus Gold, auf der flachen Oberseite stand Tempus non quiescit. Tempus est infitum. „Was heißt das?“ fragte ich neugierig. „Die Zeit ruht nie. Sie ist unendlich.“ Chris sah traurig aus. Ich öffnete die Uhr. Sie hatte ein Ziffernblatt mit 6 Zeigern. Drei Silbernen und 3 goldenen. Jeweils Stunden, Sekunden und Minutenzeiger. „Die goldenen Zeiger sind für Somniorbis, die Silbernen für die Welt der Menschen. Sie gehen meist genau so wie die goldenen, aber wenn ein Mensch hier ist, gehen sie sehr langsam. Man kann die Zeit verlangsamen, aber nie aufhalten.“ Ich betrachtete die Uhr weiter. Auf der Innenseite des Deckels war ein Bild angebracht. Eine blonde ca. 17-jährige mit blauen Augen, und ein blonder Mann, ungefähr zwanzig, mit stehend grünen Augen. In ihrer Mitte der kleine Chris, stehend grüne Augen, blonde Haare und sein typisches Chris-Grinsen. Ich war gerührt. Chris war wirklich traurig. Das wurde nur noch mehr verstärkt von der Dunkelheit. Ich hörte schon wieder Schritte hinter uns. Ich drehte mich um, und dann sah ich es. Eine schreckliche Kreatur, wie aus Schlamm gemacht. Um es herum waberte eine Art schwarzer Rauch. Auf seiner Stirn- oder da, wo die Stirn sein sollte, befand sich ein etwa münzgroßer, pechschwarzer Kristall. Aus diesem Kristall sprühte unermüdlich negative Energie. Es begann fürchterlich zu schreien und kreischen, und der Ton, der erzeugt wurde, lies mir das Blut in den Adern gefrieren, und jagte mir einen eiskalten Schauer über den Rücken. Mein Herz setzte kurz aus, und dann schlug es so schnell, wie es noch nie geschlagen hatte. Es fühlte sich an, wie dein Propeller. Starr vor Schreck blieb ich wie angewurzelt stehen. „Lu, Lauf!“ brüllte Chris. Seine Augen waren aufgerissen, und er hatte sein Gesicht schmerzlich verzogen. Dann packte er mich am Arm und zerrte mich mit. Es rannte uns mit seinen Stämmigen Beinen hinterher. Es sah so aus, als würde der Schlamm, aus dem es gemacht worden zu sein schien, ständig an ihm runterfliesen würde, doch sobald die Schlammtropfen den Boden berührten, verwandelten sie sich in Unmengen negative Energie. Die Schlammkreatur wurde aber durch den „Schlammverlust“ nicht kleiner, schmäler oder schwächer, sondern schien immer größer zu werden, je mehr negative Energie es freisetzte. Sein Gekreische war unerträglich. Wir rannten, und wussten nicht wohin. Das Schlammmonster immer uns hinterher, und es wurde einfach nicht müde. „Versteck dich, renn weiter!!!“ schrie Chris mir zu. Er drehte sich um, blieb stehen, und zog drei Silberne Pfeile, nicht größer als Dartpfeile, aus einem kleinen Lederbeutel, den er an seiner Gürtelschnalle trug. Er schrie wutentbrannt auf. Dann zielte er, und traf mit dem ersten Pfeil knapp neben den schwarzen Kristall. Er verschwand in den Schlammmassen, Kurz darauf wurde der Pfeil aus dem Schlammkörper des Monsters zurückgeschleudert. Chris wich aus, und der Pfeil verfehlte ihn nur knapp. Ich rannte weiter, mit Tränen in den Augen rang ich mit mir selbst. Ich wusste nicht, ob ich zu Chris zurück rennen, oder weiter in Richtung unseres Ziels laufen sollte. Ich musste diese Welt retten, denn nur so konnte ich auch die Menschheit retten, das wäre Chris´ Wille. Aber ich konnte doch jetzt nicht so feige sein, und einfach wegrennen. Vielleicht konnte ich Chris helfen, und verhindern, dass er…getötet wurde. Ich musste bei diesem Gedanken schlucken. Ich zögerte nicht lange, drehte um, und rannte zu Chris. Ich konnte erkennen, dass er nur noch einen Pfeil in der Hand hielt. Seine letzte Chance. Er zielte, und warf. Er traf mitten in den schwarzen Kristall. Er zersprang in tausende Einzelteile, und löste sich zu negativer Energie auf. Das Monster zerfloss wahrlich, und nichts blieb von ihm übrig, als schwarzer Schlamm, der sich langsam verteilte. Ich rannte auf Chris zu, und fiel ihm erleichtert um den Hals. Auch ihm fiel ein Stein vom Herzen. „gerade noch mal gut gegangen!“ stieß er außer Atem aus. „Ja! Was war denn das für ein Vieh?“ flüsterte ich. Mein Herz beruhigte sich langsam, schlug aber immer noch unnormal schnell. „Ein Diener der Tanti. Eine durch und durch böse Kreatur, ohne Seele, Herz oder Wille. Diese Monster entstehen allein durch Hass. Hast du diesen schwarzen Kristall gesehen?“ Chris grüne Augen waren voll von Furcht, aber auch von Sorge um mich. „Natürlich“ antwortete ich, und spielte mit einem Stein auf dem Boden herum. „Das war ein Splitter des bösen Kristalls, den Königin Yema, die Anführerin der Tanti besitzt. Durch ihren puren Hass wächst dieser Kristall. Manchmal erschaffen die Tanti Monster, in dem sie einen winzigen Splitter vom Kristall nehmen, und ihn mit purem Hass füllen. Weil er vom ursprünglichen Kristall getrennt ist, wächst er dann nicht mehr, sondern erschafft eine durch und durch grausame Kreatur, so wie das Monster eben.“ Seine Stimme war kalt und emotionslos. Plötzlich krachte etwas in der Ferne, wenig später durchzuckte ein Blitz den Himmel. Dann begann es zu regnen, nein, zu schütten. Das Gewitter kam immer näher, die Blitzte wurden heller, und folgten immer schneller nach dem immer lauter werdenden Donnerkrachen. Chris und ich trieften schon vor Nässe. „Schnell, stellen wir uns unter einem Baum unter!“ schrie Chris durch das Chaos. Ich folgte ihm, und hockte mich neben ihm auf den Boden. „Toll, also dass musste jetzt unbedingt sein!“ Chris grinste, und zog die blaue Wolldecke aus seinem Rucksack hervor. Er legte sie uns um die Schultern, und ich lies meinen müden kopf gegen seinen Oberkörper sinken. Er war so warm, und ich fühlte mich einfach nur geborgen bei ihm. Wie lange wir so da auf dem Boden saßen, wusste ich später nicht mehr, irgendwann musste ich eingeschlafen sein.
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never-never land -die Welt der Träume-
FantasyDie 15-jährige Luana entdeckt in einem geheimen Garten den Eingang zu Somniorbis, der Welt der Träume. Dort findet sie heraus, dass diese Welt, und somit auch die komplette Menschheit zerstört werden soll. Luana ist die einzige, die das noch verhind...