„Nun ja...“
Nervös kratzte sich Herr Braun am Kopf.
„Ich warte“, sagte Schmidt.
„Tja, ich habe eben gedacht dass wir wahrscheinlich nicht die einzigen sind, die von dem Staat in dem wir leben nicht sonderlich viel halten. Und ich hatte diese Idee... wieso sollten eigentlich nur Völker Staaten bilden können? Wieso nicht auch Interessensgruppen oder Einzelpersonen?“
„Nun, ein Volk spricht die gleiche Sprache, hat die gleichen Bräuche...“
„Ich bin mir da nicht so sicher. Mit den meisten meiner Kollegen habe ich mich weder gut verstanden noch verständigen können. Und was die gleichen Bräuche angeht... außer mir gab es keinen einzigen Vegetarier an der Schule.“
Schmidt saß da und starrte den Bildschirm an. Ihm fiel einfach keine Antwort ein. Es klang verrückt. Es klang wirklich absolut verrückt – aber auf eine seltsame Art und Weise auch absolut verlockend...
Unbemerkt von den beiden hatte sich ein Wächter genähert.
„Da ist Besuch da. Er will einen von euch sehen.“
Braun seufzte und stand auf.
„Ich gehe. Schau dir solange die Internetseite an, Schmidt. In den Foren gibt es schon einiges Interessantes zu lesen.“
Kurz darauf betrat Braun das Besuchszimmer – und blieb so abrupt stehen, dass der hinter ihm gehende Wächter gegen ihn stieß. Die Kinnlade des ehemaligen Lehrers klappte herunter. Langsam drehte er sich um.
„Wächter“, flüsterte er hinter vorgehaltener Hand „wie viel Leute sind das?“
Der Raum war vollgestopft mit Leuten aller Größen, Formen und Farben. Es wartete nicht ein Besucher auf Herrn Braun, es waren auch nicht zwei oder sogar zwei Dutzend. Es sah mehr nach zweihundert aus. Die Leute drängten sich zusammen, tuschelten und beschwerten sich wenn jemand auf ihre Füße trat.
Der Wächter hob eine Augenbraue. „Ich habe nicht nachgezählt. Aber die Schlange geht bis nach draußen und reicht dreimal um das Gefängnis herum.“
Wie betäubt setzte Braun sich vor die Glasscheibe, die die Gefangenen von der Außenwelt trennte.
„Ja bitte, was wünschen Sie?“ fragte er.
Der Mann auf der anderen Seite strich seine lange Dunkelblaue Robe zurecht und setzte sich.
„Wir sind zu Ihnen gekommen, Herr- oh, Verzeihung, spreche ich mit Herrn Schmidt oder mit Herrn Braun?“
„Mein Name ist Braun.“
„Andoa hat Sie gesegnet, Herr Braun. Sie sind von seiner himmlischen Macht auserwählt, zum Werkzeug der Vorsehung bestimmt.“
„Tatsächlich? Wer ist dieser Andoa? Ein Freund von Ihnen?“
„Ein Freund aller guten Gläubigen. Er ist mein Gott und Herr über die Welt.“
„Oh.“
„Um es kurz zu machen, ich bin der Abgesandte Andoas auf Erden. Meine Gefolgsleute und ich-“ der Mann wies auf eine Gruppe von Leuten, die hinter ihm stand, „wollen ein Paradies auf Erden errichten, in dem wir nach den wahren und einzigen Gesetzen unter der Herrschaft Andoas leben können.“
Gedanken rasten wie wild durch Herrn Brauns Kopf.
„Er nimmt das Ernst. All diese Leute nehmen meine Internetseite Ernst! Nur 29,99.- und du hast deinen eigenen Staat. So simpel. Und mein Name steht dort überall drauf. Ach du heilige Scheiße!“
„Nun“, hörte er sich wie von weit her sagen, „wenn ich Sie richtig verstanden habe, so wünschen Sie einen Gottesstaat.“
„Ja, genau.“
„Natürlich müssen Sie den Grund und Boden, sowie alle Gebäude darauf besitzen.“
„Kein Problem. Unser Hauptquartier liegt auf einem weitläufigen Gut, das sich in meinem Besitz befindet.“
„Die internationalen Rechtsstandards müssen beachtet werden. Eine Liste kann man sich auf unserer Webseite herunterladen. Dann zahlen Sie die entsprechende Summe auf mein Konto, die Kontonummer und Preisliste finden Sie ebenfalls auf der Webseite. Wenn Sie das erledigt haben, bleibt nur noch die Gründungsurkunde – wir bereiten Sie vor, und sobald Sie das Geld überwiesen haben, können Sie herkommen und unterschreiben.“
„Ausgezeichnet. Ich muss schon sagen, Ihre Firma ist gut organisiert.“
„Vielen Dank. Wir... wir versuchen immer unsere Kunden zufriedenzustellen. Der Nächste bitte.“
„Nein, warten Sie noch kurz.“
Der Wächter trat vor, mit einem Zettel in der Hand.
„Häftling Schmidt hat mich gebeten, Ihnen das zu geben, Braun.“
Braun entfaltete den Zettel und las.
Und las noch mal.
Und noch einmal.
Habe übers Internet Kontostand unserer ’Firma’ überprüft:
93 928 586 €
Schmidt
Während er sich langsam wieder der Glasscheibe zuwandte, zerknüllte Herr Braun den Zettel und hielt ihn mit schweißnassen Händen fest umklammert. Er zwang ein Lächeln auf sein Gesicht. Eine Frau in mittleren Jahren hatte ihm gegenüber Platz genommen.
„Guten Tag. Was für einen Staat wünscht die Dame?“
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GLG
Robert
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Die Staats-AG
ComédieZwei Unglückliche die in den Wagen des auf sie angesetzten Steuerfahnders gerasselt sind und jetzt für fünf Jahre hinter Gittern sitzen sinnen auf Rache gegen das System: Vom Gefängniscomputer aus eröffnen sie die Website www.staats-ag.de, auf der s...
