Fallons P.o.V.
Ich schlug die Augen auf und blinzelte als ich die Helligkeit im Raum wahrnahm.
Alice zog den letzten Vorhänge zur Seite und klatschte dreimal in die Hände.
"Miss, ich habe sie schon zweimal gerufen. Hatten Sie einen tiefen Schlaf?", fragte sie und ich sah zu ihr rüber.
Langsam prasselte die einzelnen Erinnerungen auf mich ein und ich schreckte hoch, was ich sofort bereute.Bevor Alice etwas bemerken konnte, biss ich die Zähne zusammen und sank wieder auf mein Bett zurück.
"Ich hatte nicht so gut geschlafen", log ich und wälzte mich nach rechts.
Ich blickte auf den leeren Stuhl, wo sich Cayden nieder gelassen hatte.
Keine Ahnung, wann er gegangen war. Ich schlief so tief und fest, dass ich nichts wahrnahm.Ob er womöglich hier geschlafen hatte? Es lag eine Decke sauber gefaltet auf dem Sitz.
"Hatten Sie etwa in diesen Klamotten geschlafen?", fragte Alice irritiert und ich sah an mir runter.
Ich trug immer noch den Pulli von Cayden, der mir bestimmt zwei Nummern zu groß war.
Ich zuckte lediglich mit den Schultern und vergrub die Nase unter dem Oberteil. Der Geruch von Cayden stieg mir in die Nase und ich schloss meine Lider. Vor meinem inneren Auge tauchte sein Gesicht vor mir auf. Sein dunkles Haar, sein kantiges Gesicht, die geschwungenen Lippen zu einem Grinsen geformt und seine Augen in diesem Grünton, dass keinem Smaragd gerecht werden konnte. Sie hatten irgendwie etwas an sich, das mich komischerweise faszinierte.
"Miss, geht es Ihnen nicht gut?"
Ich seufzte und schlug die Augen nochmals auf."Alice, ich würde gerne alleine sein", flüsterte ich und sie schenkte mir einen besorgten Blick, doch ich antwortete nicht darauf.
"Soll ich Ihrem Vater Bescheid geben?"
Ich hielt inne. Mein Vater war der Letzte, der ich um mein Wohlergehen sorgen würde. "Sag' ihm, dass Ich mich für den Tag entschuldige", meinte ich und Alice nickte. Dann verließ sie endlich mein Zimmer.
Ich atmete tief aus und schloss wieder die Augen. Ich erlaubte mir, noch einmal an Cayden zu denken, obwohl es mir irgendwie falsch vorkam.
Ich erinnerte mich an den gestrigen Abend zurück. Wie er sich um mich gesorgt hatte, wie er mich beruhigen konnte, wie er mich berührte. So hatte mich noch nie jemand berührt. So sanft, fast liebevoll.
Ich seufzte auf und legte mir den Arm über die Augen.
Ich wusste nicht, was ich gerade von mir gab. Vielleicht hatte der Angreifer nicht nur meinen Bauch, sondern auch mein Kopf getroffen.
Meine Hände griffen nach meinem Handy und wählte die Kurzwahl. Es summte zweimal, bis angehoben wurde.
"Guten Morgen, Schlafmütze", begrüßte mich Cayden, was mich zum Lächeln brachte. "Wie geht's dir?"
Ich legte den Kopf schräg und tastete vorsichtig nach der Wunde. Leise stieß ich die Luft aus bei dieser kleinen Berührung. "Ging schon mal besser."
"Kanst du dich noch an das von gestern erinnern?"
Plötzlich wurde ich rot bei dem Gedanken, als er mich lange angesehen hatte. "Ja", räusperte ich mich schnell und verdrängte jede Erinnerung daran.
"Kannst du den Täter identifizieren?"
Ich biss mir auf die Lippe und dachte nach. "Es könnte jeder gewesen sein. Derjenige hatte sein Gesicht verhüllt, aber er wusste, was er tun musste, damit ich zu Boden ging."
"Jemand aus dem engeren Umkreis also", fügte Cayden hinzu und ich nickte.
"Jemand aus dem Training, der meine Kampfweise kennt." Ich hörte, wie Cayden tief die Luft ausstieß. "Harvey", raunte er in die Leitung, was mir plötzlich eine Gänsehaut verschaffte. Ich unterdrückte den Drang, mir über die Arme zu fahren.
"Wann werden wir uns das Haus ansehen?", fragte ich nach einer Weile.
Cayden schnaubte perlex. "Wir machen gar nichts. Du hast gerade erst einen Kampf hinter dir, der dich schwer verletzt hat. Du musst dich ausruhen."
Ich rollte mit den Augen und setzte mich vorsichtig auf. "Ich schaffe das schon. Außerdem brauchst du mich."
Cayden gab ein kurzes Lachen von sich. "Ich würde sagen, im Moment brauchst du mich viel mehr."
Meine Mundwinkel hoben sich leicht, doch ich unterdrückte es gleich wieder. "Danke, Cayden", wisperte ich so leise in die Leitung, dass ich mir nicht sicher war, ob meine Nachricht bei ihm ankam. "Ich glaube, ohne dich hätte ich es nicht-"
"Du hättest dasselbe auch für mich getan", unterbrach er mich sofort in gedimmter Tonlage.
Ich weiß nicht, ob es wirklich so selbstverständlich war, dass er mir tatsächlich geholfen hatte. Wir waren immer noch Feinde. Er hätte mich auch also einfach liegen lassen können - eine Cunnigham weniger am Hals. Er tat es aber nicht. Er half mir und rettete mir vermutlich dabei noch das Leben.
Ich biss mir kurz auf die Unterlippe und senkte meinen Blick zu dem Stuhl neben mir. "Wie", begann ich, "wie lange bist du noch geblieben?"
"Ich bin noch ein oder zwei Stunden wach gewesen bis ich selber eingeschlafen bin", erzählte er. Ein oder zwei Stunden? Er verbrachte wirklich so lange noch in meinem Zimmer, bis er neben mir eingeschlafen war?
"Wieso bist du nicht gleich nach Hause gegangen, als du gemerkt hast, dass ich nicht mehr wach war?", fragte ich nach.
Zuerst kam keine Antwort, also beschloss ich die Frage fallen zu lassen, doch dann räusperte er sich. "Um ehrlich zu sein, weiß ich es selber nicht genau. Ich schätze, ich wollte sicher gehen, dass der Angreifer auch fern von dir bleibt. Ich hätte es mir nie verziehen, wenn dir etwas passiert wäre, das ich hätte verhindern können."
Ich hielt die Luft an und starrte nach vorne.
Er hatte sich um mich gesorgt? Noch nie hatte sich jemand um mein Wohlergehen gekümmert, außer vielleicht meine Mom oder Alice, obwohl es ihr Job war, nach mir zu sehen.
Er wollte mich beschützen? Abgesehen von der Tatsache, dass ich keinen Schutz brauchen würde, weil ich gut alleine zu recht kam, blieb er in dem Moment bei mir, in dem ich am angreifbarsten war. Er hätte mich vielleicht sogar vor dem Angreifer verteidigt, der möglicherweise zu seiner eigenen Familie gehörte. Die Familie stand dabei eigentlich immer an erster Stelle. Eigentlich. Ich wusste nicht, was ich hätte sagen sollen. Er hätte sich gegen die Leute gestellt, die er sein ganzes Leben lang bereits kannte.
Cayden räusperte sich am anderen Ende der Leitung, was mich aus meinem Gedankengang riss. "Du solltest dich jetzt weiterhin ausruhen", murmelte er, was mir ein dumpfes Gefühl gab. Ich hatte nicht das Bedürfnis, jetzt schon unser Telefonat zu beenden. Dennoch nickte ich langsam.
"Ich werde die nächsten Tage wohl nicht so aktiv mitarbeiten können."
"Du brauchst jetzt Ruhe, Fallon", lächelte er sanft und ich hielt inne. Ich konnte nicht anders, als ihn mir mit seinem Grinsen im Gesicht vorzustellen.
"Ich werde versuchen, etwas wegen des Angriffs herauszufinden, dabei brauche ich keine Hilfe." Auch wenn es in keiner Weise vorwurfsvoll gemeint war, konnte ich nichts gegen dieses Unwohlsein in meinem Magen tun.
"Dann sehen wir uns wohl erst einmal nicht." Es klang wie eine Feststellung, obwohl ich es eigentlich als Frage formuliert hatte. Cayden holte tief Luft und stieß diese dann wieder langsam aus. "Ich denke, eher nicht."
Ich legte den Kopf in den Nacken und schloss unweigerlich meine Augen. Ich wusste nicht, was mit mir plötzlich los war. Cayden hatte mir vermutlich das Leben gerettet, er hatte sich um mich gekümmert, und trotzdem war er immer noch ein DeLaurant. Jemand, dem ich eigentlich nicht vertrauen durfte. Jemand, mit dem ich nicht gerne Zeit verbringen sollte.
"Fallon?" Caydens tiefe Stimme hallte in mein Ohr wider. "Pass auf dich auf, ja?"
Ich lächelte und schüttelte schwach meinen Kopf. "Ich kann nichts versprechen."
Cayden schmunzele. "Bis dann", raunte er ins Telefon. Bevor ich auch nur etwas antworten konnte, hatte er bereits aufgelegt. Meine Hand strich über meine Wangen, die sich plötzlich ganz heiß anfühlten. Ich musste noch nicht zu einem Spiegel laufen, um zu wissen, dass sie gerötet waren.
DU LIEST GERADE
Forbidden love
RomanceIhre Liebe ist verboten. So sind die unausgesprochenen Regeln. Das Leben und der Umgang zwischen den DeLaurants und den Cunninghams ist zwar friedlich, doch eigentlich sind sie bis ins Tiefste seit Jahrzehnten verfeindet. Cayden und Fallon, die Kind...
