Kapitel 22

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Ich lag in meinem Bett und las mir gerade die aktuellen Nachrichten aus Paris durch, als die Zimmertür aufging. Niemand hatte geklopft, wohlgemerkt.
Doch das war mir sofort egal, als ich sah, wer im Rahmen stand.
Andrew!
Ich sprang sofort auf und rannte auf ihn zu, als mir - natürlich viel zu spät - auffiel, dass das komisch aussehen musste, wenn ich ihn so heftig umarmte.
Also zügelte ich mein Tempo, ging einfach zu ihm hin und umarmte ihn dann trotzdem.
"Hey, du bist wieder fit."
"Jap. Und ich bin sogar schon so fit, dass ich zurück ins Hotel darf. Ich muss nur noch zweimal zur Beobachtung hierher."
"Das sind ja gute Nachrichten. Apropos Nachrichten. Es hat dich jemand angerufen, den du zurückrufen sollst. Sie meinte, du wüsstest schon, wer das ist."
"Ach, stimmt. Sie hat sich bestimmt schon große Sorgen um mich gemacht. Wollen wir zum Hotel zurück? Ich denke, wir könnten beide eine kleine Auszeit von Krankenhaus und dem ganzen Zeug brauchen."
"Ja, gute Idee."
Nachdem Andrew noch den Papierkram erledigt hatte, was ziemlich lange gedauert hatte, weil der Doktor, der ihn betreute weder Englisch noch Deutsch, also nur Französisch konnte, verließen wir endlich das Krankenhaus.
Es war recht kalt und es lag eine dünne Schicht Schnee auf den Trottoirs.
"Wir gehen besser zu Fuß zum Hotel, weil auf ein Taxi habe ich irgendwie gerade nicht so große Lust."
"Ja. Sind ja nur drei Kilometer."
"Willst du vielleicht noch einen Kaffee oder einen Tee?", fragte Andrew mich.
"Ja, ein Tee wäre gut. Ich kann uns aber auch schnell einen holen. Da drüben ist ein Café. Was möchtest du haben?"
"Ich nehme einen Cappuccino. Und eigentlich dachte ich jetzt, dass ich dich einlade, aber danke, wenn du mich einlädst."
"Oh. Also ich dachte nur, weil du ja kein Französisch kannst, dass es besser wäre du..." "Hey, kein Problem. Ich warte hier auf dich."
Ich ging über die Straße zu dem kleinen Café.
Als ich eintrat, roch ich den typischen Duft eines Pariser Cafés. Ich liebte diesen Geruch. Dann war ich kurz erstaunt. Seit ich mit Andrew hergekommen war, fielen mir immer mehr Dinge auf, die ich eigentlich an Paris mochte. Und die ich verdrängt hatte, seit ich mit sechzehn weggegangen war.
Ungefähr fünf Minuten später trat ich mit einem Schwarztee und einem Cappuccino aus der Tür und überquerte die Straße.
Andrew stand mit dem Rücken zu mir und telefonierte.
Bestimmt hatte er die Zeit genutzt, um seine Freundin - von mir unbemerkt - anzurufen. Ich blieb einige Meter entfernt stehen, um nicht zu stören und es so aussehen zu lassen, als hätte ich nichts mitbekommen, dabei konnte ich jedes Wort hören.
[...] Du weißt, es ist nicht so einfach. Besser: Es ist sehr kompliziert. Ja, ich weiß, ich weiß. Ich sollte es sagen.
Ach, keine Ahnung. Egal, ich muss jetzt aufhören.
Lieb dich auch.
Mehr musste ich nicht hören. Er hatte definitiv eine Freundin. "Oh, hey. Du bist ja schon wieder da."
"Ja."
"Ist irgendetwas?"
"Nein."
"Okaaay. Du weißt du kannst mit mir reden." Nicht über dieses Thema. "Ja."
Man! wieso ließ ich mir das so anmerken, dass ich traurig und enttäuscht war. Als er mir letztens sein Herz ausgeschüttet hatte, hätte er es mir sagen können. Ich war auch wütend. Auf mich. Dass ich mich so von meinen Gefühlen treiben ließ, dass es mich jetzt dermaßen umhaute und ich rein gar nichts gegen den Kummer tun konnte, der sich gerade in meinem Herz ausbreitete.
Den ganzen Rückweg über schwiegen wir. Ich trank meinen Tee und ich sah, dass es Andrew unangenehm war. Bestimmt würde er jetzt gleich das Schweigen brechen.
"Du magst Schwarztee?" Ich hatte es doch gewusst. Ich musste leicht grinsen. Dann erschreckte es mich gleichzeitig, dass ich ihn schon so gut einschätzen konnte.
"Ja. Ich mag den Geschmack und die Farbe. Und er ist nicht so teuer wie Kaffee."
Dann herrschte wieder Stille.
Nach ungefähr einer halben Stunde waren wir beim Hotel angekommen und gingen auf unser Zimmer.
Ich hatte das große Bedürfnis, mich zu duschen und einfach für immer im Bett zu verschwinden. "Du kannst zuerst duschen, wenn du willst."
"Danke."
Ich ging schnell zu meinem Koffer und hüllte mich, nachdem ich mich ausgezogen hatte, in ein großes, weißes Handtuch.
Ich sperrte das Bad ab und ging dann zur Dusche.
Ich stellte sie auf eiskalt und betrat die Kabine. Es war eine Regendusche und ich fühlte mich ein bisschen verloren. Ganz alleine, Im Regen. Wie früher. Nur mit dem Unterschied, dass ich da nicht auch noch mit Liebeskummer zu kämpfen gehabt hatte.
Nach einer halben Stunde realisierte ich, dass ich immer noch unter der Dusche stand und beeilte mich, aus der Dusche hinauszukommen. Im ganzen Bad war es recht kühl, da so lange die Dusche gelaufen war.
Dann bemerkte ich, dass ich keine Anziehsachen mitgenommen hatte.
Superschlau mal wieder.
Und Andrew saß vermutlich im Wohnzimmer und würde mich sofort sehen, wenn ich aus der Dusche kam.
Ich sperrte auf und lugte vorsichtig aus der Tür.
Und ich hatte ein riesiges Glück. Er war wahrscheinlich in der Küche oder sonst wo, aber zumindest nicht auf dem Weg vom Bad zum Schlafzimmer.
Schnell schlich ich aus dem Bad und rannte zum Schlafzimmer hinüber.
Ich machte die Tür auf und -
Und stieß mit voller Wucht mit Andrew zusammen.
Er hatte nur noch seine Boxershorts an und war Oberkörperfrei.
Wir fielen beide auf den Boden und schrien gleichzeitig auf.
Ich fühlte mich mal wieder wie "Selbst ist die Braut", nur mit dem Unterschied, dass wir nicht nackt waren.
"Was machst du denn hier?", schrie Andrew mich an.
"Ich hatte meine Anziehsachen hier vergessen.", schrie ich zurück.
Er hatte kein Recht, mich hier so anzuschreien. Immerhin war er einfach in das Schlafzimmer gegangen und hatte mir nicht Bescheid gesagt.
Er sah mich nur an und sein Blick glitt an mir herunter. Wir lagen immer noch auf dem Boden. Er über mir. So nah. So weit weg.
Dann fing er plötzlich an, zu lachen. Wahrscheinlich sah ich dumm aus.
"Sorry, Juliette. Das ist gerade wirklich zu komisch."
"Ach nee.", knurrte ich.
Er rappelte sich auf und ging dann einfach aus dem Zimmer.
Kurz blieb ich noch liegen und spürte immer noch seinen Körper auf mir. Dann stand auch ich schnell auf und zog mich an.

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